Max Frisch: Andorra

Der junge Andri, eigentlich das uneheliche Kind des Lehrers, wächst in dem Glauben auf, ein Jude zu sein, den der Lehrer als Kind vor den nicht näher definierten „Schwarzen“ gerettet und als Pflegekind aufgenommen hat. Überall in der Stadt schlägt ihm ein unterschwelliger Antisemitismus entgegen und Andri beginnt, diese negativen Zuschreibungen immer mehr zu verinnerlichen. Als eine Fremde (Andris leibliche Mutter) auf offener Straße erschlagen wird, beschuldigen die Dorfbewohner Andri des Mordes, obwohl er es nachweislich nicht gewesen sein konnte. Die Wahrheit soll die ‚Judenschau‘ bringen – durchgeführt von den „Schwarzen“, den neuen Besatzer des Dorfes. Andri wird „als Jude entlarvt“ und hingerichtet, die Dorfbewohner schauen tatenlos zu.

Frisch hat dieses Stück unter dem Eindruck der Kriegsverbrecherprozesse, insbesondere um Rudolph Eichmann geschrieben und das macht dieses Stück so besonders: die Verleugnung der eigenen Schuld.
Dafür treten die Dorfbewohner in Zwischenszenen einzeln an die Zeugenschranke:

DOKTOR: (…) Ich kann nur sagen, dass es nicht meine Schuld ist, einmal abgesehen davon, daß sein Benehmen (was man leider nicht verschweigen kann) mehr und mehr (sagen wir es offen) etwas Jüdisches hatte, obschon der junge Mann, mag sein, ein Andorraner war wie unsereiner. (…) Was meine Person betrifft, habe ich nie an Mißhandlungen teilgenommen oder irgend jemand dazu aufgefordert. (…) Ich bin nicht schuld, daß es dazu gekommen ist!“ (S. 96)

Dabei ging es Frisch nicht um die Schuld der Haupttäter, sondern die derjenigen, die all das möglich gemacht haben, wie er in einem Interview der ZEIT erklärt: „Das Stück handelt nicht von den Eichmanns, sondern von uns und unseren Freunden, von lauter Nichtkriegsverbrechern, von den Halbspaß-Antisemiten, d. h. von den Millionen, die es möglich machten, daß Hitler (um schematisch zu reden) nicht Maler werden musste.“ (Anmerkungen, S. 144)
Es geht hier um den alltäglichen, unterschwelligen Rassismus, der eine Gesellschaft durchzieht und macht dieses Stück fast 60 Jahre später noch so brandaktuell, dass ich Gänsehaut bekomme.
Für mich ein Meisterwerk und eines der besten Dramen überhaupt!

Bewertung: 5 von 5.

Max Frisch: Andorra. Suhrkamp Basis Bibliothek, 1999 (Original 1961)


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