Sam Lloyd: Der Mädchenwald

Abgeschirmt von der Außenwelt lebt der junge Elijah mit seinen Eltern in einer Hütte im Wald. Er kennt weder Handys noch Internet und auch mit den üblichen Aktivitäten der Gleichaltrigen hat er keine Berührungspunkte. Die schulische Ausbildung haben die Eltern und deren Freundin übernommen, die ebenfalls abgeschieden in den Wäldern lebt.

Elijah ist ein Einzelgänger (geworden) und hat sich mit dem einsamen Leben arrangiert. Nicht abfinden kann er sich jedoch mit den jungen Mädchen, die im Keller eines verlassenen Hauses im Wald gefangengehalten werden. Er spürt, dass daran etwas nicht in Ordnung ist und dass er niemand von seiner Entdeckung erzählen darf. Denn dann, so ahnt er, wird sein bisheriges Leben aus den Fugen geraten…

Irgendwie faszinieren mich ja Thriller mit so einem Plot. Vielleicht weil es mich an die alten Märchen erinnert, in denen es im finsteren Wald auch immer furchteinflößend zur Sache geht. Das hat für mich nochmal einen besonderen Gruselfaktor. Auch wenn ich mir in diesem Fall beim Klappentxt schon gedacht habe, dass das auch schwer in die Hose gehen kann. Nämlich immer dann, wenn das ganze Konstrukt auf allerlei Unwahrscheinlichkeiten basiert.

Nun ist es zwar reizvoll, in dieser Kulisse allerlei gruselige Untaten zu entwerfen und wenn man als Leserin:in hin und wieder ein Auge zudrückt, wenn es mit der Logik nicht ganz so hinhaut, kann das auch eine spannende und unterhaltsame Angelegenheit werden. Von daher denke ich, dass viele mit diesem Buch auch gut bedient sein werden. Nur ich kann es nicht. Mich katapultieren unlogische und unwahrscheinliche Szenarien direkt aus der Geschichte und dann ist die Faszination und Spannung der Geschichte direkt dahin. Leider gab es in diesem Buch für mich auch das eine oder andere wichtoge Detail, das für mich nicht wirklich Sinn ergeben und die Geschichte ad absurdum geführt hat. Da ich nicht spoilern will, gehe ich hier nicht weiter ins Detail, nur so viel: die Erklärung rund um Elijah selbst haben bei mir doch heftiges Stirnrunzeln ausgelöst.

Rein vom Schreibstil und dem Spannungsaufbau hat mir der Thriller ganz gut gefallen und daher denke ich, dass er durchaus Begeisterung auslösen kann, wenn man die Dinge nicht weiter hinterfragt. Gerade die Ausführungen rund um Elijahs Geisteszustand fand ich sehr gut und hatte schon gehofft, dass sich die Geschichte in die dabei entworfene Richtung entwickeln könnte. Das hätte dem Ganzen nochmal eine interessante Wendung gegeben. Auch war mir die Geschichte unterm Strich dann doch zu reißerisch. Daher, trotz guter Ansätze war’s meins am Ende nicht, aber das ist wie alles Geschmackssache.

Bewertung: 2.5 von 5.

Sam Lloyd: Der Mädchenwald. Hamburg: Rowohlt, 2021

Juli Zeh: Über Menschen

Frühjahr 2020: Der Lockdown hat Deutschland fest im Griff. Dora, zunehmend unzufrieden mit dem Leben in der Großstadt und ihrem Freund, der sich zum ausgeprägten Klimaaktivisten entwickelt. Kurzentschlossen kauft sie ein Haus im brandenburgischen Bracken. Doch die erhoffte Dorfidylle stellt sich nicht ein. Das Haus renovierungsbedürftig, der Garten verwildert und ein Nachbar, der sich als Nazi entpuppt…

