Slata Roschal: 153 Formen des Nichtseins



Ksenia ist Russin, sie ist Deutsche, sie ist Jüdin, sie ist unter Zeugen Jehovas aufgewachsen, sie ist eine junge Frau, Mutter, Schriftstellerin und Wissenschaftlerin – das alles ist sie und gleichzeitig nichts davon.

Schon der erste Satz des Klappentextes umreißt ziemlich genau, worum es in diesem Romandebüt geht – um die Suche nach der eigenen Identität. Dabei fließt Vergangenes und Gegenwärtiges ineinander, fällt der Blick auf Familienmitglieder und Freunde, aber auch Fremdes, dessen Verbindung lediglich in ähnlichen Wurzeln besteht.
Daher besteht der Text nicht nur aus Erinnerungen und Gedanken, sondern auch Rechercheergebnissen aus dem Internet zum Stichwort ‚russisch‘, aus Zitaten religiöser Schriften und Notizzetteln. Eine Collage der Selbstverortung.

Das Buch lässt mich ein wenig zwiegespalten zurück. Einiges hat mir wirklich gut gefallen, beispielsweise ihre Beschreibung, wie sie als Kind nach Deutschland gekommen ist. Das Gefühl des Fremdseins und der Sprachlosigkeit, in die man sich gut hineinfühlen kann. Persönlich haben mich die Abschnitte zum Einfluss der Zeugen Jehovas auf ihre Familie und ihre Erziehung besonders gefesselt, da meine beste Freundin aus Kindertagen einer ähnlichen religiösen Gruppierung angehörte. Da kam mir vieles sehr bekannt vor.

Trotzdem konnte mich das Buch nicht so richtig in seinen Bann ziehen. Vielleicht lag es an der fragmentierten Erzählform, vielleicht an dem (für meinen Geschmack) doch zu distanzierten Blickwinkel. Der Begriff ’sezierend‘ auf dem Klappentext trifft das ganz gut.

Dafür ist es aber ganz eindeutig von allen nominierten Büchern das mit dem schönsten Cover!

Bewertung: 3 von 5.

Slata Roschal: 153 Formen des Nichtseins. Erlangen: Homunculus Verlag, 2022

Ray Bradbury: Halloween

Üblicherweise kennt man ihn nur als den Autor von Fahrenheit 451. Aber das Ray Bradbury neben futuristischen Romanen auch zahlreiche Fantasy- und Horrorgeschichten geschrieben und Stephen King mit beeinflusst hat, ist eher weniger bekannt.

So ist auch dieser kurze Roman eine Mischung aus Fantasy- und Gruselgeschichte, die am titelgebenden Halloweenabend spielt.
Acht Jungen sind wie jedes Jahr ausgezogen, um in ihren gruseligen Kostümen die Nachbarschaft zu erschrecken und Süßigkeiten zu sammeln. Doch auf ihrem Weg geraten sie diesmal an ein Haus, das ihnen das Fürchten lehrt. Und nicht nur das…

Ohne Frage, dieses Buch ist speziell. Wenn man sich nicht auf fantasievolle Szenarien einlassen kann, ist es wahrscheinlich nicht die richtige Lektüre. Hier passieren definitiv Dinge, die den üblichen Rahmen der Realität sprengen.
Der Autor lässt seine acht Protagonisten am eigenen Leibe erleben, was das Halloweenfest wirklich bedeutet und welche Wurzeln es hat und begibt sich mit ihnen auf eine ungewöhnliche Reise. Das ist in seiner Art auf jeden Fall ungewöhnlich, aber auch sehr interessant. Und für den Anlass ausgesprochen stimmungsvoll.

Da ich selbst mit Fantasy teilweise meine Schwierigkeiten habe, bin ich bei diesem Buch etwas hin- und hergerissen. Auch wenn es thematisch sehr stimmig ist, fand ich es in der Umsetzung teilweise zu abgedreht. Allerdings geht mir das mit Stephen King auch hin und wieder so und Fans von Fantasy werden hier sicher ihre Freude haben. Und wahrscheinlich auch eher die, denn so richtig gruselig wird es hier nicht. Allerdings lernt man einiges Wissenswertes über das allseits bekannte Fest und das ist in jedem Fall die Lektüre wert.

