Fatma Aydemir: Dschinns



Als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, hat Hüseyin nur einen Traum: einmal mit der Familie zurückzukehren, in eine Eigentumswohnung in Istanbul. Und nach dreißig Jahren scheint sich dieser Traum zu erfüllen. Doch am Tag des Einzugs stirbt er völlig unerwartet.
Zur Beerdigung reisen seine mittlerweile erwachsenen Kinder an, sowie seine Frau Emine. Und jeder von ihnen hat seine ganz eigene Geschichte im Gepäck…

Bereits der Anfang dieser Geschichte hat mir die Tränen in die Augen getrieben, denn es ist so unfassbar tragisch. So viele Jahre arbeitet der Familienvater hart für seinen Traum und dann zerplatzt er in dem Moment, wo er endlich am Ziel angekommen ist.
Doch auch die ganz unterschiedlichen Lebenswege seiner vier Kinder und seiner Frau haben mich sehr berührt. Jedes Familienmitglied bekommt in einem Kapitel seine eigene Bühne und Raum für seine ganz persönliche Geschichte. Jede ist dabei sehr individuell und besonders.
Daran hat es teilweise Kritik gegeben. Es wurde in einigen Rezensionen bemängelt, dass hier zu viel Ungewöhnliches, zu viel Konfliktpotential in einer Familie zusammengefasst wurde. Wahrscheinlich ist es in der Form auch nicht die durchschnittliche türkische Familie. Aber für mich ist es genau richtig so, denn die Thematik bekommt dadurch einen ganz speziellen Fokus.
Der Roman beleuchtet in sehr eindrücklicher Weise, was passieren kann, wenn man bei der Verwirklichung seiner Träume nicht mit den ganz anderen Lebenswelten und Bedürfnissen seiner Kinder rechnet. Und mit denen seiner Frau.
Natürlich kennt man diese Geschichten über Gastarbeiterfamilien, die Konflikte der nächsten Generation. Aber durch dieses Buch beginnt man auch im Herzen zu verstehen, was das bedeutet. Mir ist diese Geschichte sehr nahe gegangen und hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Über das Ende kann man geteilter Meinung sein. Für einige ist es übers Ziel hinausgeschossen und dieser Gedanke kam mir auch. Aber letztlich schließt sich hier der Kreis und führt wieder an den Anfang zurück. Und unter dem Blickwinkel ist es sogar ausgesprochen stimmig. Ein großartiges Buch und mein persönlicher Siegertitel.

Bewertung: 4.5 von 5.

Fatma Aydemir: Dschinns. München: Hanser Verlag, 2022

Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter

Das Gewicht der Mutter ist das dominierde Thema in Elas Kindheit, der Erzählerin dieser Geschichte. Genauer, ihr Übergewicht – Ursache allen Übels, das dem Vater wiederfährt. Der fehlenden Anerkennung im Beruf und Kollegenkreis, dem zu geringen Ansehen innerhalb der Dorfgemeinschaft.
Die Vielgescholtene quält sich durch diverse Diäten und stemmt nebenher nicht nur Beruf, Familie und Weiterbildung, sondern auch die Pflege der dementen Mutter und die Sorge für ein Pflegekind. Doch die verdiente Anerkennung bleibt aus.

Ein wahres Feuerwerk an Gefühlen hat dieses Buch bei mir ausgelöst. Mir hat es ausgesprochen Spaß gemacht, in diesen Mikrokosmos der 80er Jahre einzutauchen. An vieles konnte ich mich noch aus meiner Kindheit erinnern. Bestimmte Fernsehsendungen oder Süßigkeiten, Radiohits, die plötzlich aufkommende Tenniseuphorie nach dem Sieg von Boris Becker. Da kommen nostalgische Gefühle hoch. Allerdings kommt auch gleich der bittere Nachgeschmack hinterher angesichts der trügerischen bürgerlichen Familienfassade. Wichtig ist der Blick der anderen, was andere über einen denken könnten. Und auch, wenn ich nicht auf dem Dorf, sondern in der Großstadt aufgewachsen bin, kommt mir das ebenfalls sehr bekannt vor.

