Hannah Lühmann: Auszeit

Die Freundinnen Paula und Henriette ziehen sich in ein abgelegenes Ferienhaus im Wald zurück, nachdem Henriette an einem Tiefpunkt in ihrem Leben angekommen ist. Mit Mitte dreißig hat sie das Gefühl, noch nichts im Leben erreicht zu haben. Weder eine Familie noch eine Karriere hat sie vorzuweisen, dafür jede Menge Selbstzweifel, flüchtige Beziehungen und eine angefangene Dissertation, bei der sie nicht weiterkommt. Dann wird sie ungewollt schwanger…

Mhhh, was soll ich sagen…ich glaube, falsches Buch zur falschen Zeit trifft es vielleicht am ehesten. So zu Beginn des Studiums, wo man selbst noch einigermaßen orientierungslos durch die Welt irrt, hätte es mir wahrscheinlich besser gefallen. Heute kann ich mit dieser Form von Nabelschau nicht mehr so viel anfangen. Was nicht heißt, dass mir Geschichten von seelischen Innenansichten grundsätzlich nicht gefallen. Zum Teil sogar sehr. Aber diese hatte für mich einen ziemlich pubertären Beigeschmack, gepaart mit einer großen Portion Selbstmitleid.
Dazu kommt, dass mir eigentlich beide Frauenfiguren nicht sonderlich sympathisch waren, was den Zugang zusätzlich erschwert. Weder bei der von Selbstzweifeln geplagten Henriette noch der verständnisvollen Powerfrau an ihrer Seite konnte ich innerlich andocken. Vor allem die Ich-Erzählerin Henriette ging mir im Verlauf des Buches zunehmend auf den Geist, was durch das überraschende Ende noch getoppt wurde. Kopfschütteln XXL… was in Bezug auf das Ende übrigens auf beide Protagonistinnen zutrifft.
Aber mein Kopfschütteln ist bei anderen vermutlich ein begeistertes Nicken, denn gerade in einer vergleichbaren Lebenssituation kann das eine durchaus interessante Lektüre sein. Nur leider nicht für mich.

Bewertung: 2.5 von 5.

Hannah Lühmann: Auszeit. München: Hanser Verlag 2021

J.P. Barker: Das Haus der bösen Kinder

Diese Reihe habe ich einer Leserunde gelesen…

Das ist nun der letzte Teil der Trilogie um Sam Porter und den Fourth Monkey Killer und wen wundert’s – auch hier gibt es wieder eine Mordserie, die Merkmale des gesuchten Serientäters trägt. Nur liegen die Tatorte so weit auseinander, dass mehr als eine Person im Spiel sein muss…

Wie schon beim ersten Teil haben wir vor allem weitergelesen, um die diversen offenen Fragen zu klären, die nach Band zwei eher noch mehr geworden sind. Denn so richtig begeistern konnten uns beide Teile nicht. Tja, man hätte es vielleicht dabei belassen sollen…
Klar gab es auch in diesem Buch eine Reihe spannender Momente, sonst hätten wir wahrscheinlich direkt nach Teil eins abgebrochen. Gerade die Tagebucheinträge waren interessant und haben einen an die Geschichte gefesselt. Und das ist auf jeden Fall ein Pluspunkt der gesamten Reihe, dass die Tagebucheinträge wirklich spannend zu lesen sind und einen zum Weiterlesen motivieren. Aber der Rest…

Hohle Charaktere und ein komplettes Storywirrwarr, in dem man auf Fährten geführt wird, die sich danach als schwer geflunkert herausstellen. Kann man mal machen, aber die ganze Zeit…
Durch dieses ständige Verwirrspiel war man als Leser irgendwann aus der Geschichte gekickt und es war einem dann fast schon egal, wie das Ganze ausgeht. Und letztlich war auch die Auflösung, auf die wir uns durch drei Bücher hingearbeitet haben, direkt ärgerlich. Da fühlt man sich als Leser einigermaßen vera…..!
Nach dem Lesen waren Janine und ich uns einig, diese Reihe hätten wir uns sparen können.