Ich mochte Unterleuten, ebenfalls ein Roman mit dörflichem Mikrokosmos, ausgesprochen gerne. Ähnliches hatte ich mir auch hier versprochen.
Nur leider konnte ich mich mit dieser Neuauflage des Dorflebens gar nicht anfreunden.
Vielleicht war es kein guter Auftakt, neben den täglichen Corona-Nachrichten jetzt auch noch in Buchform darüber zu lesen. Da will man eigentlich direkt wieder zuklappen. Nun hätte einen der Rest der Geschichte über dieses leidige Thema hinwegtrösten können. Nur leider fand ich sie nur mäßig interessant und inhaltlich nicht ganz unproblematisch. Klar möchte die Autorin mit der Figur des Dorfnazis ein Statement gegen platte Schwarzweiß-Malerei setzen und dagegen ist ja erstmal nichts einzuwenden. Nur empfinde ich Dora in ihrer Haltung als zu blass und zaghaft, um hier ein überzeugendes Gegengewicht zu bilden. Leider wurde bei der Figur des Grote auch nicht mit Kitsch gespart, denn er leidet nicht nur unter einer schweren Krankheit, sondern ist auch noch Vater einer herzallerliebsten Tochter, die bei Dora direkt verschüttete Muttergefühle weckt. Puhhh, das war eindeutig zu viel des Guten.
Statt Verständnis und Mitgefühl hat dieses Figurenensemble bei mir eher genervtes Kopfschütteln ausgelöst, das war für mich einfach drüber. Sehr schade.

Bewertung: 2 von 5.

Juli Zeh: Über Menschen. München: Luchterhand Verlag, 2021

Rumaan Alam: Inmitten der Nacht

Amanda und Clay haben sich ihren Familienurlaub einiges kosten lassen. Ein luxuriöses Ferienhaus auf Long Island fernab der Großstadt, in dem sie gemeinsam mit ihren halbwüchsigen Kindern die nächsten Wochen verbringen wollen.
Doch schon kurz nach der Ankunft wird die entspannte Ferienstimmung empfindlich gestört. Mitten in der Nacht klopft es plötzlich an der Tür. Ein älteres Paar steht vor der Tür und behauptet, dies sei ihr Haus. Und sie müssten dort dringend unterkommen, denn an der Ostküste bahne sich eine Katastrophe an und ganz New York liege bereits im Dunkeln…

Dieses Ausgangsszenarion war für mich so reizvoll, dass ich es unbedingt lesen wollte und der Start ins Buch war sehr vielversprechend. Der Autor spielt zu Beginn sehr geschickt mit der Unsicherheit der einzelnen Familienmitglieder. Kann man den alten Leuten trauen oder handelt es sich um Betrüger? Oder gar Schlimmeres? Das hat auf jeden Fall Gruselfaktor und war für mich ausgesprochen reizvoll. Davon hätte ich gerne mehr gehabt.
Nur leider kippt die Geschichte nach dem ersten Drittel und entwickelt sich in eine ganz andere Richtung. Für mich ein klassischer Fall von to much information, sowohl was das Ehepaar als auch die mysteriösen Geschehnisse an der Ostküste betreffen. Das entzaubert das Szenario leider komplett. Ich hätte es deutlich besser gefunden, wenn die Dinge über einen längeren Zeitraum in der Schwebe geblieben wäre. So verpufft der Reiz der Geschichte.
Der weitere Fortgang ist für mich ausgesprochen fad, im Wesentlichen schaut man den unfreiwillig zusammengewürfelten Bewohner:innen des Ferienhauses beim Zusammenleben zu. Sozusagen Big Brother in Buchform.
Im letzten Drittel kommt dann doch noch ein bisschen Dynamik rein, was die Spannungsschraube wieder anzieht. Nur leider mit so einem unrealistischen Detail, dass ich mich ernsthaft gefragt habe. Hat der Autor wirklich so schlampig recherchiert? Da wusste ich ja nach fünf Minuten Googlesuche besser Bescheid. Oder er hat es bewusst für die Effektquote eingebaut – in der Hoffnung, dass keiner den Fehler bemerkt. Beides gar nicht gut.

Auch das Ende war für mich eher einfallslos. Da hätte man mit einem originellen oder kraftvollen Schlusspunkt vielleicht noch einiges raushauen können. So verpufft es leider wie so vieles in diesem Buch. Schade, die Geschichte hatte so vielversprechend begonnen und aus der Idee hätte man viel machen können.

Bewertung: 2.5 von 5.