Bewertung: 3 von 5.

Ray Bradbury: Halloween. Zürich: Diogenes, 1974

Sebastian Fitzek: Playlist

Der neue Fitzek, jetzt auch hier…

Das ist nun der dritte Teil der Geschichte rund um den Augensammler, in deren Mittelpunkt ein entführtes Mädchen steht. Theoretisch kann man das Buch auch lesen, wenn man die ersten beiden Teile nicht kennt, denn zwischendurch werden immer wieder Erklärungen und Verweise eingeschoben. Damit holt er auch diejenigen ab, die die ersten beiden Teile inhaltlich nicht mehr so auf dem Schirm haben. Das hat mir gut gefallen. Heißt aber auch, dass die umgekehrte Reihenfolge keinen Sinn macht. Wenn man Teil 1 und 2 noch lesen möchte, sollte man mit dem Buch noch warten.

Bevor ich jetzt ins Detail gehe, möchte ich dem Verlag ein großes Lob aussprechen für das ausgesprochen gelungene Cover. Es sieht nicht nur richtig gut aus, sondern ist auch haptisch ein Genuss und hat zudem noch eine optische Spielerei: Je nachdem, wie man das Buch hält, sieht man ein Auge oder eine Playtaste.
Gut gefallen hat mir auch wieder der angenehm eingängige Schreibstil, das mag ich an Fitzek. Das liest sich flüssig weg, auch wenn es inhaltlich nicht immer überzeugen kann. Schon die letzten beiden Teile fand ich teilweise etwas drüber, hab sie aber in einem Rutsch durchgelesen.
Das war bei diesem Buch nicht so. Ich hatte wirklich Mühe mit dieser Playlist-Konstruktion und entsprechend schleppend bin ich voran gekommen. Leider wurde es im Laufe des Buches immer absurder. Wie im Escape Room müssen Exjournalist Zorbach und seine Partnerin jede Menge Rätsel der Playlist des entführten Mädchens lösen. Dass sich ein Kind in dem Alter so etwas ausdenkt und die Ermittler auf die zahlreichen um die Ecke gedachten Konstruktion auch noch kommen, liegt im Wettbewerb der Unwahrscheinlichkeiten ganz weit vorne. Ebenso, dass Zorbach und Co in akuter Lebensgefahr ein kompliziertes Rätsel des Mörders innerhalb von fünf Minuten gelöst kriegen. Natürlich.
Ist für mich ganz klar drüber und nicht mehr glaubwürdig. Ebenso wie das Ende, wo ich direkt lachen musste, weil es für mich schon fast wie ein Slapstick war. Nicht gut bei einem Thriller…

Bewertung: 3 von 5.

Sebastian Fitzek: Playlist. München: Doemer Knaur, 2021

J.D. Barker: Das Mädchen im Eis

Im winterlichen Chicago wird ein seit Wochen vermisstes Mädchen in einem zugefrorenen See geborgen. Das Seltsame an dem Fund: der See ist schon seit Monaten zugefroren. Der Fall bildet den Auftakt einer mysteriösen Mordserie…

Man kann jetzt nicht sagen, dass ich Teil 1 dieser Serie so toll fand, dass ich unbedingt weiterlesen musste. Aber da eine wesentliche Frage offen geblieben war, hat mich dann doch interessiert, wie es weitergeht. Und das war wider Erwarten erstaunlich spannend. Dieser Teil hat mir deutlich besser gefallen, wenn man den Schluss mal ausklammert. Obwohl man einige Wendungen aus anderen Thrillern schon kannte, war die Geschichte gut erzählt und durch den Perspektivenwechsel auf mehreren Ebenen sehr dynamisch. Leider hat der Autor dieses Stilmittel zum Ende hin deutlich übertrieben. Nicht nur die ständigen kurzen Wechsel zwischen den Personen führt zu Verwirrung. Auch zaubert der Autor plötzlich jede Menge fragwürdiger Überraschungen aus dem Hut. Die eine oder andere unerwartete Wendung ist ja ganz schön, aber hier ist es eindeutig zu viel des Guten.
Fast schon ärgerlich ist das offene Ende mit gleich mehreren komplett ungeklärten Fragen. Gut gemacht kann das ein gelungener Effekt sein. Hier ist es, als hätte den Autor beim Schreiben ein Herzanfall niedergestreckt. Also keine schriftstellerische Meisterleistung, um es mal vorsichtig auszudrücken…