Bewertung: 1.5 von 5.

J.P. Barker: Das Haus der bösen Kinder. München: Blanvalet / Verlagsgruppe Random House, 2020

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen

Sie kennen sich seit ihrer Kindheit und haben eine wesentliche Gemeinsamkeit: die Erfahrung, fremd in einem Land zu sein und damit verbundene vielfältige Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung. Anlässlich einer Hochzeit treffen sich die Kameradinnen wieder und feiern die gemeinsame Zeit. Auf dem Hintergrund des Verwurfs, dass eine von ihnen für einen verheerenden Brandanschlag verantwortlich ist…

Dieses Buch ist ein harter Brocken und hat mich zwischendurch richtig wütend gemacht. Denn hier wendet die Autorin die Zuschreibungen der deutschen Dominanzgesellschaft, die sie als Migrantin immer wieder erfährt, gegen die LeserInnen selbst. Ein Wir wendet sich an und gegen ein Ihr und klagt an. Kann man als stilistisches Mittel machen, mediale Aufmerksamkeit und Diskussionsstoff liefert es in jedem Fall.
Ich verstehe den Gedanken dahinter, finde das Thema auch wichtig, aber mir gefällt diese Form der Umsetzung nicht.
Hier ist ein literarischer Sensibilisierungsprozess intendiert und das funktioniert vielleicht auch bei dem einen oder anderen. Aber bei vielen auch einfach nicht, weil sie sich von diesen undifferenzierten Zuschreibungen nicht angesprochen oder auch abgestoßen fühlen. Und das finde ich bei diesem Thema einfach sehr schade. Mich hat diese Variante der Publikumsbeschimpfung auch eher genervt als erhellt, aber hat zumindest viele Gedanken und Diskussionen in unserer Leserunde ausgelöst. Und vielleicht geht es auch einfach darum, über Ausgrenzungserfahrung ins Gespräch zu kommen. Und das ist auf jeden Fall gelungen.

Bewertung: 2 von 5.

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2021

Monika Helfer: Vati

Während Helfer in ihrem Roman ‚Bagage‘ das Leben ihrer Mutter und Großeltern in den Mittelpunkt stellt, geht es in ihrem aktuellen autofiktionalen Buch, wie der Name schon sagt, um ihren Vater. Das ist vergleichweise schmal und versucht, sein Leben aus dem Blickwinkel der Tochter nachzuzeichnen. Obwohl sie es nicht immer leicht mit ihm hatte, geschieht das auf eine verstehende, versöhnliche Weise.

Als Kriegsversehrter mit nur einem Bein aus Russland zurückgekehrt, begleitete ihn das Erlebte weiterhin und macht ihn zu einem gebrochenen, kriegstraumatisierten Menschen. Trost sucht der bibliophile Familienvater in der Literatur und der Sammlung von Büchern, die ihn zu einer folgenschweren Fehleinschätzung führt…

Ich kenne die Bagage nicht und kann daher keinen Vergleich anstellen, was vielleicht auch kein Nachteil ist. Aber unabhängig davon hab ich mit diesem Buch meine Schwierigkeiten. Grundsätzlich hat mir die Geschichte des Vaters gefallen, die stellvertretend für viele Männer steht, die körperlich und seelisch gebrochen aus dem Krieg zurückgekehrt sind. Auch die Liebe zu Büchern, die er ja offenbar an die Tochter weitergegeben hat, ist schön beschrieben worden. Aber insgesamt konnte mich dieser Roman nicht fesselnd. Er wirkte auf mich irgendwie kraftlos und undynamisch, fast ein bisschen verstaubt. Spontan sind mir Assoziationen zum Familienkaffeekränzchen gekommen, bei dem man sich über das Leben eines Verstorbenen unterhält. Das ist durchaus liebevoll, aber bleibt zuweilen auch an der Oberfläche. Ich hätte mir bei dem Thema noch einen tieferen Blick ins Innenleben und die Beziehungen der ProtagonistInnen gewünscht.

