Deniz Ohde: Streulicht

In diesem Roman kehrt die Erzählerin an den Ort ihrer Kindheit zurück, einen trostlosen Industrieort und reflektiert dabei ihre Stationen des Heranwachsens. Die Erlebnisse des Ausgegrenztseins als Kind deutsch-türkischer Eltern, in dem so viele nur die Ausländerin sehen. Den Benachteiligungen, die sie dadurch in der Schule erfährt. Aber auch die Ausgrenzung aufgrund der sozialen Herkunft, die ihr als Arbeiterkind aus dem Wohnblock von den wohlsituierten Mitschülern entgegenschlägt.
Der alkoholkranke Vater kann ihr nicht helfen und auch die Mutter verlässt für eine Zeit die Familie, die Tochter ist auf sich gestellt.
Dass sie ihren Weg an die Universität doch noch schafft, davon erzählt dieses Buch.

Sehr gut fand ich die Milieuschilderungen im ersten Teil: der Wohnblock, die zugemüllte Wohnung, die ständige Fernsehkulisse und die Beziehungslosigkeit, gepaart mit aggressiven Ausbrüchen. Teilweise konnte ich mich darin wiederfinden, denn auch ich bin in einem sozialen Brennpunkt aufgewachsen.
Das zentrale Thema und auch das Besondere an diesem Buch ist die latente, teilweise gar nicht greifbare Diskriminierung, die der Erzählerin widerfährt. Die Atmosphäre und das daraus resultierende Gefühl der Hilflosigkeit hat die Autorin gut herausgearbeitet. Und die Botschaft, dass man es trotz allem schaffen kann, seinen Weg zu gehen.

Leider verliert sich der Roman in der zweiten Hälfte des Buches. Auch wenn der Weg der Erzählerin inhaltlich bergauf geht, schriftstellerisch geht es bergab. Die Erzählung plätscherte nur noch vor sich hin und verliert jegliche Kraft. Das fand ich wirklich sehr schade, ebenso wie einen für meinen Geschmack groben Schnitzer. An einer Stelle wird ein längere Ausführung des Vaters wörtlich wiedergegeben, sprachlich und inhaltlich hochdifferenziert. Woher soll ein alkoholkranker Fabrikarbeiter eine solche plötzliche Sprachgewandtheit haben?
Teilweise wurde kritisiert, dass die Autorin zu sehr in der Opferrolle verharrt und das kann ich auch nachvollziehen. Umso besser, dass die Eigenaktivität zum Ende des Romans noch einsetzt.

Für mich durchaus ein interessantes Buch, aber kein Shortlist-Titel.

Bewertung: 3 von 5.

Deniz Ohde: Streulicht. Berlin: Suhrkamp, 2020

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