Thomas Kunst: Zandschower Klinken

Nachdem sein Hund gestorben ist, packt Bengt Claasen seine ganzes Hab und Gut in den Kofferraum und beschließ,t ein neues Leben zu beginnen. Auf dem Armaturenbrett das Halsband seines Hundes, beschließt er sich in dem Ort niederzulassen, an dem es runterfällt. Das ist nun gerade das etwas verschrobene Zandschow im äußersten Norden des Landes…

Klingt ja erstmal gar nicht so uninteressant und von der Ausgangssituation zumindest reizvoll. Aber dieses Buch ist so wenig meins, dass ich es nach dem ersten Viertel auch direkt wieder beende mit der Frage: Was soll das sein? Eine neue Variante der Känguru-Chroniken (nur sehr viel schlechter)?
Hier wird einem auf dem Einband ein Roman mit viel Witz angekündigt, ich frage mich nur gerade, für welche Altersgruppe…
Mir hat sich der Witz eines Rehs, das in die Karibik fährt und dort einen Taxischein macht, jedenfalls nicht erschlossen. Auch lösen die Überlegungen des Inhabers von ‚Getränke Wolf‘, seine Hilfskräfte durch Ratten zu ersetzen, weil sie resistenter gegen Asbest sind, bei mir eher Stirnrunzeln als Anfälle von Heiterkeit aus.

Leider hat man als LeserIn hier nicht nur mit diesem stark gewöhnungsbedürftigen Humor zu kämpfen, sondern mit einer permanenten Wiederholung von Sätzen oder Abschnitten. Ich weiß nicht, wie oft ich gelesen habe, dass das Taxi weiß ist. Vielleicht dient es der Absicherung des Inhalts, falls man zwischendurch weggenickt ist…eine Methode, mit wenig Inhalt viele Seiten zu füllen, ist es allemal.
Nun wird es sicher diverse LiteraturkritikerInnen geben, die hier große Kunst sehen – anarchistische gar, wie der Klappentext verkündet. Auch wird die Redundanz wahrscheinlich ein ganz pfiffiges Stilmittel sein. Irgendwie muss es dieses Buch ja auf die Shortlist geschafft haben…
Nur leider suche ich hier sämtliche Kriterien eines guten Buches vergebens. Aber manche Dinge halten sich wohl geschickt verborgen. Eins sollte ein Buch aber auf keinem Fall: mir auf die Nerven gehen.

Bewertung: 1 von 5.

Thomas Kunst: Zandschower Klinken. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2021

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

Vernon, einst erfolgreicher Plattenladenbesitzer und vernetzt in der lokalen Musikszene, steht vor den Scherben seiner Existenz. Nacheinander verliert er Laden, Job und Wohnung. Auf der Suche nach einer vorübergehenden Bleibe aktiviert er seine alten Facebook-Kontakte, die ihre besten Jahre ebenfalls hinter sich haben…

Man kann nicht sagen, dass das Thema kein Potential hat. Es hätte tatsächlich so gut sein können. Aber bitte…was war das…
Das scheint ja in Frankreich seit Houllebecq in Mode gekommen zu sein, auch das letzte verquere Gedankengut als Kunst zu stilisieren. Hier beispielsweise als „großartiges Sittengemälde einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft.
Mag sein, dass hier ein Spiegel vorgehalten werden soll, aber da kann ich auch bei der nächsten Skatrunde der AfD vorbeischauen, das muss ich nicht lesen. Denn was einem da an rassistischen, frauenfeindlichen und homophoben Ergüssen zugemutet wird, ist nur schwer zu ertragen. Wenn das gesellschaftskritisch sein soll, habe ich eindeutig den positiven Gegenspieler verpasst. Fällt der weg, bleibt da nämlich nur eine Ansammlung von Verbalshit der übelsten Sorte.
So ereifert sich ein Freund Vernons über eine Journalistin als „Kanackenjüdin“ und äußerst in dem Zusammenhang, „ich würde das ganze Gebiet mit Napalm zukippen, Palästina, Libanon, Israel, Iran, Irak, alles dasselbe: Napalm.
Vernon räumt ein, sein Freund war schon immer ein rechter Sack. Er mag die Journalistin, weil… Zitat: „Man sieht, dass die Kleine auf Sex steht.“ Das hält man doch im Kopp nicht aus!
Das ist übrigens Hauptfunktion der Frauen in diesem Roman. Gefühlt sind sie 24/7 unterwegs, um den Männern einen zu blasen.
Wenn man dann noch die Gedanken einer alternden Pornodarstellerin zur Standhaftigkeit der männlichen Darsteller serviert bekommt, ist es an der Zeit, dieses Buch (vorzeitig) zu beenden.

