Elisa Levi: Anderes kenne ich nicht

„Es gibt keinen Ort, der universeller ist als das kleinste Dorf.“

Bereits der erste Satz des Klappentextes beschreibt, worum es in diesem Buch geht. Dem ganz besonderen Mikrokosmos in einem kleinen spanischen Dorf mit nur vier Straßen, einer Kirche und einem Einkaufsladen. Ein Ort, an dem jeder jeden kennt. Und an dem die Zeit stehenzubleiben scheint.

Welch eine willkommene Abwechslung, als ein Mann im Dorf erscheint, dem sein Hund entlaufen ist. Ausgerechnet im angrenzenden Wald will er den Hund suchen. Wo doch jede*r im Dorf weiß, dass keiner aus diesem Wald lebend wieder herauskommt.
Von dieser und anderen Universalitäten ihres Dorfes erzählte Lea dem ahnungslosen Fremden – bei einer Zigarette auf der Bank in der Nachmittagssonne. Oder auch zwei oder drei…

Tatsächlich besteht das gesamte Buch aus Leas Monolog mit dem Fremden, in dem sich das gesamte gesellschaftliche Leben des Dorfes ausbreitet. Das könnte auf den ersten Blick ziemlich handlungsarm wirken, die Konstruktion ist aber erstaunlich tragfähig. Das liegt vor allem an den interessanten Themen, die im Rahmen dieses Monologs angerissen werden. Den Abhängigkeiten, Wünschen und Sehnsüchten Leas und der anderen Dorfbewohner*innen, ihren Beziehungen untereinander, den überholten Traditionen, der geistigen Enge und dem Wunsch, alles hinter sich zu lassen. Und die Angst davor.
„Lieber das bekannte Übel, als das unbekannte Gute“ ist das Motto des Dorfes, mit dem sich Lea immer weniger abfinden kann.
Wäre da nicht ihre Schwester, die aufgrund schwerer geistiger und körperlicher Beeinträchtigungen auf Leas tägliche Hilfe angewiesen ist…

Was mir an dem Buch so gut gefallen hat, sieht man eigentlich schon am Cover – es strahlt ganz viel Wärme aus. Als würde man selbst in der Nachmittagssonne sitzen und einer (etwas längeren Erzählung lauschen). Trotz Leas Distanz zur dörflichen Enge und vieler negativer Gedanken spürt man immer wieder ihre Zuneigung und Verbundenheit gegenüber den Dorfbewohner*innen.

Und das in einer wunderbar klaren, bildhaften Sprache, die gerade in ihrer Einfachheit viele starke Sätze und Passagen produziert. Dazu passt auch ihre zum Teil derbe Art, bei der sie auch kein Blatt vor den Mund nimmt. Gerade ihre abwertenden Gedanken in Bezug auf ihre Schwester haben Kritik ausgelöst, vielleicht auch nicht zu Unrecht. Aber ich denke, dass es durchaus Gedanken sind, die in solchen Situationen aufkommen können. Nur sind sie gesellschaftlich extrem tabuisiert. Ich finde es im Kontext der Geschichte jedoch durchaus passend. Und sie spricht auch immer wieder ausgesprochen liebevoll über ihre Schwester, was man dabei nicht außer acht lassen sollte. Wahrscheinlich hat man in einer solchen Belastungssituation wirklich diese widersprüchlichen Gefühle in sich. Allerdings hat mich das Ende auch etwas irritiert, muss ich sagen. Das ist schon ziemlich harte Kost. Aber letztlich bleibt vieles auch offen und der Fantasie der Leser*innen überlassen.

Bewertung: 3.5 von 5.

Elisa Levi: Anderes kenne ich nicht. Berlin: Trabanten Verlag, 2022

Leonie Swann: Glennkill

Eines Morgens liegt der irische Schäfer George leblos auf der Weide – aus seinem Bauch ragt ein Spaten.
Seine Schafe sind fassungslos, aber auch wild entschlossen, den Täter auf eigene Faust zu ermitteln. Und dafür sind sie erstaunlich gut vorbereitet, hat ihnen der Schäfer doch regelmäßig aus Krimis und anderen Büchern der Menschen vorgelesen…

Zugegeben ist das ein etwas außergewöhnliches Szenario für einen Krimi und man muss sich natürlich darauf einlassen können, dass Schafe hier nicht nur dumm rumstehen und Gras kauen. Aber wenn man das macht, hat man eine sehr kurzweilige und originelle Lektüre für zwischendurch. Trotz einiger Skepsis im Vorfeld hat es mir wirklich Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen.
Ich denke, dass liegt vor allem daran, dass ich ein großer Fan von ‚Shaun, das Schaf‘ bin und da passt dieses Buch wie die Faust aufs Auge. Sicherlich wird hier auch ‚Wallace & Gromit: Unter Schafen‘ geistig Pate gestanden haben. Aber wer das mag, wird sicher auch mit diesem Buch seine Freude haben.

