Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter

 „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.

Mit diesem Satz beginnt dieser vom Umfang her recht schmale Roman und nimmt dabei bereits das Ende vorweg. Hier gibt’s kein Happy End und möglicherweise auch kein leichte Kost. Gleichzeitig verweist er bereits auf die drei großen Themen dieser Geschichte, durch die uns der elfjährige Ich-Erzähler Tobias Ahrens führt.

Beginnen wir mit dem Sommer 1969, eine Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche und politischer Veränderungen. Als Sinnbild dessen brechen plötzlich die neuen Nachbarn ist das wohlgeordnete Leben von Tobias und seiner Eltern ein, die bis zu diesem Zeitpunkt das Ideal einer bürgerlich-konservativen Vorzeigefamilie verkörpern. Die Neuen von nebenan sind jedoch das genaue Gegenteil, überzeugte Kommunisten und freiheitlichen Entwicklungen gegenüber sehr aufgeschlossen. Dazu gehört auch ein anderes Bild der Frau: die neue Nachbarin raucht, trägt Jeans, geht demonstrieren und einer eigenen Arbeit nach. Sie ist all das, was Tobias Mutter nicht ist.

Trotz dieser Unterschiede freunden sich die ungleichen Paare an und so tritt die dreizehnjährige Nachbarstochter in Tobias Leben, das bis dahin vor allem durch seine Faszination für den Weltraum, Raketen und die Mondlandung geprägt war. Sie pflanzt in sein bis dahin noch kindliches Gemüt die Erkenntnis, dass es auch unten auf der Erde Interessantes zu entdecken gibt, insbesondere wenn es sich dabei um einen Vertreter des anderen Geschlechts handelt.

Und so wie Tobias entdeckt auch seine Mutter eine neue Welt, mit allen Konsequenzen.

Thematisch ist eigentlich alles vorhanden, um daraus eine gute Geschichte zu stricken. Über Welten, die aufeinanderprallen, mit all den persönlichen Sensationen, aber auch Katastrophen, die das mit sich bringt. Und das vor der historischen Kulisse der späten 60er Jahre, einer Zeit, die wie kaum eine andere für Befreiung und Aufbruch steht. Das verspricht Dynamik, Intensität und jede Menge Drama.

Leider konnte ich in diesem Buch davon wenig wiederfinden. Lobend lässt sich erwähnen, dass Woelk die konservative Vorortidylle der späten 60er Jahre sehr anschaulich beschrieben hat. Und zwar so plastisch, dass einen die Ödnis und Langeweile direkt anspringt. Wenn ich seitenlang über Kricketspiele im Garten und Fernsehabende lese, überfällt mich eine spontane Lähmung. Die emanzipatorische Veränderung der Mutter und Tobias‘ erste Schritte auf dem Weg zum Erwachsenwerden waren für mich zwar thematisch interessant, in der Schilderung aber überwiegend kraftlos und streckenweise schlichtweg langweilig. Lediglich das Ende hat nochmal einiges rausgehauen. Hier kommt endlich die Tiefe in die Geschichte, die einem eine Idee davon gibt, wie es hätte sein können.

Und die mich noch mit guten Gewissen drei Sterne verteilen lässt.

Bewertung: 2.5 von 5.

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter. München: C.H.Beck Verlag, 2019

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