Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter


Noch während sich der Fabrikant Jakob Biedermann über die zunehmende Brandstifterei in der Stadt ereifert, bittet der ehemalige Ringer Josef Schmitz um ein Quartier in seinem Haus und mietet sich auf dem feuergefährlichen Dachboden ein. Seiner buchstäblich raumgreifenden Art hat das Ehepaar wenig entgegenzusetzen, auch nicht, als er weitere Freunde ins Haus einlädt und diese offensichtliche Vorbereitungen für eine Brandlegung treffen. Biedermann verschließt bis zum Schluss die Augen vor der drohenden Gefahr.
Wem dieses Szenario aus der Geschichte bekannt vorkommt, liegt richtig, denn selten sind die Mechanismen der faschistischen Machtübernahme so auf den Punkt gebracht worden, wie in diesem Drama. Ein politische Parabel über Manipulation, Leichtgläubigkeit und Opportunismus, heute so aktuell wie damals, denn geistige Brandstifter gibt es auch heute noch mehr als genug. Und ebenso viele, die sie nicht Ernst nehmen.
Für mich eines der besten und bedeutensten Dramen überhaupt, in seiner Art zeitlos und immer wieder aktuell. Die Parallelen zu den historischen Ereignissen sind so perfekt auf den Punkt gebracht und in dem Bild des Brandstifters eingefangen, dass man es eigentlich nicht besser machen kann. Ebenso wie die Charakterdarstellung des dümmlich-spießigen Biedermann, der die Wahrheit selbst dann nicht erkennt, wenn er mit der Nase draufgestoßen wird und die Katastrophe dadurch ihren Lauf nimmt.

Natürlich bietet sich bei dem historischen Kontext dieses Drama als Schullektüre an und möglicherweise ist schon der eine oder andere auf diese Weise damit in Berührung gekommen. Nicht immer löst solche Pflichtlektüre große Begeisterung aus, denn das ist oft Lesen unter erschwerten Bedingungen. Aber keines hat so uneingeschränkte Begeisterung verdient wie dieser Klassiker, ein Meisterwerk.

Nach dieser Anmoderation verwundert die Sterne-Bewertung wahrscheinlich nicht, aber ist so zwangsläufig auch wieder nicht. Denn Dramen haben es in Textform wirklich nicht einfach. Sie sind zum Spielen gemacht, nicht zum Lesen. In dieser Form erscheinen sie oft sperrig und mühsam zu lesen, sind manchmal sogar harte Arbeit. Aber all das konnte diesem Werk nichts anhaben, es hat die volle Punktzahl zutiefst verdient.

Bewertung: 5 von 5.

Max Frisch: Biedermann und Brandstifter. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996 (Original 1958)

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