Bewertung: 2.5 von 5.

Monika Helfer: Vati. München: Hanser Verlag, 2021

Mithu Sanyal: Identitti

Sie ist der Star der Düsseldorfer Universität: Professorin Saraswati, bekennende Person of Colour, die dort Postcolonial Studies unterrichtet. Ihre Seminare sind begehrt und spektakulär: So verweist sie schon mal alle weißen StudentInnen des Raums, um sie dann anschließend zu ihren Ausgrenzungserfahrungen zu befragen. Umso größer ist der Skandal, als sie herausstellt, dass sie in Wirklichkeit die unbestreitbar hellhäutige Deutsche Sarah Vera Thielmann aus Karlsruhe ist, die ihre vermeintlich indischen Wurzeln mit kosmetisch-chirurgischen Mitteln und einer fiktiven Vita gelegt hat. Statt sich der darauf folgenden Entrüstung zu beugen und sich ins nächste Mauseloch zu verkriechen, stellt sich die Professorin der Diskussion und der Frage: Was ist das eigentlich, die Identität?

So auch mit einer ihrer treuesten Studentinnen Nivedita, Tochter eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter. „Was ist wenn Hautfarben, Herkünfte und Identitäten in Wahrheit niemals eindeutig sind?“

Ich muss sagen, dass ich dieses Buch spontan nicht aus den nominierten Titeln des Buchpreises ausgewählt hätte. Nun handelt es sich zwar um ein Buch zu einem aktuell viel diskutierten Thema, aber gerade deswegen wollte ich es spontan nicht lesen. Man könnte es als eine Art Reizüberflutungserscheinung bezeichnen. Nun gabe es aber so viele positive Stimmen zu diesem Buch, dass ich dachte, möglicherweise könnte es doch ein Buch für mich sein. Falsch gedacht.

Um es gleich vorab zu sagen: Ich halte dieses Buch durchaus für klug und in seiner Aussage auch richtig, aber es ging mir in seiner Art unfassbar auf die Nerven. Vielleicht bin ich dieses Modethemas gerade ein bisschen überdrüssig, aber ich mochte diese intellektuellen Diskurse rund um Gender, Identität und Co gerade nicht lesen. Vielleicht, weil gerade jeder, der etwas auf sich hält oder auch einfach nur keine negativen Schlagzeilen bekommen möchte meint, auf diesen Zug aufspringen zu müssen. Bei Mithu Sanyal ist das absolut glaubwürdig, bei vielen anderen ist es das nicht. Das hat bei mir leider einen gewissen Überdruss ausgelöst, den auch dieses Buch (vielleicht zu Unrecht) erwischt hat. Möglicherweise wäre es mir damit zu einem anderen Zeitpunkt anders gegangen. Möglicherweise aber auch nicht.

Denn auch schriftstellerisch konnte mich das Buch nicht überzeugen. Für mich war das ein unnötig aufgeblähter Diskurs mit viel zu vielen Längen, der mich beim Lesen wirklich ermüdet hat. Auch der vielgelobte Sprachwitz konnte mich da nicht aufwecken, denn ich habe ihn schlichtweg nicht entdeckt. Klar war die Sprache ausgesprochen ausgefeilt, aber für meinen Geschmack viel zu künstlich. Als würde mich der Vorsatz, das jetzt besonders gekonnt zu formulieren, direkt anspringen. Spontane Heiterkeit ist bei mir an keiner Stelle aufgekommen. Diese Künstlichkeit habe ich leider auch bei sämtlichen Charakteren empfunden, von denen mir keiner wirklich nahe gekommen ist. Abstrakte Figuren in einem anstrengenden Diskurs.

Bewertung: 1.5 von 5.