Das viel stärkere Gefühl, das beim Lesen hochkam, war jedoch das der Wut. Vor allem, weil der ständig kritisierende Vater selbst so wenig auf die Reihe kriegt. Die wesentlichen Arbeiten erledigt seine Frau, die spätestens nach ihrer Erbschaft auch den Wohlstand der Familie sichert. Geld, das ihr Mann gerne und mit vollen Händen ausgibt. Trotzdem ist alles, was sie tut, nie richtig, nie genug.

Aber ebenso wie das Verhalten des Vaters hat mich das der Mutter aufgeregt. Es hat bei mir fast körperliche Schmerzen verursacht, dass sie sich das alles hat gefallen lassen und ihn nicht direkt verlassen hat.

Sicher ist es Teil des traditionellen Frauenbildes, aber auch schön immer haben sich Frauen dagegen zur Wehr gesetzt und das hätte ich mir so gewünscht. Ihre Tochter hat ihr genau diese Frage gestellt. Sie wäre zu schwach gewesen, sagt sie daraufhin. Und das ist für mich das Tragische an diesem Buch. Dass sie alle Möglichkeiten gehabt hätte und doch so wenig davon für sich selbst genutzt hat. Gerne hätte ich noch mehr von der Mutter selbst erfahren, ihre Sicht der Dinge. Es wird viel über sie geredet, aber ihre eigene Stimme hört man nicht. Aber vielleicht ist es im Rahmen des Buches auch einfach nur konsequent.

Bewertung: 4 von 5.

Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2022

Slata Roschal: 153 Formen des Nichtseins



Ksenia ist Russin, sie ist Deutsche, sie ist Jüdin, sie ist unter Zeugen Jehovas aufgewachsen, sie ist eine junge Frau, Mutter, Schriftstellerin und Wissenschaftlerin – das alles ist sie und gleichzeitig nichts davon.

Schon der erste Satz des Klappentextes umreißt ziemlich genau, worum es in diesem Romandebüt geht – um die Suche nach der eigenen Identität. Dabei fließt Vergangenes und Gegenwärtiges ineinander, fällt der Blick auf Familienmitglieder und Freunde, aber auch Fremdes, dessen Verbindung lediglich in ähnlichen Wurzeln besteht.
Daher besteht der Text nicht nur aus Erinnerungen und Gedanken, sondern auch Rechercheergebnissen aus dem Internet zum Stichwort ‚russisch‘, aus Zitaten religiöser Schriften und Notizzetteln. Eine Collage der Selbstverortung.

Das Buch lässt mich ein wenig zwiegespalten zurück. Einiges hat mir wirklich gut gefallen, beispielsweise ihre Beschreibung, wie sie als Kind nach Deutschland gekommen ist. Das Gefühl des Fremdseins und der Sprachlosigkeit, in die man sich gut hineinfühlen kann. Persönlich haben mich die Abschnitte zum Einfluss der Zeugen Jehovas auf ihre Familie und ihre Erziehung besonders gefesselt, da meine beste Freundin aus Kindertagen einer ähnlichen religiösen Gruppierung angehörte. Da kam mir vieles sehr bekannt vor.

Trotzdem konnte mich das Buch nicht so richtig in seinen Bann ziehen. Vielleicht lag es an der fragmentierten Erzählform, vielleicht an dem (für meinen Geschmack) doch zu distanzierten Blickwinkel. Der Begriff ’sezierend‘ auf dem Klappentext trifft das ganz gut.

Dafür ist es aber ganz eindeutig von allen nominierten Büchern das mit dem schönsten Cover!

Bewertung: 3 von 5.

Slata Roschal: 153 Formen des Nichtseins. Erlangen: Homunculus Verlag, 2022

Esther Kinsky: Rombo

Rombo ist die Bezeichnung für das Geräusch, das einem Erdbeben vorangeht – ein dumpfes Grollen tief unter der Erde. Es steht für den Gegenstand dieses Romans – die Erdbeben von 1976 in Norditalien, die zahlreiche Städte im Friaul schwer zerstört und knapp tausend Menschen das Leben gekostet haben. Sieben Bewohner*innen eines abgelegenen Bergdorfes berichten von den Spuren, die dieses Ereignis in ihrem Leben hinterlassen hat.

