Takis Würger: Noah

Das ist die Geschichte von Noah Klinger, einem Überlebenden des Holocaust. So wie er sie in Erinnerung behalten hat und wiedergeben wissen wollte. Festgehalten von Takis Würger, der ihn dafür in Tel Aviv über mehrere Monate besucht hat. Herausgekommen ist kein Roman, sondern ein Tatsachenbericht. So wie Noah Klinger sie in seiner Erinnerung festgehalten und Würger zu Papier gebracht hat. In einfachen, schmucklosen Sätzen ohne Beiwerk. Daran können sich die Geister scheiden und tun es bereits, gleich wird über den verknappten Stil losdiskutiert und geurteilt, ob das jetzt passend oder unpassend ist. Wobei die Tendenz eher zu letzterem geht, da es seit ‚Stella‘ offenbar zum guten Ton gehört, diesen Autor zu kritisieren.
Zugegebenermaßen fand ich den Stil anfangs auch etwas gewöhnungsbedürftig, aber letztlich an dieser Stelle doch sehr passend. Denn es geht hier nicht um Stilfragen, sondern um die Geschichte selbst. Und die ist in ihrer ganz puren Form vielleicht genau richtig so erzählt.
Ein Geschichte über den Kampf ums Überleben in Auschwitz und später auf der Exodus und den Weg in eine neue Heimat. Eine Geschichte, die erzählt und bewahrt werden muss.

Natürlich ist es bei diesem Buch vor allem der erste Teil, der den Leser fesselt, weil er als Augenzeugenbericht das Unfassbare abbildet. Das ist erschütternd und oft nur schwer auszuhalten:

„Sie mussten sich ausziehen. Die Deutschen nahmen Kleider und Schuhe mit und verschlossen die Schiebetür der Halle. Sie hatte kein Dach. Auf dem Boden lag eine dünne Schicht Schnee, darunter gefrorene Erde. (…) Bis vor wenigen Stunden waren sie normale Menschen gewesen, Architekten, Metzger, Professoren, Schüler, Journalisten, Flötenspieler. Menschen mit Sorgen, Gefangene, aber Menschen mit Zukunft. Nun standen sie nackt und barfuß im Schnee in einer Halle, die von außen verriegelt war, über ihnen der Himmel. (…) Der Tag verging, es wurde Nacht, nicht alle hatten die Kraft, sich zu bewegen. Das Blut in Noahs Adern fühlte sich an, als würde es zu Kristallen gefrieren. Als der Morgen graute, lag die Hälfte der Männer im Schnee.“ (S. 26f)

Selten habe ich die Entmenschlichung dieses Systems so konzentriert in einem Absatz zusammengefasst gelesen. Und das ist vielleicht auch die Stärke dieses Buches. Die Konzentration auf das Wesentliche, das für sich spricht.

Auch wenn ich den zweiten Teil des Buches nicht ganz so kraftvoll fand, ist es wichtig, dass das Buch nicht mit der Befreiung aus dem Konzentrationslager endet, sondern einen Ausblick gibt auf das Leben danach. Ein erfülltes Leben, das dem Ziel verschrieben war, die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Das vermittelt Hoffnung, aber auch einen Auftrag.


Was sollen wir machen, wenn Sie nicht mehr da sind, um uns davon zu erzählen, was in Auschwitz passiert ist?“, fragt Würger Noah Klinger bei ihrem ersten Treffen. „Ich weiß es nicht“, sagte Klinger. Dieses Buch könnte eine Antwort sein.

Bewertung: 3.5 von 5.

Takis Würger: Noah. Von einem, der überlebte. München: Penguin Verlag, 2021

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