Mithu Sanyal: Identitti. München: Carl Hanser Verlag, 2021

Gert Loschütz: Besichtigung eines Unglücks

Im Zentrum dieses Roman steht ein Unfall: das schwerste Zugunglück der deutschen Geschichte im Bahnhof von Genthin 1939, bei dem zwei Züge frontal gegeneinander prallten. Es gibt zahlreiche Tote und noch mehr schwer Verletzte. Eine von ihnen ist Carla, verlobt mit dem Juden Richard aus Neuss. Doch nicht er begleitet sie auf dieser schicksalhafen Reise, sondern der Italiener Guiseppe Buonomo, der bei dem Unfall stirbt. Und als dessen Frau sich Carla kurz nach dem Unfall ausgibt…

Schon dieser kurz umrissene Inhalt war es, der mich auf dieses Buch unter den zwanzig nominierten Titeln des Buchpreises aufmerksam machte. Die historische Kulisse des Unglücks in der Zeit des Nationalsozialismus und beginnenden zweiten Weltkrieges und das Thema der Judenverfolgung war für mich sehr vielversprechend und entsprechend motiviert bin ich an das Buch herangegangen. Nur leider bekam diese positive Grundeinstellung einen derben Dämpfer.

Das gesamte erste Drittel des Buches beschäftigt sich in chronistischer Weise mit der Rekonstruktion des Unfalls in sämtlichen Details. Das mag vielleicht für Eisenbahner und ihre Fans interessant sein, bestimmt auch für ErmittlerInnen, RechtsanwältInnen oder VersicherungsbeamtInnen und den persönlich betroffenen Autor, aber sicherlich nicht für die durchschnittlichen LeserInnen. Für die ist das ausgesprochen dröge. Nun hatte ich auf die mysteriöse (Liebes)Beziehung zwischen Carla und dem Italiener gehofft, da sie in der Anlage ja das Potential für eine richtig gute Geschichte bietet. Nur leider begann sie in ähnlich trockener Schreibe als wäre sie aus Aktennotizen zum Unfallhergang zusammengeschustert. Ich habe dabei jegliche Dynamik, Spannung und Tiefgang vermisst.

Vielleicht kommt das noch im zweiten Teil des Buches, was dramaturgisch auch sehr unglücklich wäre, da man zu dem Zeitpunkt schon einen Großteil der LeserInnen abgehängt hat. Wie zum Beispiel mich.

Bewertung: 1.5 von 5.

Gerd Loschütz: Besichtigung eines Unglücks. Frankfurt amMain: Schöffling und Co, 2021

Lutz Seiler: Stern 111

Im Herbst 1989 machen sich Inge und Walter Bischoff im Zuge des Mauerfalls in den Westen auf. Ein lange gehegter Traum soll wahr werden, bevor sich das politische Blatt nicht doch wieder wendet. Ihr inzwischen erwachsener Sohn Carl hat wenig Lust, im heimatlichen Gera die Stellung zu halten und geht nach Berlin. Dort schließt er sich der Hausbesetzerszene an, arbeitet in der Kellerkneipe Assel und findet in der linksradikalen Guerillabewegung einen neuen Wirkungskreis…

Eigentlich bringt der Roman alles mit, um bei mir zu punkten. Als Berlinerin sind mir alle Orte bestens vertraut, in meiner Jugendzeit war ich ständig in linksalternativen Kneipen unterwegs und bin es auch heute noch ab und zu, sofern sie denn mal wieder offen haben. Also gedanklich und lebenspraktisch gab und gibt es da deutliche Schnittstellen. Aber auch schon damals sind mir einseitige linksradikale Weltverbeserungsparolen unsagbar auf die Nerven gegangen und dieser Geist weht mich in diesem Buch leider immer mal wieder an.
Ich habe hier die Lebendigkeit und jugendliche Aufbruchsstimmung vermisst, die mir bespielsweise bei Regeners Herrn Lehmann so viel Spaß gemacht hat. Auch das ist eine nostalgische Rückschau auf alte Zeiten, aber eine, in der sich die prickelnde Stimmung komplett überträgt.
Das Gefühl hatte ich beim Stern 111 leider in keinster Weise, obwohl die Ereignisse dieser Zeit nicht weniger aufregend waren. Aber der Funke ist hier für mich überhaupt nicht übergesprungen, ich fand das Ganze überwiegend kraftlos, langatmig bis -weilig und auch ermüdend. Das streckte sich für meinen Geschmack sehr zäh in die Länge.
Es war ein bisschen so, als wenn ein etwas in die Jahre Gekommener in bierseliger Stimmung über seine wilden Jugendjahre monologisiert. Am Anfang ist es noch ganz nett, aber nach einer Stunde wird das Lächeln schon etwas gequält und spätestens ab Stunde drei wünscht man sich an einen andere Ort.