Rumaan Alam: Inmitten der Nacht. München: btb Verlag, 2021

Aharon Appelfeld: Sommernächte



Als ich gelesen habe, worum es in diesem Roman geht, führte mich mein Weg direkt in den nächsten Buchladen. Und dann auch noch mit einem so schönen Cover…

Kurz vor seiner Deportation gibt der jüdische Kaufmann seinen Sohn Michael in die Obhut eines Familienfreundes. Der alte Sergej, inzwischen erblindet, zieht als Landstreicher durch die ukrainischen Wälder und nimmt sich des Kindes an, der fortan Janek genannt wird. Der Junge ersetzt ihm das Augenlicht, während der alte Soldat ihm alles lehrt, was man zum Überleben in der Wildnis braucht.

Eine sehr bewegende Geschichte, vor allem, wenn man bedenkt, dass der Autor hier seine eigenen Kindheitserlebnisse verarbeitet hat. Das Zusammenspiel zwischen dem Kind und dem alten Mann hat etwas sehr anrührendes. Ebenso wie einem die Grundsituation ans Herz geht: wie ein Kind plötzlich aus seinem wohlbehüteten Zuhause gerissen wird und von einem Tag auf den anderen vogelfrei wird. Ich hätte diese Geschichte so gerne geliebt…

Nur leider hat mir die Umsetzung gar nicht gefallen. Rein schriftstellerisch finde ich es sehr schwach. Nach den ersten 50 Seiten gibt es inhaltlich so gut wie keine Entwicklung mehr. Man fühlt sich förmlich wie in einer Murmeltier-Zeitschleife gefangen. Zum Ende kommt zwar noch eine abschließende Variante dazu, die sich von der Dynamik aber leider der flachen Erzählkurve angleicht.
Obwohl die Geschichte viele emotionale Momente hat, wurden sie erzählerisch nicht aufgegriffen. Stattdessen verliert sich das Buch in einer Art Dauerpredigt. Auf fast jeder Seite begegnen einem religiöse Weisheiten, in stetem Wechsel mit wegweisenden Träumen, die Janek jede Nacht heimsuchen. Das hat mich schwer an meine alte Kinderbibel erinnert. Und für religiöse Leser*innen mag das auch eine positive Wirkung haben, aber auf mich wirkte es auf die Dauer regelrecht nervtötend. Nun mag der Glaube im Leben des Autors eine überlebenswichtige Rolle gespielt haben und das ist auch absolut in Ordnung so.

Aber das zum inhaltlichen Mittelpunkt eines Romans zu machen, finde ich problematisch. Für mich wirkte das eher wie eine religiöse Schrift und hat das eigentliche Thema überlagert. Auch wenn der Glaube in der damaligen Situation eine wichtige Rolle gespielt hat. Das hätte man deutlich dezenter einflechten können. Stattdessen hätte ich mir einen tieferen Einblick in die Personen gewünscht, da blieb vieles an der Oberfläche. Auch sprachlich hat mich das Buch nicht überzeugt. Viele Dialoge wirkten steif und ungelenk, die Sprache wenig ausgefeilt. Möglicherweise liegt das auch an der Übersetzung. Insgesamt sehr, sehr schade.

Bewertung: 2 von 5.

Aharon Appelfeld: Sommernächte. Berlin: Rowohlt Verlag, 2022

Hannah Lühmann: Auszeit

Die Freundinnen Paula und Henriette ziehen sich in ein abgelegenes Ferienhaus im Wald zurück, nachdem Henriette an einem Tiefpunkt in ihrem Leben angekommen ist. Mit Mitte dreißig hat sie das Gefühl, noch nichts im Leben erreicht zu haben. Weder eine Familie noch eine Karriere hat sie vorzuweisen, dafür jede Menge Selbstzweifel, flüchtige Beziehungen und eine angefangene Dissertation, bei der sie nicht weiterkommt. Dann wird sie ungewollt schwanger…