Hinterher hab ich mich gefragt, warum ich nicht schon viel früher abgebrochen habe und nicht erst nach der Hälfte des Buches. Vielleicht habe ich gehofft, dass einige der unsäglichen Protagonisten der Schlag trifft… Aber es war ein Geschenk und ich wollte es wenigstens versucht haben. Fazit: Wenn das literarische Kunst ist, bin ich raus.

Bewertung: 1 von 5.

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2017

Stephen Chbosky: Der unsichtbare Freund

Auf der Flucht vor ihrem Exfreund zieht die alleinerziehende Kate mit ihrem siebenjährigen Sohn Christopher nach Mill Grove, eine Kleinstadt in Pennsylvania. Direkt am Waldrand beziehen sie ein kleines Haus. Doch kurz nach dem Umzug sieht Christopher seltsame Zeichen und hört Stimmen, die ihn in den Wald locken…

Nun ja, schon die Erwähnung der lächelnden Wolke auf dem Klappentext hätte mir verdächtig vorkommen müssen. Aber da im Buch neben den Motiven des Übersinnlichen auch mit denen der Geisteskrankheit gespielt wird, hätte das noch so durchgehen können. Wie so vieles zu Beginn des Buches.
Denn es geht erstmal recht spannend und atmosphärisch los und hat auch einige gruselige Momente, die Lust auf mehr machen.
Aber schon recht bald schleichen sich unlogische bis völlig lächerliche Sequenzen und Handlungsstränge ein, die man beim besten Willen nicht mehr ernst nehmen kann. Nun kann ja in einem fiktiven Roman mit übersinnlichen Elementen schon mal einiges etwas abwegig oder unlogisch sein, nur sollte man damit sehr sparsam umgehen. So versucht man bei Christophers Gespräch mit der Plastiktüte noch zähneknirschend beide Augen zuzudrücken, nur gibt es in diesem Buch gefühlte hundert Plastiktütenmomente…

Für mich ein gutes Beispiel, wie ein Autor das Maß überhaupt nicht findet und die Geschichte zu Tode eskaliert. Für mich war das Maß auf jeden Fall nach gut der Hälfte voll und ich habe mich für vorzeitigen Abbruch entschieden.
Weise Entscheidung, denn meine Lesepartnerin hat noch ein bisschen ins Ende reingelesen und das wurde ja noch viel schlimmer als erwartet und das heißt schon einiges…

Dieses Buch wird ja damit beworben, dass es an Stephen King erinnert. So kann man es auch ausdrücken, wenn jemand einfach munter abschreibt. Das ist an so vielen Stellen so dreist von ES abgekupfert, dass es mich echt geärgert hat.

Bewertung: 1.5 von 5.

Stephen Chbosky: Der unsichtbare Freund. München: Heyne Verlag, 2019

Taylor Adams: No Mercy

Ein junges Paar bleibt auf dem Weg durch die Wüste mit dem Auto liegen, ohne Handyempfang und mit nur noch einer Flasche Wasser. Und zu ihrem Entsetzen entpuppt sich die vermeintliche Autopanne als gezieltes Manöver eines Scharfschützen, der sie bereits ins Visier genommen hat…

Das Szenario des Highwaykillers ist wahrlich nicht neu, aber kann man machen, wenn man das Ganze gut aufbereitet und vielleicht auch noch etwas Neues reinbringt. Aber was hier mit dem an sich spannend klingenden Stoff veranstaltet wurde…

Für meinen Geschmack stimmt hier so ziemlich gar nichts. Nicht nur ist die Story inhaltlich extrem dünn und…man muss ja ein Buch vollkriegen… mit viel überflüssigem Brimborium aufgebläht, auch die Charaktere sind gleichermaßen flach und entsprechen jedem nur denkbaren Klischee. Und wenn das noch nicht genug wäre, wird hier eine Ansammlung an Absurditäten aufgetafelt, dass man aus dem Augenrollen gar nicht mehr rauskommt.
Beispiel gefällig? Unser Opfer schmuggelt sich unter dem Jeep eines Komplizen des Killers zu einer kleinen Blechhütte. Das funktioniert natürlich 1a auch in unwegsamem Gelände, ohne dass er unterwegs den Halt verliert oder der Rücken eine Fleischmasse ist. Wohlgemerkt, er ist in der Wüste und hat den halben Tag nichts getrunken. Nun geht Killer Nr 2 in die Hütte und statt sich zu freuen, unentdeckt geblieben zu sein, tätigt er erstmal ein ausgiebiges Pläuschchen übers Funkgerät, das auch noch der hinterletzte Coyote in einem Kilometer Entfernung mitkriegen muss…
Und das ist nur eine von vielen Szenen, die so unrealistisch sind, dass man das Buch auch beim bestem Willen nicht mehr ernst nehmen kann.