Nicht mein Buch, aber eins mit durchaus vielen Fans. Immerhin hat es letztes Jahr einen ordentlichen Preis gewonnen!

Bewertung: 2 von 5.

Lutz Seiler: Stern 111. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2020

Sebastian Fitzek: Der Augenjäger

Die eine oder andere Frage, die im ersten Teil offen geblieben war, wird in diesem Band wieder aufgegriffen. So begegnen einem die bekannte Figuren, werden aber durch neu hinzukommende ergänzt. Neben der Geschichte um Alex und seinen Sohn tritt hier noch ein reichlich gestörter Augenchirurg auf, der seinen Opfern eine besondere Behandlung angedeihen lässt, um es mal vorsichtig auszudrücken…

Dieses Buch ist mal wieder ein gutes Beispiel dafür, dass man manche Dinge einfach so lassen sollte, wie sie sind. Die Geschichte um den Augensammler hatte für mich einen guten Abschluss und auch wenn einige Fragen offen geblieben waren, war das Wesentliche geklärt. Manchmal ist es auch ganz gut, wenn man sich den letzten Rest dazudenken kann. Ich hatte jedenfalls nicht das Gefühl, dass hier noch was fehlt.
Aber surprise, surprise – gibt’s halt noch Teil 2…

Und der war leider so unnötig wie nur irgendwas. In zwei Erzählssträngen überschlägt sich die Story in Aktionismus und unverständlichen Andeutungen, die den Leser wahlweise Stirnrunzeln oder mit dem Kopf schütteln lassen. Ein bisschen Rätselraten ist ja ganz schön, aber wenn man mit offenen Fragen zugeschüttet wird und man gefühlt von einem Plottwist in den anderen stolpert, ist man eher verwirrt als gut unterhalten. Ein bisschen sollte man den Leser auf seine Reise schon mitnehmen.
Natürlich löst sich auch hier das Ganze am Ende auf und wird einigermaßen verständlich, ist aber weit entfernt von einem guten Aha-Erlebnis. Für mich war die Geschichte völlig überkonstruiert und in jeder Beziehung too much, inklusive der unnötig grausamen Geschichte rund um den Augenchirurgen.
Kurz zusammengefasst hätte es für mich diesen zweiten Teil wirklich nicht gebraucht, was schade ist. Der Augensammler hatte mir gut gefallen…

Bewertung: 1.5 von 5.

Sebastian Fitzek: Der Augenjäger. München: Droemer Knaur Verlag, 2011

Bernhard Aichner: Dunkelkammer

Ein Obdachloser findet auf der Suche nach einem Unterschlupf in einem leerstehenden Apartment eine mumifizierte Leiche. Statt der Polizei benachrichtigt er seinen alten Weggefährten Bronski, Pressefotograf mit einer Vorliebe für die Dokumentation von Todesfällen. Mit an seiner Seite die Journalistin Svenja Spielmann und seine Schwester, ihres Zeichens Privatdetektivin. Denn die mysteriöse Tote hat mehr mit Bronskis Vergangenheit zu tun als ihm lieb ist…