Mich hat es auf jeden Fall gut unterhalten. Ich mochte die Atmosphäre in diesem kleinen irischen Dorf, das Gerede untereinander und das scheinheilige Getue, dass von den Schafen auf ihre ganz spezielle Art entlarvt wird.
Für den ganz großen Wurf fand ich das Ende etwas schwach, das hätte ich mir anders gewünscht. Es ist aber durchaus stimmig und geht somit völlig in Ordnung.

Daher gibt’s eine Leseempfehlung für Shaunfans und Irlandurlauber, aber auch für all diejenigen, die ein bisschen leichte Unterhaltung brauchen.

Bewertung: 3.5 von 5.

Leonie Swann: Glennkill. München: Goldmann Verlag, 2005

Bernhard Aichner: Totenfrau

Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass die Bestatterin Blum etwas anders ist, um es mal vorsichtig auszudrücken. Eins ist sie auf jeden Fall nicht, zartbesaitet. Als ihr Mann bei einem Unfall mit Fahrerflucht stirbt, nimmt sie die Suche nach den Schuldigen auf und zieht dabei alle Register…

Ein Glück, nach der Dunkelkammer ein Licht am Ende des Tunnels 💡
Das war mal wieder ein Aichner nach meinem Geschmack, mit gelungener Story und ausgearbeiteten Charakteren. Klar ist Blum in jeder Beziehung extrem, aber auf ihre Art überzeugend dargestellt. Eine Frau mit Kill Bill-Faktor.
Ähnlich extrem war die Story im Bestattermilieu, die dem Leser direkt einen Crashkurs für die Aufbereitung von Leichen gibt. War jetzt nicht immer appetitlich, aber originell und für meinen Geschmack hochinteressant. Vor allem, wenn man im nachgeschalteten Interview erfährt, dass der Autor zu Recherchezwecken selbst bei einem Bestatter gearbeitet hat. Respekt!

Die Story war durchweg spannend und temporeich, ohne sich in zahlreichen Verwicklung zu verzetteln. Wie schon in ‚Bösland‘ gibt es die zwischengeschobenen Dialoge, die nur mit Gedankenstrichen markiert sind. Auch wenn das den Überblick erschwert, wer nun gerade redet, mag ich den Stil ganz gerne. Das bringt Dynamik und Abwechslung rein.

Einziger großer Kritikpunkt war die ungewöhnliche Häufung glücklicher Zufälle. Bei Blum gehen auch die gewagtesten Pläne sofort auf, alles klappt wie am Schnürchen. Auch fand ich die Auflösung nicht so gelungen.

Bewertung: 3.5 von 5.

Bernhard Aichner: Totenfrau. München: btb Verlag, 2014

Maxim Biller: Der falsche Gruß

Der junge Leipziger Erck Dessauer, angehender Schriftsteller mit großen Ambitionen, versucht im Berlin der Jahrtausendwende Fuß zu fassen. Und er bekommt ihn endlich, den lang ersehnten Buchvertrag bei einem renommierten Verlag. Wäre da nicht der intrigante Journalist Hans Ulrich Barsilay, bekannte Größe der Berliner Gesellschaft und Literaturszene, der ihm sein Projekt streitig machen will…

An Biller scheiden sich ja die Geister und auch dieser (recht schmale) Roman beweist mal wieder, everybody’s darling ist er nicht und will es wohl auch nicht sein. Und das mag ich an ihm. Seine kantige Art und den scharfzüngigen Stil, in dem er gerne mal vor sich hinätzt – in diesem Fall in Richtung Literaturbetrieb. Schnell wurden in den Rezensionen bekannte Größen wiedererkannt, wie beispielsweise den verstorbenen Frank Schirrmacher in der Figur des Barsilay. Auch konnte man als LeserIn mitraten, wie viel an Biller in Erck Dessauer steckt und wahrscheinlich findet man einiges von ihm in beiden Figuren, zumal wenn man an seinen verbotenen Roman Esra denkt.