Ich kann mich nicht erinnern, dass mich ein Roman schon mal auf so ungewöhnliche Art berührt hat. Denn hier geht es nicht um individuelle Lebensschicksale oder um einen dramatischen Handlungsverlauf, der einen emotional mitnimmt.
Dieses Buch kommt ohne großes Getöse aus und im Gegenteil, sehr leise daher. Das mag auf den einen oder anderen vielleicht etwas handlungsarm wirken. Ebenso wie die Zeichnung der Charaktere, über die man vergleichsweise wenig erfährt.
Das könnte darüber hinwegtäuschen, dass in diesem Buch wahrhafte Schätze verborgen sind.

Für mich war diese Geschichte wie ein ruhiger Spaziergang, an dem es hinter jeder Ecke etwas Neues zu entdecken gibt. Beim Lesen habe ich mich sehr entschleunigt gefühlt, das hatte schon etwas Meditatives. In jedem Kapitel lenkt die Autorin den Blick der Leser*innen in eine bestimmte Richtung und lässt einen dort verweilen. Und je genauer man dann hinschaut, desto mehr tut sich einem auf.
Dieses Buch ist ein Zusammenspiel von Naturbeschreibungen, wissenschaftlichen und historischen Abhandlungen, Märchen und Mythen, gepaart mit den Berichten der Überlebenden. Dabei wechselt nicht nur der Focus, sondern auch die Erzählebenen, was auf mich aber dennoch sehr harmonisch gewirkt hat.
Dass dies trotz der bruchstückhaften Erzählweise gelingt, liegt im Wesentlichen an der sprachlichen Leistung der Autorin und der besonderen Komposition dieses Romans. Schriftstellerisch auf ganz hohem Niveau und zu Recht für den Buchpreis nominiert.

Dieses Buch war für mich ein absoluter Gewinn, da es einen förmlich erdet. Es lässt einen auf eine Art demütig werden angesichts den Gewalten der Natur und verweist den Menschen auf seinen Platz. Und das ist angesichts der aktuellen klimatischen Entwicklung vielleicht wichtiger denn je.

Bewertung: 4.5 von 5.

Esther Kinsky: Rombo. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2022

Kristine Bilkau: Nebenan

Sie wohnen Tür an Tür und kennen sich, zum Teil schon seit Jahrzehnten. In diesem kleinen Dorf am Nord-Ostsee-Kanal. Man kennt sich und doch ist man sich fremd. Zieht man sich nur allzu schnell ins Private zurück und wahrt seine kleinen Geheimnisse. Was einem spätestens dann bewusst wird, wenn plötzlich eine komplette Familie aus der Nachbarschaft spurlos verschwindet…

Klingt nach meinem Geschmack erstmal ganz vielversprechend und nach den vielen positiven Rezensionen war ich sehr zuversichtlich, dass mir dieses Buch gefallen könnte.
Tatsächlich werden hier auch einige interessante Aspekte angeschnitten: Unerfüllter Kinderwunsch, Großstadtflucht, beginnende Demenz, enttäuschte Freundschaften oder problematische Eltern-Kind-Beziehungen. Aber angeschnitten trifft es hier ganz gut. Keins dieser Themen ging wirklich in die Tiefe. Sie blieben für mich jeweils im Raum stehen, ohne einen großen Nachhall zu hinterlassen. Auch die Charaktere wirkten auf mich relativ blass. Ich konnte mich bei keinem so richtig einfinden.
Das rätselhafte Verschwinden der Familie hat zwar durchaus seinen Reiz, nur leider verpufft die Thematik am Ende.