Vorab muss ich sagen, dass mir mein erster Aichner ‚Bösland‘ wirklich gut gefallen hat. Der hatte eine gut durchdachte Story mit viel Tiefgang, die Charaktere waren sauber herausgearbeitet und glaubwürdig, das war eine spannende und runde Sache. Leider konnte ich davon im aktuellen Buch nicht so viel wiederfinden.
Gut gefallen hat mir der dynamische Schreibstil, den man schon aus Bösland kennt, mit vielen Perspektivwechseln und eingeschobenen Dialogen.
Aber alles andere war für mich wirklich enttäuschend, ich muss das leider so klar sagen.
Bereits zu Beginn der Buches trifft man auf Geschehnisse, die zwar theoretisch möglich, aber wenig wahrscheinlich sind. Das könnte man noch verkraften, wenn es sich um einen kleinen Ausrutscher handelt, nur leider ziehen sich die Ungereimtheiten und kruden Zufälle durch das gesamte Buch.
Zu allem Überfluss können die Charaktere die inhaltlichen Mängel der Story auch nicht wettmachen, eher im Gegenteil. Ich glaube, ein ähnlich irrationales und sprunghaftes Verhalten habe ich das letzte Mal auf dem Pausenhof in der 8. Klasse erlebt.
Und auch handwerklich waren da für mich einige Patzer drin. Wenn man schon einen Wechsel von Text- und Dialogpassagen hat, warum wählt man dann bei einer Schlägerei einen Dialog? Das hätte mit den ganzen Schmerzensausrufen besser in einen Comic gepasst, aber nicht in einen ernstzunehmenden Krimi.
Und den würde ich mir wieder von ihm wünschen.

Bewertung: 1.5 von 5.

Bernhard Aichner: Dunkelkammer. München: btb Verlag, 2021

Verena Güntner: Power

Obwohl noch ein junges Mädchen, hat Kerze sich bereits den Ruf erworben, Verlorenes wiederzufinden und dabei einen unbeugsamen Willen an den Tag zu legen. Und so kommt es, dass sie von ihrer alten Nachbarin beauftragt wird, ihren verschwundenen Hund Power wiederzufinden. Kerze nimmt sich der Aufgabe mit vollem Eifer an und beginnt zur besseren Einfühlung in das Tier zu bellen und zu knurren und folgt seiner Fährte in den Wald. Schon bald schließen sich die Kinder des Dorfes der Suche an und beschließen, im Wald zu bleiben, bis das Tier gefunden ist…

Klingt doch erstmal gut und nach den ganzen positiven Rezis hier kann man eigentlich nichts falsch machen, dachte ich. Vor dem Lesen.

Nach dem Lesen muss ich leider feststellen, dass das nicht mein Buch ist.
Klar muss man sich auf dieses Buch einlassen, denn das Verhalten der Kinder ist ins Extreme übersteigt. Auch spielt die Autorin mit übersinnlichen Elementen, beispielsweise wenn abends die Geister an Kerzes Bett treten. Mich hat vieles an den Rattenfänger von Hameln erinnert, ein bisschen Sage ist also auch mit dabei.
Das Ganze soll gesellschaftskritisch sein und ist es wohl auch, nur hat sie mich in dieser Form überhaupt nicht erreicht.
Das lag vielleicht auch daran, dass mir hier jegliche Sympathieträger fehlten. Normalerweise hab ich ja eine Schwäche für starke, eigenwillige und auch etwas verschrobene Frauenfiguren, aber mit dieser Kerze bin ich gar nicht warm geworden.
Wie schon der plakative Name der Protagonistin war mir hier alles zu dick aufgetragen und hätte für mich in subtileren Tönen besser funktioniert.

So schwimme ich hier mal gegen den Strom der begeisterten Rezis und habe zur Abwechslung mal kein schlechtes Gewissen. Bei so vielen Fans.

Bewertung: 1.5 von 5.

Verena Güntner: Power. Köln. Dumont, 2020