W.G. Sebald: Austerlitz

Ein namenloser Erzähler berichtet hier von einem seltsamen Fremden, den er einst auf einem Bahnhof traf und dessen Weg er über die Jahre immer wieder kreuzte. Aus seinen Erzählungen und Bildern fügt er langsam ein Bild des eigenbrötlerischen Jacques Austerlitz zusammen. Das Bild eines jüdisches Flüchtlingskindes, das im Alter von vier Jahren aus seiner Familie gerissen und nach Wales verbracht wird, wo er in einer Predigerfamilie aufwächst. Und das erst viele Jahre später seinen Namen und seine wahre Herkunft erfährt, doch keinen wirklichen Zugang zu sich und der Welt findet.

Das Thema fand ich ausgesprochen reizvoll und habe mich sehr auf dieses Buch gefreut. Allerdings war ich nach dem ersten Drittel einigermaßen ernüchert, denn der Autor macht es einem durch langatmig Sachvorträge nicht gerade einfach, einen Zugang zu der Person Austerlitz zu bekommen.
Das mag stilistisch begründet sein und seinen entscheidenden Charakterzug, sein unzugängliches Wesen, widerspiegeln. Lesetechnisch mühsam ist es trotzdem.
Das zweite Drittel des Buches fand ich deutlich besser, denn hier erfährt man endlich etwas über die Person und seine Vergangenheit und kommt ihr ein Stück näher. In diesem Abschnitt finden sich auch viele eindrucksvolle Passagen, in denen sich Austerlitz Schritt für Schritt seine Vergangenheit erarbeitet.
Nun hatte ich gehofft, dass sich der entstandene Kontakt zum Charakter im Verlauf der Geschichte weiter fortsetzt, aber er verliert sich leider wieder in weitschweifigen Ausführungen, die erneut eine persönliche Distanz herstellen. Vielleicht, weil es kein Happy End gibt und Austerlitz letztlich nirgendwo eine innere Heimat findet.
So bleibt die Figur und die Geschichte am Ende nicht greifbar und lässt mich als Leser mit schalem Beigeschmack zurück.
Ein durchaus lesenswertes, aber nicht ganz einfaches Buch.

Bewertung: 3 von 5.

W.G. Sebald: Austerlitz. Frankfurt am Main: Fischer, 2003 (Original 2001)

3 Gedanken zu “W.G. Sebald: Austerlitz

  1. Hm, ich verstehe, was du mit dem Charakter meinst. Aber ich denke, gerade weil Austerlitz in dem Sinne keine wirkliche Identität hat (Verlust von jeglichen Erinnerungen und seiner Familie), bleibt dieser wahrscheinlich auch in gewisser Weise identitätslos für den Leser. Sk habe ich es zumindest empfunden. LG

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