Tonio Schachinger: Nicht wie ihr


Wäre das Buch nicht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis und hätte ich mir nicht vorgenommen, diesmal alle nominierten Titel zu lesen, hätte ich es wohl nicht in die Hand genommen, denn hier geht es um Fußball. Genauer, um ein Jahr im Leben des Fußballstars Ivo Trifunović, in dieser Geschichte einer der bestbezahlten Fußballer der Welt. Nun habe ich keine großen Schnittstellen zum Thema Fußball, kann mir aber auch in dem Rahmen interessante Handlungen vorstellen, suggeriert doch der Titel eine Coming Out-Geschichte oder zumindest mal irgendwas mit Tiefgang.

Aber nichts falscher als das. Vielmehr bekommt man einen kleinen Einblick in das Leben der Superreichen, nur leider von der allerdumpfesten Sorte. Ich fühlte mich über weite Strecken so, als hätte der Autor in der letzten Eckkneipe mitstenographiert und das nach dem zehnten Bier der dort Versammelten. Man erfährt so einiges über europäischen Fußball, das nervige Leben als Prominenter, die geilen Brüste der Ehefrau und diverse Pornophantasien und vor allem lernt man Kraftausdrücke jeglicher Art, noch dazu mit Wiener Dialekt. Aber will man das wirklich wissen?Dass ich nicht nach dem ersten Drittel abgebrochen habe, lag daran, dass es mich dann doch interessierte, wie die Affäre mit Ivos Jugendliebe Mirna weitergeht. Vielleicht habe ich auch gehofft, dass noch was Geistreiches kommt, schließlich ist das Buch ja für den Buchpreis nominiert. Aber das ist für mich bis zum Schluss ein Rätsel geblieben. Und auch das mit der Affäre, puhhh, aber lest selbst…
Das Buch wird auf dem Klappentext als rotzig, deep und fresh angepriesen. Ist das rotzig und fresh, wenn gefühlt auf jeder zweiten Seite Hurensohn steht? Kleine Kostprobe gefällig?

Ivo möchte seine Tochter vom Kindergarten abholen, nur leider steht er nicht auf der Abholliste und der Erzieher will das Kind nicht irgendjemandem rausrücken, der da mal eben so vorbeischaut. Logisch. Wahrscheinlich holt sonst immer die Frau oder die Nanny die Tochter ab…

Was soll los sein, oida! Ich steh hier in Lenas Kindergarten und dieser absolute Hurensohn von einem Scheißkindergärtner lässt sie mich nicht abholen, weil ich nicht auf irgendeiner Liste stehe.“ (S.175f)

Nun könnte man einwenden, vielleicht will der Autor unserer Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Den Blick schärfen für die hohlen Nüsse unter denen ganz oben auf der Gehaltsliste. Aber dazu muss ich nur mal kurz den Fernseher anmachen. Und wenn man diesen Anspruch hat, muss man das schriftstellerisch schon geschickter anstellen.
Deep? Ja, unterirdisch.

Bewertung: 1.5 von 5.

Tonio Schachinger: Nicht wie ihr. Wien: Kremayr & Scheriau, 2019

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