Mhhh, was soll ich sagen…ich glaube, falsches Buch zur falschen Zeit trifft es vielleicht am ehesten. So zu Beginn des Studiums, wo man selbst noch einigermaßen orientierungslos durch die Welt irrt, hätte es mir wahrscheinlich besser gefallen. Heute kann ich mit dieser Form von Nabelschau nicht mehr so viel anfangen. Was nicht heißt, dass mir Geschichten von seelischen Innenansichten grundsätzlich nicht gefallen. Zum Teil sogar sehr. Aber diese hatte für mich einen ziemlich pubertären Beigeschmack, gepaart mit einer großen Portion Selbstmitleid.
Dazu kommt, dass mir eigentlich beide Frauenfiguren nicht sonderlich sympathisch waren, was den Zugang zusätzlich erschwert. Weder bei der von Selbstzweifeln geplagten Henriette noch der verständnisvollen Powerfrau an ihrer Seite konnte ich innerlich andocken. Vor allem die Ich-Erzählerin Henriette ging mir im Verlauf des Buches zunehmend auf den Geist, was durch das überraschende Ende noch getoppt wurde. Kopfschütteln XXL… was in Bezug auf das Ende übrigens auf beide Protagonistinnen zutrifft.
Aber mein Kopfschütteln ist bei anderen vermutlich ein begeistertes Nicken, denn gerade in einer vergleichbaren Lebenssituation kann das eine durchaus interessante Lektüre sein. Nur leider nicht für mich.

Bewertung: 2.5 von 5.

Hannah Lühmann: Auszeit. München: Hanser Verlag 2021

J.P. Barker: Das Haus der bösen Kinder

Diese Reihe habe ich einer Leserunde gelesen…

Das ist nun der letzte Teil der Trilogie um Sam Porter und den Fourth Monkey Killer und wen wundert’s – auch hier gibt es wieder eine Mordserie, die Merkmale des gesuchten Serientäters trägt. Nur liegen die Tatorte so weit auseinander, dass mehr als eine Person im Spiel sein muss…

Wie schon beim ersten Teil haben wir vor allem weitergelesen, um die diversen offenen Fragen zu klären, die nach Band zwei eher noch mehr geworden sind. Denn so richtig begeistern konnten uns beide Teile nicht. Tja, man hätte es vielleicht dabei belassen sollen…
Klar gab es auch in diesem Buch eine Reihe spannender Momente, sonst hätten wir wahrscheinlich direkt nach Teil eins abgebrochen. Gerade die Tagebucheinträge waren interessant und haben einen an die Geschichte gefesselt. Und das ist auf jeden Fall ein Pluspunkt der gesamten Reihe, dass die Tagebucheinträge wirklich spannend zu lesen sind und einen zum Weiterlesen motivieren. Aber der Rest…

Hohle Charaktere und ein komplettes Storywirrwarr, in dem man auf Fährten geführt wird, die sich danach als schwer geflunkert herausstellen. Kann man mal machen, aber die ganze Zeit…
Durch dieses ständige Verwirrspiel war man als Leser irgendwann aus der Geschichte gekickt und es war einem dann fast schon egal, wie das Ganze ausgeht. Und letztlich war auch die Auflösung, auf die wir uns durch drei Bücher hingearbeitet haben, direkt ärgerlich. Da fühlt man sich als Leser einigermaßen vera…..!
Nach dem Lesen waren Janine und ich uns einig, diese Reihe hätten wir uns sparen können.

Bewertung: 1.5 von 5.

J.P. Barker: Das Haus der bösen Kinder. München: Blanvalet / Verlagsgruppe Random House, 2020

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen

Sie kennen sich seit ihrer Kindheit und haben eine wesentliche Gemeinsamkeit: die Erfahrung, fremd in einem Land zu sein und damit verbundene vielfältige Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung. Anlässlich einer Hochzeit treffen sich die Kameradinnen wieder und feiern die gemeinsame Zeit. Auf dem Hintergrund des Verwurfs, dass eine von ihnen für einen verheerenden Brandanschlag verantwortlich ist…

Dieses Buch ist ein harter Brocken und hat mich zwischendurch richtig wütend gemacht. Denn hier wendet die Autorin die Zuschreibungen der deutschen Dominanzgesellschaft, die sie als Migrantin immer wieder erfährt, gegen die LeserInnen selbst. Ein Wir wendet sich an und gegen ein Ihr und klagt an. Kann man als stilistisches Mittel machen, mediale Aufmerksamkeit und Diskussionsstoff liefert es in jedem Fall.
Ich verstehe den Gedanken dahinter, finde das Thema auch wichtig, aber mir gefällt diese Form der Umsetzung nicht.
Hier ist ein literarischer Sensibilisierungsprozess intendiert und das funktioniert vielleicht auch bei dem einen oder anderen. Aber bei vielen auch einfach nicht, weil sie sich von diesen undifferenzierten Zuschreibungen nicht angesprochen oder auch abgestoßen fühlen. Und das finde ich bei diesem Thema einfach sehr schade. Mich hat diese Variante der Publikumsbeschimpfung auch eher genervt als erhellt, aber hat zumindest viele Gedanken und Diskussionen in unserer Leserunde ausgelöst. Und vielleicht geht es auch einfach darum, über Ausgrenzungserfahrung ins Gespräch zu kommen. Und das ist auf jeden Fall gelungen.