Anfangs hatte ich etwas Mühe, in das Thema des Romans reinzukommen. Es hätten für meinen Geschmack auch ruhig ein paar Seiten mehr sein können. Insgesamt hat mich dieser kleine Ritt durch den Literaturbetrieb der Jahrtausendwende aber gut unterhalten, spätestens beim unangekündigten Besuch seiner Angebeteten, bei dem ich mehrfach laut lachen musste.
Das war für mich auch ein großer Pluspunkt des Romans, dass der Ich-Erzähler nicht mit Ironie in die eigene Richtung spart und sich voller Selbstzweifel durch den noch unbekannten Berliner Literaturbetrieb bewegt.
Einzig das Klischee der blonden vollbusigen Frau seines Begehrens, die natürlich auch noch mit roten Lippen und auf hohen Schuhen daherkommt, hat bei mir ein genervtes Augenrollen ausgelöst, allerdings… wer kann schon was für seine geheimen Fantasien…

Bewertung: 3.5 von 5.

Max Biller: Der falsche Gruß. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2021

Esther Becker: Wie die Gorillas

Zu viert müssen sie mich festhalten. Vielleicht auch zu fünft. Ob ein Paar der vielen Hände zu meinem Vater gehört, ist nicht sicher, meine Augen sind fest verschlossen.
Wer nach diesen ersten Sätzen Schlimmstes befürchtet, ist fast schon ein bisschen erleichtert nur wenige Zeilen später zu erfahren, dass es hier „nur'“ darum geht, einem kleinen Mädchen Augentropfen zu verabreichen, die sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt. Nur in Anführungszeichen, denn sie verliert diesen Kampf.
Jahre später wundert sich der Vater, warum sie sich so problemlos Kontaktlinsen einsetzen kann. Sie erklärt, „dass der entscheidende Unterschied zwischen den Augentropfen und den Kontaktlinsen darin besteht, dass ich es bin, die in mein Gesicht fasst.
Wobei wir direkt beim Thema wären, denn um weibliche Selbstfindung und die Selbstbestimmung über sich und den eigenen Körper geht es in diesem Buch.

Und das habe ich wirklich gerne gelesen, denn es hat eine sehr angenehm leichte Sprache ohne den analytisch-erklärenden oder auch anklagenden Tonfall, den Bücher aus diesem Themenspektrum gerne mal haben. Vielmehr waren die Schilderungen wie die Plauderei einer guten Freundin über die alltäglichen Dramen des Erwachsenwerdens und den mitunter steinigen Weg der Entwicklung vom kleinen Mädchen zur Frau.
Nur leider war dieser angenehme Monolog in Buchform nach gut 150 Seiten auch schon wieder zu Ende, was für mich auch der wesentliche Kritikpunkt an diesem Roman ist. Die Geschichte ist für mich schlichtweg nicht zu Ende erzählt, als wäre der Autorin auf halber Strecke die Puste bzw. der Erzählstoff ausgegangen. Gefühlt bricht die Story mitten in der Handlung ab.
Konsequenterweise endet das Buch auch sprachlich mit einem Cut, dem Ende einer Filmszene. „Schnitt, sage ich.
So bleibt ein Kurzfilm, aber ein guter.

Bewertung: 3.5 von 5.

Esther Becker: Wie die Gorillas. Berlin: Verbrecher Verlag, 2021

Christian Kracht: Faserland

Es geht in diesem Roman um eine Welt, die den meisten von uns wohl verschlossen bleiben wird – die der Reichen und manchmal auch Schönen. Hier wird von Sylt nach Zürich gejetsetet, locker mit dem Geld gewedelt und überwiegend gesoffen, wie unser ziemlich unsympathischer Erzähler. Oder anderweitige Drogen konsumiert, wie ein großer Teil seiner Umgebung.
Wenn man sich nun fragt, warum eine eher inhaltsarme Story zum modernen Klassiker avanciert ist, wie zumindest der Klappentext feststellt, dann wohl deshalb, weil dieser von vielen so angestrebte Lifestyle hier in seine Einzelteile zerlegt wird.
Kracht hat in diesem Roman die Oberflächlichkeit und innere Leere dieses speziellen Mikrokosmos sehr anschaulich auf den Punkt gebracht. Und dass ihre Protagonisten alles mögliche sind, nur nicht glücklich.