Das titelgebende Leben nebeneinander her ist zwar gut eingefangen worden und ist auf jeden Fall positiv hervorzuheben. Darüber hinaus konnte mir dieses Buch aber weder besondere Erkenntnisse noch Emotionen entlocken. Und das ist mir für einen Buchpreis dann doch zu wenig. Da hatte ich mir doch deutlich mehr versprochen.

Bewertung: 2.5 von 5.

Kristine Bilkau: Nebenan. München: Luchterhand Literaturverlag, 2022

Frankfurter Buchmesse 2022 – Ein Rückblick

Da ich hier alle Jahre wieder meine Eindrücke zu den gelesenen nominerten Titel zum besten gebe, möchte ich es auch dieses Jahr nicht ausfallen lassen – wenn auch mit einiger Verspätung.

Folgende Bücher haben von der Liste der zwanzig Titel mein Interesse geweckt:

Shortlist

📚 Fatma Aydemir: Dschinns
📚 Kristine Bilkau: Nebenan
📚 Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter

Longlist

📚 Carl-Christian Elze: Freudenberg
📚 Anna Kim: Geschichte eines Kindes
📚 Esther Kinsky: Rombo
📚 Dagmar Leupold: Dagegen die Elefanten!
📚 Slata Roschal: 153 Formen des Nichtseins
📚 Anna Yeliz Schentke: Kangal

Heinz Strunks Sommer in Niendorf werde ich als Hörbuch hören und ist nicht auf dem Foto.

Zwei Drittel der Bücher habe ich bereits gelesen, die drei anderen werden in den nächsten Wochen noch folgen. Die Rezensionen zu den Büchern werde ich hier verlinken.

Fernando Aramburu: Die Mauersegler

Toni lebt als Gymnasiallehrer in Madrid und ist mit seinem Leben maximal unzufrieden. Der Job ödet ihn an, ebenso, wie die Menschen, die ihn umgeben. Mittlerweile von seiner Frau getrennt und im Dauerzwist mit seinem Bruder, lebt er zurückgezogen mit seinem Hund Pepa in einer kleinen Wohnung. Kontakt hat er lediglich zu seinem Freund Humpel, wenn man von sporadischen Begegnungen mit seinem Sohn absieht, den er ziemlich missraten findet.
Dieses Lebens überdrüssig beschließt er, seinem Leben in genau 365 Tagen ein Ende zu setzen, beginnend mit dem 31. Juli. In 365 Kapiteln schreibt er über sein bisheriges Leben und die Tage, die ihm noch bleiben.

Klingt nach einem Buch, nachdem man sich am liebsten gleich selbst erschießen möchte und tatsächlich, besonders lebensbejahend ist es auf den ersten Blick nicht. Wäre da nicht dieser herrlich skurrile Ich-Erzähler, der seine eigenen Pläne ad absurdum führt.
Und so hat dieses Buch trotz der Thematik auch nicht den erwartbaren depressiven Unterton, sondern ist ganz im Gegenteil ausgesprochen komisch – zumindest für meinen Geschmack.

Es gibt ja immer wieder diese Bücher, bei denen man beim Lesen die Hälfte der Zeit blöde vor sich hingrinst und zwischendurch immer wieder laut lachen muss und das gehört für mich definitiv dazu.
Das liegt im Wesentlichen an der Figur des Erzählers selbst, der seine gesamte Umgebung und auch sich selbst mit seinen zynischen, schwarzhumorigen Betrachtungen überzieht.
Und das ist so voller Sprachwitz, dass es für mich eine absolute Freude war, dieses Buch zu lesen.

Obwohl Toni alles andere als ein pflegeleichter Zeitgenosse und Menschenfreund ist, habe ich ihn irgendwie ins Herz geschlossen – vielleicht gerade wegen seiner sperrigen Art. Und weil er mit Selbstkritik nicht spart – immerhin gehen seine spöttischen Bemerkungen auch häufig an die eigene Adresse und schaffen so auch eine Distanz zu manch gewöhnungsbedürftigen Sichtweisen. Gleiches gilt für seine ebenfalls nicht ganz einfachen Freunde Humpel und Agueda, die später zu dem Männerduo dazustößt.