Sprachlich hat man hier auch eine schwere Kröte zu schlucken. Nun ist bei einem Thriller nicht unbedingt hohe Sprachkunst zu erwarten, aber einen halbwegs bewussten Umgang mit Sprache schon. Aber wer so unsensibel mit Nazi- und Ausschwitzvergleichen um sich wirft, gehört eigentlich schon vom Lektorat abgewatscht.

Ich gehe ja selten mit einem Buch völlig ins Gericht, aber wenn ich als Leser so dermaßen für dumm verkauft werde wie in diesem Fall, braucht es ein paar offene Worte.
Nun ist ja der Autor eigentlich Filmregisseur und da mag sowas funktionieren, aber für Bücher braucht man schon ein Mindestmaß an Niveau.

Bewertung: 1 von 5.

Taylor Adams: No Mercy. München: Heyne, 2021

Ethan Cross: Ich bin die Nacht

Der psychopathische Serienkiller Francis Ackermann junior ist auf der Flucht und zieht mordend durchs Land. In der Stadt Asherton trifft er auf den Cop Marcus Williams, der hier auf seiner neu erworbenen Ranch eigentlich einen neuen Lebensabschnitt beginnen will. Doch den Grausamkeiten Ackermans kann er nicht tatenlos zusehen und so begibt er sich auf die Spur des skrupellosen Killers, der in ihm einen ebenbürtigen Gegner gefunden hat.

Vorab: Es gehört vom Design zu den schönsten Büchern, die ich bisher in der Hand gehalten habe. Ich mag diesen rein schwarzen Einband mit der geprägten Schrift und dem originellen Buchschnitt total. Und ich hätte es so gerne geliebt, gerade weil es ein Geschenk war.
Nur leider war das hier so gar nicht meins, so leid es mir tut…
Am Anfang fand ich es noch ganz ok, es war spannend und man wusste noch nicht direkt, wo die Reise hingeht. Aber dann ist der Autor auf die Idee verfallen, immer und immer wieder noch eine Schippe draufzulegen und den Leser durch unzählige überraschende und völlig überflüssige Wendungen zu verwirren. Ich fand es irgendwann nur noch actionüberladen und übertrieben, so dass bei mir schließlich Überdruss den Spannungsfaktor abgelöst hat. Auch wurde für meinen Geschmack die Story im Verlauf zunehmend schlechter, insbesondere der Schluss ging für mich gar nicht. Da ich nicht spoilern will, kann ich hier nicht so ins Detail gehen.
Außerdem merke ich, dass ich immer allergischer darauf reagiere, wenn man versucht, inhaltliche oder erzählerische Mängel durch übertriebene Grausamkeit auszugleichen.
Ich weiß nicht, was da in der Verbindung zwischen Ackerman und Marcus noch alles passiert in den Folgebänden, aber mich hat das schwer an Harry Potter und Voldemort erinnert, nur nicht halb so gut. Da ich die Serie an dieser Stelle dann auch schon wieder beende, werde ich das wohl auch nie erfahren.

Bewertung: 1.5 von 5.

Ethan Cross: Ich bin die Nacht. Köln: Lübbe, 2013

Andreas Winkelmann: Das Haus der Mädchen

Die schüchterne Leni kommt für ein Praktikum in einem Verlag nach Hamburg und mietet sich über eine Zimmervermittlung eine Unterkunft. Es handelt sich um ein komfortables Zimmer, gemeinsam mit verschiedenen anderen Leuten in einer Villa direkt am Kanal. Schnell freundet sich Leni mit ihrer Zimmernachbarin an, der schönen und extrovertierten Vivien, die sich in Hamburg einen Millionär angeln will. Doch dann verschwindet Lenis neue Freundin spurlos. Und sie ist nicht die Einzige…

Ich hab ja den zweiten Teil aus dieser Reihe rund um den Polizeikommissar Kerner als erstes gelesen und fand Die Lieferung wirklich gut. Daher war ich mit einer recht positiven Leseerwartung an dieses Buch gegangen.