Ich muss sagen, ich war bei diesem Buch hin und hergerissen. Auf der einen Seite mochte ich diesen Ich-Erzähler in der Figur des Millionärssöhnchens, der kein Blatt vor den Mund nimmt und einfach macht, wonach ihm der Sinn steht. Unangepasste Typen mag ich, eigentlich. Nur leider ist dieser etwas aus der Art Geschlagene ein asozialer Unsympath allererster Güte, den man auf keinen Fall kennenlernen möchte und man hofft, dass möglichst wenig Kracht in dieser Figur steckt.

Aber wenn es darum geht, diese Welt zu entzaubern und ihre eigentliche Armseligkeit zu entlarven, dann ist das Projekt absolut gelungen.
Innerliches Kopfschütteln mit Programm, Mission geglückt.

Bewertung: 3.5 von 5.

Christian Kracht: Faserland. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 2015 (Original 1995)

Jo Nesbo: Macbeth

Im Bandenkrieg um die Vormachtstellung im Drogengeschäft erweist sich Inspector Macbeth als klug und schlagkräftig und kommt dadurch schnell zu Ruhm und Anerkennung. Doch das ist ihm bald nicht genug. Angestachelt von seiner Geliebten Lady, einer ehemaligen Prostituieren, strebt er nach mehr. Nach mehr Macht und Einfluss. Und ist bereit, dafür über Leichen zu gehen.

Normalerweise mag ich Thriller über Bandenkriege im Drogenmilieu nicht so gerne, aber zu diesem Thema passt es natürlich perfekt und ich war von dieser Neubearbeitung des alten Stoffes auf’s Angenehmste überrascht. Die bekannten Figuren und Szenen im neuen Gewand wiederzuentdecken hat einen besonderen Reiz, vor allem, weil sich der Autor überwiegend sehr nah am Original langbewegt, zum Teil sogar kurze Textpassagen übernimmt, das Ganze aber in einen zeitgemäßen Rahmen stellt. Das Hauptmotiv der immer stärker anwachsenden Machtgier ist in diesem Kontext sehr passend und überzeugend rausgearbeitet worden. Projekt Macbeth 2018 geglückt, würde ich sagen.
Auch wenn ich in diesem Leben wohl kein Fan von Actionthrillern dieser Art mehr werde, hat mir dieser Shakespeare wirklich Spaß gemacht.

Bewertung: 3.5 von 5.

Jo Nesbo: Macbeth – Blut wird mit Blut bezahlt. München: Penguin Verlag, 2018

Matthias Edvardsson: Die Lüge

Sie sind eine harmonische Familie in einer beschaulichen schwedischen Kleinstadt: der Pfarrer Adam, seine Frau Ulrika und die 19jährige Tochter Stella. Doch dann gerät die vermeintliche Familienidylle aus den Fugen, als ein älterer Geschäftsmann erstochen aufgefunden wird. Als dringend tatverdächtig verhaftet wird die Tochter und für die Eltern stellt sich die Frage: Wie gut kenne ich mein Kind und wie weit bin ich bereit zu gehen, um es zu schützen.

Dieses Buch war für mich eine Neuentdeckung, denn diesen Autor kannte ich bisher noch, bin aber doch sehr angetan.
Das ist ein solider und durchweg spannender Krimi, der jedoch nicht von der Action, sondern der geschickt inszenierten Erzählung und den starken Charakteren lebt.
Die Geschichte ist in drei Abschnitte unterteilt: Vater, Tochter, Mutter. Diese berichten aus ihrer Perspektive über die Geschehnisse rund um den Mord und dadurch konstruiert sich die Geschichte. Das ist erzählerisch gut gemacht und dicht an den Personen dran, die dadurch sehr authentisch werden.
Besonders gut hat mit die Schilderung des Vaters gefallen, die für einen Krimi einen außergewöhnlichen Tiefgang hat.
Die Geschichte selbst ist in sich stimmig, auch wenn mich das Ende etwas enttäuscht hat.
Trotzdem ein Autor, den man sich merken sollte.

Bewertung: 3.5 von 5.