In Gesprächen über das Buch wurde teilweise Kritik an der sprunghaften Erzählweise geäußert. Tatsächlich springen die einzelnen, kurz gehaltenen Kapitel zwischen Zeiten und Ereignissen hin und her, was in der Geschichte begründet ist. Toni schreibt am Abend die Gedanken nieder, die ihm in den Sinn kommen und die sind nicht chronologisch geordnet. Es gibt Bücher, bei denen mich so etwas auch wahnsinnig macht. Hier stört es mich gar nicht, ich finde es im Gegenteil sehr passend und macht das Ganze deutlich dynamischer als eine chronologischer Erzählung.

Allerdings muss man sagen, dass hier ein paar Seiten weniger nicht geschadet hätten. Das Wesentliche hätte man wahrscheinlich auch auf 500 Seiten gut untergebracht, ohne dass es der Geschichte oder dem Erzählfluss geschadet hätte.

Trotzdem eine ganz klare Leseempfehlung von meiner Seite!

Bewertung: 4.5 von 5.

Fernando Aramburu: Die Mauersegler. Hamburg: Rowohlt Verlag, 2022

Ray Bradbury: Halloween

Üblicherweise kennt man ihn nur als den Autor von Fahrenheit 451. Aber das Ray Bradbury neben futuristischen Romanen auch zahlreiche Fantasy- und Horrorgeschichten geschrieben und Stephen King mit beeinflusst hat, ist eher weniger bekannt.

So ist auch dieser kurze Roman eine Mischung aus Fantasy- und Gruselgeschichte, die am titelgebenden Halloweenabend spielt.
Acht Jungen sind wie jedes Jahr ausgezogen, um in ihren gruseligen Kostümen die Nachbarschaft zu erschrecken und Süßigkeiten zu sammeln. Doch auf ihrem Weg geraten sie diesmal an ein Haus, das ihnen das Fürchten lehrt. Und nicht nur das…

Ohne Frage, dieses Buch ist speziell. Wenn man sich nicht auf fantasievolle Szenarien einlassen kann, ist es wahrscheinlich nicht die richtige Lektüre. Hier passieren definitiv Dinge, die den üblichen Rahmen der Realität sprengen.
Der Autor lässt seine acht Protagonisten am eigenen Leibe erleben, was das Halloweenfest wirklich bedeutet und welche Wurzeln es hat und begibt sich mit ihnen auf eine ungewöhnliche Reise. Das ist in seiner Art auf jeden Fall ungewöhnlich, aber auch sehr interessant. Und für den Anlass ausgesprochen stimmungsvoll.

Da ich selbst mit Fantasy teilweise meine Schwierigkeiten habe, bin ich bei diesem Buch etwas hin- und hergerissen. Auch wenn es thematisch sehr stimmig ist, fand ich es in der Umsetzung teilweise zu abgedreht. Allerdings geht mir das mit Stephen King auch hin und wieder so und Fans von Fantasy werden hier sicher ihre Freude haben. Und wahrscheinlich auch eher die, denn so richtig gruselig wird es hier nicht. Allerdings lernt man einiges Wissenswertes über das allseits bekannte Fest und das ist in jedem Fall die Lektüre wert.

Bewertung: 3 von 5.

Ray Bradbury: Halloween. Zürich: Diogenes, 1974

Chris Carter: Blutige Stufen

Detektiv Hunter und sein Kollege Garcia sind Extreme gewohnt. Immerhin arbeiten sie seit vielen Jahren in der Ultra Violent Crimes Unit des Los Angeles Police Departements. Aber der Tatort, an den sie gerufen werden, verschlägt selbst ihnen die Sprache. Dieser Täter hat eine Botschaft und ein Ziel. Er möchte eine Lektion erteilen.

Wow, auf einen Thriller wie diesen hab ich gewartet. Vor einigen Jahren hab ich den ersten Band der Reihe gelesen, sie dann aber nicht weiter verfolgt. Warum auch immer. Zum Glück habe ich beim aktuellen Band nochmal zugegriffen. Denn sonst hätte ich einen der besten Thriller verpasst, die ich jemals gelesen habe.