Bewertung: 2 von 5.

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2021

Monika Helfer: Vati

Während Helfer in ihrem Roman ‚Bagage‘ das Leben ihrer Mutter und Großeltern in den Mittelpunkt stellt, geht es in ihrem aktuellen autofiktionalen Buch, wie der Name schon sagt, um ihren Vater. Das ist vergleichweise schmal und versucht, sein Leben aus dem Blickwinkel der Tochter nachzuzeichnen. Obwohl sie es nicht immer leicht mit ihm hatte, geschieht das auf eine verstehende, versöhnliche Weise.

Als Kriegsversehrter mit nur einem Bein aus Russland zurückgekehrt, begleitete ihn das Erlebte weiterhin und macht ihn zu einem gebrochenen, kriegstraumatisierten Menschen. Trost sucht der bibliophile Familienvater in der Literatur und der Sammlung von Büchern, die ihn zu einer folgenschweren Fehleinschätzung führt…

Ich kenne die Bagage nicht und kann daher keinen Vergleich anstellen, was vielleicht auch kein Nachteil ist. Aber unabhängig davon hab ich mit diesem Buch meine Schwierigkeiten. Grundsätzlich hat mir die Geschichte des Vaters gefallen, die stellvertretend für viele Männer steht, die körperlich und seelisch gebrochen aus dem Krieg zurückgekehrt sind. Auch die Liebe zu Büchern, die er ja offenbar an die Tochter weitergegeben hat, ist schön beschrieben worden. Aber insgesamt konnte mich dieser Roman nicht fesselnd. Er wirkte auf mich irgendwie kraftlos und undynamisch, fast ein bisschen verstaubt. Spontan sind mir Assoziationen zum Familienkaffeekränzchen gekommen, bei dem man sich über das Leben eines Verstorbenen unterhält. Das ist durchaus liebevoll, aber bleibt zuweilen auch an der Oberfläche. Ich hätte mir bei dem Thema noch einen tieferen Blick ins Innenleben und die Beziehungen der ProtagonistInnen gewünscht.

Bewertung: 2.5 von 5.

Monika Helfer: Vati. München: Hanser Verlag, 2021

Antje Ravik Strubel: Blaue Frau

Schon als Kind hat Alina den Wunsch, die Enge des tschechischen Dorfes, in dem sie aufwächst hinter sich zu lassen und geht nach Berlin. Doch der Wunsch nach Freiheit endet in einem sexuellen Übergriff. Unfähig, darüber zu reden und sich Hilfe zu holen, flieht Alina nach Helsinki und lernt dort den wesentlich älteren Leonides kennen…

Dieses gehört zu den Büchern der zwanzig nominierten Titel, die von der Story her mein Interesse geweckt hatten. Gekauft hatte ich es dann nach einem Gespräch mit meinem Buchhändler, der ein anderes Buch der Autorin kannte und ihren Schreibstil gelobt hat.
Nun ja, auch der Klappentext berichtet von einem „atemberaubend gut erzählten“ Buch oder gar einem „kleinen Wunderwerk der zeitgenössische Prosa-Literatur“, so zumindest die Stimmen einiger Kritiker.
Ich muss sagen, dass sich mir dieses kleine Wunder nicht erschlossen hat, weder inhaltlich noch sprachlich.


Die Grundidee der Geschichte hatte ja schon anfangs mein Interesse geweckt und finde ich nach wie vor gut, in der Umsetzung blieb es aber hinter meinen Erwartungen zurück. Auf mich wirkte es seltsam kraftlos, alles plätscherte so vor sich hin und bis zum Schluss ist es mir nicht gelungen, zu der Protagonistin eine Beziehung herzustellen. Das ist bei so einem hochemotionalen Thema ausgesprochen schade, denn da lebt viel von einem gefühlsmäßigen Nachvollziehen.
Diesen Zugang verstellt die doch recht distanzierte Schreibe der Autorin. Das entspricht zwar dem Charakter der Protagonistin, machte es mir dadurch aber unmöglich, zu ihr durchzudringen.
Das ist vielleicht stilistisch konsequent und manche mögen das auch ästhetisch wertvoll finden, wie die Nominierung ja zeigt.
Für mich lebt die Behandlung eines solchen Themas von Emotionen, die man mit den LeserInnen teilt. Hier blieb ich leider außen vor.

