Sonja Weichand: schuld bewusstsein

Nach einem Autounfall nimmt sich Anna eine Auszeit und fährt nach Würzburg, um die Geschichte ihrer Oma aufzuarbeiten. Die war zur Zeit des zweiten Weltkrieges überzeugte Nationalsozialistin und BDM Scharführerin.
Doch die traumatischen Umstände des Unfalls und die Auseinandersetzung mit den dunklen Kapiteln der Vergangenheit hinterlassen Spuren…

Debütromane sind ja immer so eine kleine Wundertüte, da einem die Erfahrungswerte fehlen. Noch dazu, wenn kein großer Verlag dahinter steht und für Publicity sorgt.
Aber welch eine positive Überraschung kam da aus dem Hut gezaubert!

Ein wirklich gut entwickelter Roman über ein großes Fragezeichen, das einem im historischen Rückblick immer wieder überkommt. Was waren das für Menschen, die Hitler folgten und auch noch bis kurz vor Kriegsende an ihn glaubten? Die einer offensichtlich menschenverachtenden und realitätsfremden Ideologie folgten und nicht wahrhaben wollten, dass der Krieg schon längst verloren war? Der Roman entschuldigt und relativiert nicht, sondern gibt eine Idee zur Motivation dahinter. Wie in dem vorliegenden Roman ist das oft ein komplexes Geflecht an Ursachen.
Das ist ohne Zweifel befremdlich und auch nicht immer einfach zu lesen, beispielweise als Rose-Marie in Erwägung zieht, ihren eigenen Vater zu denunzieren, aber es wird in diesem Kontext nachvollzienbar, wie es zu solchen Taten kommen konnte.
In diesem Roman hat mich vor allem die detaillierte Ausarbeitung des Alltags im Krieg beeindruckt. Das war sehr anschaulich und entsprechend beklemmend, vor allem die Schilderung der Bombardierung Würzburgs. Man ist sehr nah dran am Geschehen und kann sich dadurch ein ungefähres Bild von der Stimmung und dem Elend dieser Tage machen.

Der Roman besteht aus einem beständigen Wechsel zwischen Gegenwart und Rückblenden, der übrigens in den Übergängen sehr gut gemacht ist.
Anfangs hat es mich fast gestört, wenn ich aus der Vergangenheit gerissen wurde, weil mich diese Passagen sehr gefesselt haben. Die Szenen in der Gegenwart fand ich vergleichsweise fad. Doch dann entwickelt die Geschichte der schreibenden Enkelin eine ganz eigene, überraschende Dynamik und hat mich zum Schluss dann auch in diesen Sequenzen gepackt.

Abschließend kann ich diesem Roman nur viele Leser und vor allem die Aufmerksamkeit der Verlage wünschen. Wäre verdient.

Bewertung: 3.5 von 5.

Sonja Weichand: schuld bewusstsein. Norderstedt: Books on Demand, 2020

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