Bewertung: 3 von 5.

J.P. Barker: Die Tote im Eis. The Fourth Monkey, Bd. 2. München: Blanvalet, 2019

Emma Donoghue: Raum

Spätestens seit Natascha Kampusch weiß man, dass es sowas tatsächlich gibt: Mädchen oder junge Frauen, die entführt und jahrelang in Isolation gehalten werden. Einige gebären unter diesen Umständen sogar ein Kind, das ebenfalls abgeschottet von der Außenwelt heranwächst. Von einem Fall wie diesem erzählt diese Geschichte.

Das Besondere an diesem Buch ist, dass es aus der Perspektive des Kindes verfasst ist. Man bekommt dadurch einen Einblick in die Wahrnehmung und Gedankenwelt eines Kindes, dass die reale Welt außerhalb des Raumes, in dem es seine ersten Lebensjahre verfasst hat, nicht kennt. Das gilt auch für andere Menschen, die er (mit Ausnahme seiner Mutter und dem Entführer) bisher nur im Fernsehen gesehen hat.
Dieser Blickwinkel ist auf jeden Fall interessant und hat vielleicht auch zur großen Aufmerksamkeit beigetragen, die dieses Buch bekommen hat – immerhin ist es ein Spiegel Bestseller gewesen.

Allerdings konnte ich mich der großen Begeisterung nicht so ganz anschließen, weil das Buch für meinen Geschmack jede Menge handwerklicher Fehler hat. Darauf kann ich allerdings nicht näher eingehen, ohne zu spoilern, daher… alle, die das Buch noch lesen wollen, bitte an der Stelle abbrechen…

Ich fand das Buch vom Aufbau her nicht gut umgesetzt. Der erste Teil ist wie ein Thriller angelegt und dreht sich um den Versuch, den Entführer zu überlisten und zu fliehen. Die Flucht selbst ist hochdramatisch, bricht aber an der spannendsten Stelle abrupt ab, um auf wenigen Seiten fast wie beiläufig zu erzählen, dass der Entführer geschnappt wurde. Das passiert auch noch an einer Stelle des Buches, wo sich viel Spannung aufgebaut hatte und man dachte, jetzt geht’s erst richtig los. Ging’s nicht…
Stattdessen handelt der zweite Teil des Buches über die Versuche von Mutter und Kind, in der Außenwelt klarzukommen, die ja gerade für das Kind völlig fremd ist. Das ist auf jeden Fall lesenswert, passt nur nicht zum Aufbau des ersten Teils.

Beide Teile haben ganz unterschiedliche Schwerpunkte und es wirkt so, als hätte die Autorin versucht, zwei Bücher mit ganz unterschiedlichem Stil in einem Buch zu schreiben. Dabei geht bei beiden Schwerpunkten eine Menge verloren. Dazu kommen jede Menge Logikfehler, allem voran die völlig inkonsistente Sprache des Kindes, das ja erst fünf Jahre ist. Um das zu verdeutlichen wurden immer wieder Grammatikfehler eingestreut, die aber wenig glaubwürdig sind, wenn der Rest der Sprache jenseits der eines Fünfjährigen ist.

Bewertung: 3 von 5.

Emma Donoghue: Raum. München: Piper Verlag, 2011 (Original 2010)

Norbert Gstrein: Der zweite Jakob

Unschwer zu erkennen, nicht alle Bücher kann man kaufen…gut, dass es Bibliotheken gibt!