Unfassbar spannend von der ersten bis zur letzten Seite und mit einer Story, die es in sich hat. Dem Autor gelingt es auf geniale Art, mit den größtmöglichen Ängsten der Leser:innen zu spielen. Das hat absoluten Gänsehautfaktor und sensible Menschen sollten es vielleicht auch nicht lesen, wenn sie abends alleine zu Hause sind. Aber die müssen sich sowieso auf einiges gefasst machen, denn hier geht es ziemlich blutig zu, wie der Titel schon sagt.
Eigentlich mag ich extrem brutale Geschichten nicht. Zum einen finde ich Splatter und Co ziemlich abstoßend. Zum anderen wird in Thrillern oft darauf zurückgegriffen, um eine dünne Story auszugleichen. Das hat der Autor hier nicht nötig. Die Geschichte ist inhaltlich auf einem hohen Niveau und macht in dieser Konstruktion komplett Sinn. Auch wenn ich mich zwischendurch gefragt habe, ob das eine oder andere Detail in der Form so möglich ist. Aber im Großen und Ganzen ist es ist in sich stimmig und gerade das Ende ist wirklich gut gemacht. Und das Buch ist wirklich so spannend und mitreißend, dass ich da auch gerne ein Auge zudrücke.

Ich denke, dass dieser Geschichte sehr zu Gute kommt, dass der Autor als Kriminalpsychologe weiß, wovon er schreibt. Das macht seine Figuren glaubwürdig, auch wenn sie charakterlich nicht nicht bis ins Detail ausgearbeitet sind. Und wenn man dann noch gut schreiben kann, kommen Bücher wie dieses dabei heraus. Ganz großes Kino.

Bewertung: 4.5 von 5.

Chris Carter: Blutige Stufen. Berlin: Ullstein, 2022

Juli Zeh: Über Menschen

Frühjahr 2020: Der Lockdown hat Deutschland fest im Griff. Dora, zunehmend unzufrieden mit dem Leben in der Großstadt und ihrem Freund, der sich zum ausgeprägten Klimaaktivisten entwickelt. Kurzentschlossen kauft sie ein Haus im brandenburgischen Bracken. Doch die erhoffte Dorfidylle stellt sich nicht ein. Das Haus renovierungsbedürftig, der Garten verwildert und ein Nachbar, der sich als Nazi entpuppt…

Ich mochte Unterleuten, ebenfalls ein Roman mit dörflichem Mikrokosmos, ausgesprochen gerne. Ähnliches hatte ich mir auch hier versprochen.
Nur leider konnte ich mich mit dieser Neuauflage des Dorflebens gar nicht anfreunden.
Vielleicht war es kein guter Auftakt, neben den täglichen Corona-Nachrichten jetzt auch noch in Buchform darüber zu lesen. Da will man eigentlich direkt wieder zuklappen. Nun hätte einen der Rest der Geschichte über dieses leidige Thema hinwegtrösten können. Nur leider fand ich sie nur mäßig interessant und inhaltlich nicht ganz unproblematisch. Klar möchte die Autorin mit der Figur des Dorfnazis ein Statement gegen platte Schwarzweiß-Malerei setzen und dagegen ist ja erstmal nichts einzuwenden. Nur empfinde ich Dora in ihrer Haltung als zu blass und zaghaft, um hier ein überzeugendes Gegengewicht zu bilden. Leider wurde bei der Figur des Grote auch nicht mit Kitsch gespart, denn er leidet nicht nur unter einer schweren Krankheit, sondern ist auch noch Vater einer herzallerliebsten Tochter, die bei Dora direkt verschüttete Muttergefühle weckt. Puhhh, das war eindeutig zu viel des Guten.
Statt Verständnis und Mitgefühl hat dieses Figurenensemble bei mir eher genervtes Kopfschütteln ausgelöst, das war für mich einfach drüber. Sehr schade.

Bewertung: 2 von 5.

Juli Zeh: Über Menschen. München: Luchterhand Verlag, 2021