Aber ich muss sagen, dass ich schon ziemlich schnell einigermaßen ernüchtert war, denn das Ganze ging recht verworren los. Die Sequenzen zum Täter machen erstmal wenig Sinn und das Gespann Leni / Vivien war für mich fernab der Realität. Wenn man den gezeichneten Charakter von Vivien ernst nimmt, hätte sie sich gar nicht mit Leni abgegeben bzw. hätte sich ihr gegenüber anders verhalten, wenn sie ihre Gesellschaft gesucht hätte. Also als authentische Charaktere wenig überzeugend.

Als sich dann die Zusammenhänge etwas aufklärten, sollte man meinen, dass sich das Blatt dann zum besseren wendet, nur leider: Nein.

Was einem da als Details zu den Taten und Tatmotiv serviert wurde, fand ich schon hart an der Schmerzgrenze. Und zwar nicht, weil es zu grausam war, sondern einfach mal völlig daneben. Welche Männerphanatsien da bedient wurden, weiß ich nicht, aber ich kann mit solchen SM-Sklavengeschichten einfach mal gar nichts anfangen. Ganz schlechtes Zeichen ist, wenn ich beim Shutdown eines Thrillers anfangen muss zu lachen, einfach weil ich es nicht mehr ernst nehmen kann. Das rutscht dann irgendwann gedanklich in Slapstick ab. Zu allem Überfluss war dann letztlich der Täter als solches auch gar nicht passend, für mein Geschmack. Also, bei diesem Thriller stimmte für mich diesmal leider wenig.

Bewertung: 1.5 von 5.

Andreas Winkelmann: Das Haus der Mädchen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2018

Melanie Raabe: Die Wälder

Als Nina erfährt, dass ein alter Freund aus Kindheitstagen verstorben ist, trifft sie das schwer. Vor allem auch deshalb, weil er sie vor seinem Tod verzweifelt versucht hat zu erreichen, so wie andere frühere Freunde auch. Allen hinterlässt er einen Auftag: Seine Schwester zu finden, die vor vielen Jahren in den tiefen Wäldern ihres Heimatdorfes spurlos verschwunden ist…

Klingt erstmal nach einer guten Grundlage für einen richtig spannenden und gruseligen Thriller und mir standen auch mehrfach die Haare zu Berge, allerdings nicht vor wohligem Schauer, sondern vor Entsetzen über die Klischees und Absurditäten, die einem da angeboten wurden. Angefangen damit, dass die Protagonistin zu einem wildfremden Mann, der auch noch alle Merkmale eines Verbrechers in sich vereint, ins Auto steigt, um dann zu fortgeschrittener Stunde in ein endlegenes Waldgebiet zu fahren (beeestimmt 🙄). So reiht sich eine Unwahrscheinlichkeit an die andere und nachdem ich mehrfach mit mir gerungen habe, einfach abzubrechen, hab ich irgendwann eher belustigt weitergelesen. Nicht gut bei einem Thriller…
Als Pluspunkt könnte man die zwei Zeitebenen werten, die als Erzählstränge durch die Geschichte führen. Die erste Ebene schildert die Ereignisse der Gegenwart, der erwachsen gewordenen Jugendfreunde, die versprochen haben, ein Verbrechen aufzuklären und an dessen Schauplatz zurückkehren. Ebene zwei erzählt von ihren Kindheitserlebnissen rund um das Verbrechen selbst.
Sollte das jemandem irgendwie bekannt vorkommen…richtig! Hier wurde sich ordentlich bei Stephen Kings ES bedient, bis hin zur Bande der Halbstarken, die die Kindergruppe drangsaliert und bei der sogar einzelne Szenen 1:1 abgekupfert sind. Nicht, dass man nicht mal auf einen Klassiker zurückgreifen könnte, aber doch bitte nicht auf diese plumpe Art und Weise.
Ich versuche ja Kritik aus Respekt vor den Autoren möglichst vorsichtig zu formulieren, aber hier habe ich mich als Leser angesichts der vielen Absurditäten und billigen Effekthascherei echt verar…t gefühlt. Sorry, dass ich das so deutlich sagen muss..

Bewertung: 1.5 von 5.

Melanie Raabe: Die Wälder. München: btb Verlag, 2019

Tonio Schachinger: Nicht wie ihr


Wäre das Buch nicht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis und hätte ich mir nicht vorgenommen, diesmal alle nominierten Titel zu lesen, hätte ich es wohl nicht in die Hand genommen, denn hier geht es um Fußball. Genauer, um ein Jahr im Leben des Fußballstars Ivo Trifunović, in dieser Geschichte einer der bestbezahlten Fußballer der Welt. Nun habe ich keine großen Schnittstellen zum Thema Fußball, kann mir aber auch in dem Rahmen interessante Handlungen vorstellen, suggeriert doch der Titel eine Coming Out-Geschichte oder zumindest mal irgendwas mit Tiefgang.