Der zweite Jakob ist die Geschichte eines Lebensgeständnisses, dass uns der Ich-Erzähler Jakob in diesem Roman ausbreitet. Ein Verlag plant zum 60. Geburtstag des Schauspieler eine Biografie und schickt ihm einen Mitarbeiter vorbei, der ihm nicht nur höchst unsympathisch ist, sondern der auch noch eine Reihe unangenehmer Fragen stellt. Diese werden zu allem Überfluss auch noch von seiner mittlerweile erwachsenen Tochter Lucie aufgegriffen, was Jakob in zunehmende Bedrängnis bringt. Denn es gibt ein Ereignis in seinem Leben, über das er lieber schweigen würde…

Im Gegenteil zu einigen anderen Titeln des Buchpreises bin ich durch dieses Buch ohne innere Kämpfe durchgekommen – man muss es leider so sagen, so traurig wie es ist in diesem Buchpreis-Jahr. Ich kann sogar sagen, dass ich es recht gerne gelesen habe – ein weiterer Pluspunkt. Ich mochte die Erzählweise des Autors, diesen ruhigen Erzählton mit einer Prise Humor zwischendurch. Hat mich in der Art ein bisschen an Martin Suter erinnert.

Auch inhaltlich hat mich einiges angesprochen. Die Vermischung zwischen der Realität und der fiktionalen Welt des Films, die gerade am Drehort in Mexiko immer mehr verwischt oder auch der innere Kampf des Protagonisten zwischen Bekenntnis und Rechtfertigung, der sich durch das Buch zieht. Beides hat mir gut gefallen. Allerdings hatte die Umsetzung etwas Behäbiges. Für meinen Geschmack hat sich die Geschichte unheimlich gezogen, so dass die Wirkung der durchaus guten Ansätze auch schnell wieder verpufft ist. Auch konnte ich zu keinem der Charaktere einen wirklichen Zugang herstellen, was oft der Dreh- und Angelpunkt ist, ob ein Buch funktioniert oder nicht. In diesem Fall bei mir eher nicht…

Bewertung: 3 von 5.

Norbert Gstrein: Der zweite Jakob. München: Hanser Verlag, 2021

Jack London: Der Seewolf

Der wohlhabende Schöngeist Humprey van Weyden wird nach einem Schiffsunglück von dem Robbenschoner ‚Ghost‘ aufgenommen. Das Schiff segelt unter dem Kommando des gewalttätigen und skrupellosen Kapitäns Wolf Larsen, der die Mannschaft terrorisiert und in Angst und Schrecken hält.
Auch für van Weyden ist der Müssiggang vorbei. Er wird als Küchenjunge eingesetzt und muss lernen, sich gegenüber der rohen Gewalt an Deck zu behaupten…

Das Buch ist ja vor über hundert Jahren geschrieben worden, aber die Gedanken, die hier entwickelt werden, sind auch heute noch interessant – wenn vielleicht auch nicht mehr so aktuell wie damals im Vorfeld zweier Kriege.
Kapitän Larsen ist nämlich kein dummer Schläger, sondern ein durchaus belesener Zeitgenosse und hat sich daraus eine darwinistische Philosophie zurechtgelegt. In ihr herrscht das Recht des Stärkeren. Mitgefühl und Altruismus ist ein Luxus, den sich nur der leisten kann, der nicht um sein Überleben kämpfen muss.
Dem steht van Weyden mit seiner humanistischen Gesinnung gegenüber und im Laufe des Buches gibt es immer wieder Gespräche zwischen den beiden, in denen diese Gegensätze aufeinander prallen.
Das hat mir gut gefallen. Auch das Szenario als solches und die Beschreibung des Lebens auf hoher See war gut eingefangen. Also eine rundum solide Seefahrergeschichte mit Tiefgang.
Ein bisschen anstrengend waren für mich die zahlreichen Fachbegriffe. Die sind für die genaue Beschreibung des Lebens auf einem Schiff wohl auch nötig, aber da muss man als Mensch vom Lande schon des öfteren mal recherchieren, was hier eigentlich gemeint ist. Ganz übel und völlig unnötig war für mich das Ende. Kitsch der übelsten Sorte…
Aber wenn man das mal ausblenden, kann man in den alten Seewolf ruhig mal reinschauen…

Bewertung: 3 von 5.

