Ian McEwan: Der Zementgarten

Von außen betrachtet sind sie eine ganz normale Arbeiterfamilie in einer englischen Vorortsiedlung. Wenn auch sehr zurückgezogen. Die Stimmung hinter der Tür ist jedoch geprägt von den Launen des jähzornigen Vaters, Streitereien und Gefühlskälte. Die Kinder suchen Nähe und Schutz beieinander, was sich bei Jack und seiner großen Schwester zu einer inzestuösen Beziehung entwickelt. In kurzer Folge stirbt erst der Vater und die Mutter erkrankt an Krebs. Aus Angst, ins Heim zu kommen und voneinander getrennt zu werden, verheimlichen sie die Schwere der Erkrankung und später ihren Tod. Sie begraben sie im Keller in dem Zement, den der Vater kurz vor seinem Tod in großen Mengen bestellt hat, um den Garten ‚pflegeleicher‘ zu machen. Doch der Zement hält nicht und ein Freund der Schwester schöpft Verdacht…

Als ich das Buch das erste Mal gelesen habe, hat es mich total umgehauen angesichts der Verwirrung und Verwahrlosung dieser beiden Teenager, die plötzlich auf sich allein gestellt sind und sich um ihre beiden jüngeren Geschwister kümmern müssen. Beim reread hatte ich etwas mehr Distanz zu der Geschichte, finde sie aber nach wie vor zutiefst beklemmend. Aber in seiner Symbolik und Anlage der Geschichte wahnsinnig gut gemacht. Das ist so genau beobachtet und punktgenau beschrieben, dass einen die Verzweiflung dieser Kinder förmlich anspringt. Und sie machen das, was Teenager in dieser Situation tun: Verdrängen, Ausblenden, Improvisieren.
Jack, der Ich-Erzähler bringt diesen Zustand treffend auf den Punkt, er hatte das Gefühl „als säßen wir da und warteten auf ein schreckliches Ereignis, und dann fiel mir ein, dass es schon geschehen war.“ Mehr muss man vielleicht zu derf Grundstimmung des Romans nicht sagen. Das ist verstörend und manchmal schwer auszuhalten, aber dennoch ein großartiges Stück Literatur.

Bewertung: 4.5 von 5.

Ian McEwan: Der Zementgarten. München: SZ-Bibliothek, 2004 (Lizenzausgabe) / Zürich: Diogenes Verlag, 1980 (englisches Original 1978)

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