Aber nichts falscher als das. Vielmehr bekommt man einen kleinen Einblick in das Leben der Superreichen, nur leider von der allerdumpfesten Sorte. Ich fühlte mich über weite Strecken so, als hätte der Autor in der letzten Eckkneipe mitstenographiert und das nach dem zehnten Bier der dort Versammelten. Man erfährt so einiges über europäischen Fußball, das nervige Leben als Prominenter, die geilen Brüste der Ehefrau und diverse Pornophantasien und vor allem lernt man Kraftausdrücke jeglicher Art, noch dazu mit Wiener Dialekt. Aber will man das wirklich wissen?Dass ich nicht nach dem ersten Drittel abgebrochen habe, lag daran, dass es mich dann doch interessierte, wie die Affäre mit Ivos Jugendliebe Mirna weitergeht. Vielleicht habe ich auch gehofft, dass noch was Geistreiches kommt, schließlich ist das Buch ja für den Buchpreis nominiert. Aber das ist für mich bis zum Schluss ein Rätsel geblieben. Und auch das mit der Affäre, puhhh, aber lest selbst…
Das Buch wird auf dem Klappentext als rotzig, deep und fresh angepriesen. Ist das rotzig und fresh, wenn gefühlt auf jeder zweiten Seite Hurensohn steht? Kleine Kostprobe gefällig?

Ivo möchte seine Tochter vom Kindergarten abholen, nur leider steht er nicht auf der Abholliste und der Erzieher will das Kind nicht irgendjemandem rausrücken, der da mal eben so vorbeischaut. Logisch. Wahrscheinlich holt sonst immer die Frau oder die Nanny die Tochter ab…

Was soll los sein, oida! Ich steh hier in Lenas Kindergarten und dieser absolute Hurensohn von einem Scheißkindergärtner lässt sie mich nicht abholen, weil ich nicht auf irgendeiner Liste stehe.“ (S.175f)

Nun könnte man einwenden, vielleicht will der Autor unserer Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Den Blick schärfen für die hohlen Nüsse unter denen ganz oben auf der Gehaltsliste. Aber dazu muss ich nur mal kurz den Fernseher anmachen. Und wenn man diesen Anspruch hat, muss man das schriftstellerisch schon geschickter anstellen.
Deep? Ja, unterirdisch.

Bewertung: 1.5 von 5.

Tonio Schachinger: Nicht wie ihr. Wien: Kremayr & Scheriau, 2019

Michel Houellebecq: Serotonin


Florent-Claude ist mit sich und der Welt unzufrieden, angefangen von seinem als schwuchtelig empfunden Namen, dass er im Hotelzimmer nicht rauchen darf, mit den umweltbewussten Pariser ‚Bobos‘, die ihm seinen alten Dieselmercedes verbieten wollen und insbesondere seiner Freundin Yuzu, die es auch schon mal mit mehreren Männern gleichzeitig oder Dobermännern treibt. Letzteres findet er dann doch zu eklig, verwirft aber den Plan, sie einfach aus dem Fenster zu schmeißen und beschließt, unterzutauchen. Er kündigt seinen Job, mietet sich in einem Hotel ein und leidet weiter an sich und der Welt, begleitet vom Antidepressivum Captorix, das helfen soll, Serotonin auszuschütten, dem Botenstoff im Gehirn, der zu innerer Gelassenheit und Zufriedenheit führt.

Eine überdurchschnittliche Portion Serotonin ist bei diesem Buch auch nötig, denn was man da an rassistischem, frauenfeindlichem oder einfach nur dummem Geschwätz ertragen muss, ist wirklich kaum auszuhalten. Und es ist mir an der Stelle auch egal, ob man die Ausführungen des Protagonisten jetzt mit Houellebecqs Ansichten gleichsetzten kann oder nicht, ich will solche rechtslastigen Parolen weder hören noch lesen. Auch möchte ich nicht über Frauen wahlweise als fettärschige oder geile Schlampen lesen oder über die Vorteile einer Verbindung mit einer devoten Osteuropäerin: „Sie steht um fünf morgens zum Melken auf, danach weckt sie dich mit einem Blowjob und das Frühstück ist auch schon fertig.

Sorry, aber sowas braucht kein Mensch. Auch nicht von Houellebecq.

Bewertung: 1 von 5.

Michel Houellebecq: Serotonin. Köln: DuMont Buchverlag, 2019