Bewertung: 2.5 von 5.

Antje Ravik Strubel: Blaue Frau. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 2021

Mithu Sanyal: Identitti

Sie ist der Star der Düsseldorfer Universität: Professorin Saraswati, bekennende Person of Colour, die dort Postcolonial Studies unterrichtet. Ihre Seminare sind begehrt und spektakulär: So verweist sie schon mal alle weißen StudentInnen des Raums, um sie dann anschließend zu ihren Ausgrenzungserfahrungen zu befragen. Umso größer ist der Skandal, als sie herausstellt, dass sie in Wirklichkeit die unbestreitbar hellhäutige Deutsche Sarah Vera Thielmann aus Karlsruhe ist, die ihre vermeintlich indischen Wurzeln mit kosmetisch-chirurgischen Mitteln und einer fiktiven Vita gelegt hat. Statt sich der darauf folgenden Entrüstung zu beugen und sich ins nächste Mauseloch zu verkriechen, stellt sich die Professorin der Diskussion und der Frage: Was ist das eigentlich, die Identität?

So auch mit einer ihrer treuesten Studentinnen Nivedita, Tochter eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter. „Was ist wenn Hautfarben, Herkünfte und Identitäten in Wahrheit niemals eindeutig sind?“

Ich muss sagen, dass ich dieses Buch spontan nicht aus den nominierten Titeln des Buchpreises ausgewählt hätte. Nun handelt es sich zwar um ein Buch zu einem aktuell viel diskutierten Thema, aber gerade deswegen wollte ich es spontan nicht lesen. Man könnte es als eine Art Reizüberflutungserscheinung bezeichnen. Nun gabe es aber so viele positive Stimmen zu diesem Buch, dass ich dachte, möglicherweise könnte es doch ein Buch für mich sein. Falsch gedacht.

Um es gleich vorab zu sagen: Ich halte dieses Buch durchaus für klug und in seiner Aussage auch richtig, aber es ging mir in seiner Art unfassbar auf die Nerven. Vielleicht bin ich dieses Modethemas gerade ein bisschen überdrüssig, aber ich mochte diese intellektuellen Diskurse rund um Gender, Identität und Co gerade nicht lesen. Vielleicht, weil gerade jeder, der etwas auf sich hält oder auch einfach nur keine negativen Schlagzeilen bekommen möchte meint, auf diesen Zug aufspringen zu müssen. Bei Mithu Sanyal ist das absolut glaubwürdig, bei vielen anderen ist es das nicht. Das hat bei mir leider einen gewissen Überdruss ausgelöst, den auch dieses Buch (vielleicht zu Unrecht) erwischt hat. Möglicherweise wäre es mir damit zu einem anderen Zeitpunkt anders gegangen. Möglicherweise aber auch nicht.

Denn auch schriftstellerisch konnte mich das Buch nicht überzeugen. Für mich war das ein unnötig aufgeblähter Diskurs mit viel zu vielen Längen, der mich beim Lesen wirklich ermüdet hat. Auch der vielgelobte Sprachwitz konnte mich da nicht aufwecken, denn ich habe ihn schlichtweg nicht entdeckt. Klar war die Sprache ausgesprochen ausgefeilt, aber für meinen Geschmack viel zu künstlich. Als würde mich der Vorsatz, das jetzt besonders gekonnt zu formulieren, direkt anspringen. Spontane Heiterkeit ist bei mir an keiner Stelle aufgekommen. Diese Künstlichkeit habe ich leider auch bei sämtlichen Charakteren empfunden, von denen mir keiner wirklich nahe gekommen ist. Abstrakte Figuren in einem anstrengenden Diskurs.

Bewertung: 1.5 von 5.

Mithu Sanyal: Identitti. München: Carl Hanser Verlag, 2021