Matthias Edvardsson: Die Lüge. München: Limes Verlag, 2019 (Original 2018)

Yrsa Sigurdardottir: DNA

Auf den ersten Blick haben die beiden Mordopfer wenig gemeinsam, außer der Tatsache, dass sie weiblich sind. Ansonsten könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Kommissar Huldar ermittelt in diesem ersten Teil der Thrillerserie in zwei Mordfällen, die vor allem durch ihre grausame und höchst ungewöhnliche Mordmethode ins Auge springen. Als ein Amateurfunker zufällig auf die Fährte des Mörders stößt, setzte schnell klar: er hat es nicht nur auf Frauen abgesehen…

Das ist doch mal eine Thrillerreihe nach meinem Geschmack, weil sie so wunderbar ruhig und unaufgeregt erzählt ist, ohne langweilig zu sein. Hier überschlagen sich nicht ständig in überraschenden Wendungen die Ereignisse, hier wird nicht das Kaleidoskop der Grausamkeiten ausgepackt und trotzdem kriegt man einen soliden Thriller daraus gestrickt. Das liegt vor allem an der gut entwickelten Geschichte und den überzeugenden Charakteren. Es hat vom Stil ein bisschen was von Adler-Olsen und den lese ich ausgesprochen gerne.
Allerdings war es für mich nicht ganz das gleiche Level, denn die Story fand ich in ihrer Auflösung nicht so überzeugend und etwas an den Haaren herbeigezogen. Da der Rest aber wirklich spannend und gut erzählt war, gibt es einen Daumen hoch und knappe vier Sterne.

Bewertung: 3.5 von 5.

Yrsa Sigurdardottir: DNA. München: btb, 2017 (Original 2014)

Hiromi Goto: Der Chor der Pilze

Drei Frauen, drei Generationen. Eine japanische Einwandererfamilie in Kanada. Während Keiko versucht, ihre Wurzeln abzuschütteln und sich in die neue Gesellschaft zu assimilieren, verweigert sich ihre Mutter Naoe konsequent der neuen Kultur. Tagaus, tagein sitzt sie im Flur auf einem Stuhl und murmelt japanisch vor sich hin. Die Enkelin Muriel versteht kein Wort, denn sie hat die Sprache ihrer Vorfahren nie gelernt, fühlt sich mit der Großmutter aber innerlich sehr verbunden. Oft sucht sie dort die Nähe, die ihr bei der gestressten Mutter fehlt.
Diese mentale Verbindung besteht auch noch weiter, als die Großmutter plötzlich aufsteht und beschließt, dieses fremde Leben hinter sich zu lassen. Sie verlässt wortlos das Haus und gilt seitdem als vermisst. Die Mutter stürzt dieser Verlust in eine tiefe Depression.

Für mich war es vor allem eine Freude, in diesem Buch die ewig vor sich hinmurmelnde Großmutter zu verfolgen, die in den Augen der Tochter eine nicht ernstzunehmende, demente Alte ist, es aber faustdick hinter den Ohren hat. Während sich Keiko für das Relikt aus einer alten Zeit schämt, übt die Großmutter einen stillen Widerstand aus. Sie verweigert die neue Sprache, obwohl sie diese durchaus beherrscht, lässt sich getrockneten Fisch aus der Heimat schmuggeln und züchtet Motten in den Falten ihrer Kleidung. Ein Albtraum für ihre auf Reinlichkeit bedachte Tochter, die von diesen stillen Attacken nichts ahnt. Also für mich war die aufsässige Oma der Sympathieträger schlechthin und hat mich des öfteren zum Schmunzeln gebracht.
Vergleichsweise wenig konnte ich mit den anderen beiden Frauenfiguren anfangen, der überangepassten Keiko und der Enkelin zwischen den Stühlen, die für mich farblos geblieben ist.
Neben den humorigen Passagen liefert dieser Roman aber auch sehr viel ernste Themen und vielleicht ist es ganz gut, dass die skurille Oma dem Ganzen ein bisschen die Schwere nimmt.

Themen wie kulturelle Entwurzelung, Heimatlosigkeit, Identitätssuche und der Mutter-Tochter-Konflikt, der sich durch die Generationen zieht, begegnen einem in diesem Buch. In dem sehr viel Tragik liegt, den erst der Verlust schafft hier eine Nähe, die vorher schmerzlich vermisst oder unterdrückt wurde. Für mich ein lesenswertes Buch, obwohl ich streckenweise Mühe hatte, den vielen Gedankensprűngen zu folgen. Des öfteren war man sich nicht sicher, aus wessen Perspektive gerade berichtet wird. Auch bleibt am Ende offen, ob die Erlebnisse der geflüchteten Oma tatsächlich so passieren oder nur in ihrem Kopf stattfinden. Wohl eher letzteres. Also ein nicht immer einfaches Unterfangen für den Leser, aber durchaus der Mühe wert.

Bewertung: 3.5 von 5.

Hiromi Goto: Der Chor der Pilze. Bad Berka: Cass Verlag, 2020 (Original 1994)