Jack London: Der Seewolf (1904)

Helga Schubert: Vom Aufstehen

Der Untertitel ‚Ein Leben in Geschichten‘ ist Programm, denn es geht hier um 80 Jahre Leben, verpackt in 29 kurze Erzählungen. Schlaglichter über das Leben als Flüchtlingskind und das Heranwachsen in der ehemaligen DDR, später das der Schriftstellerin unter Stasi-Beobachtung. Es sind aber auch Geschichten einer Annäherung in einer problematischen Mutter-Tochter-Beziehung, die bis ins hohe Alter ein dominierendes Thema bleibt.

Von allen Nominierten hat mich dieses Buch am meisten gereizt und tatsächlich ist die Kombination von persönlichem Background und historischer Kulisse gut umgesetzt. Durch die kurzen Erzählsequenzen entsteht aus beiden Ebenen ein stimmiges und lesenswertes Ganzes. Mir hat vor allem die ruhige, abgeklärte Erzählweise gefallen. Ähnlich wie beim Buch von Judith Hermann hat das für mich etwas von einer meditativen Rückschau, die selbst an Stellen nachwirkt, in denen noch Fragen offen sind. Auf mich hatte es eine sehr beruhigende Wirkung.
Allerdings muss ich gestehen, dass mich das Buch trotz der interessanten Thematik nicht richtig packen konnte. Es blieb mir bis zum Schluss irgendwie äußerlich und ich kann noch nicht mal sagen, woran das eigentlich lag. Die Emotion kam einfach nicht bei mir an. Es bleibt eine Distanz.
Ich gehe aber davon aus, dass es viele LeserInnen findet, bei denen das Buch bestens funktioniert.

Bewertung: 3 von 5.

Helga Schubert: Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten. München: dtv, 2021

Rebecca Makkai: Die Optimisten

Eine Clique von Freunden Mitte der 80er Jahre stehen im Zentrum dieses Romans. Nach und nach reißt das noch neuartige Aidsvirus einen nach dem anderen aus ihrer Mitte.
30 Jahre später trifft Fiona, die Schwester eines der ersten Opfer, einen alten Freund aus diesen Tagen und erinnert sich an die traumatischen Erlebnisse dieser Zeit.

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich so halbwegs in dieses Buch gefunden habe. Das lag zum großen Teil daran, dass ich bis zum Schluss mit keinem der Charaktere so richtig warm geworden bin. Das macht es natürlich schwer, wenn über so viele Seiten die Identifikationsfigur fehlt. Manches Verhalten konnte ich auch schlichtweg nicht nachvollziehen, beispielsweise wie verantwortungslos da einige trotz der tödlichen Bedrohung durch das AIDS Virus in Sachen Promiskuität unterwegs sind. Das mag tatsächlich bei einigen so gewesen sein, aber das hat bei mir nur verständnisloses Kopfschütteln ausgelöst. Es war mit streckenweise auch zu sexfixiert, als würden homosexuelle Männer sich gegenseitig nur als potentielle Sexpartner wahrnehmen. Ich denke, ganz so eindimensional war es auch in den 80er Jahren nicht.
Da ich die Geschichte als solche aber interessant fand und auch den Aufbau mit den zwei Zeitebenen gut umgesetzt, war es für mich ein durchaus lesenswertes Buch.
Allerdings hatte es im Mittelteil deutliche Längen, da hätte man gerade in den Passagen um die Kunstaustellung das eine oder andere kürzen können. Dafür war das Ende sehr ergreifend und hat einen guten Schlusspunkt gesetzt.

Vielleicht hatte ich nach den vielen positiven Kritiken zu hohe Erwartungen an dieses Buch. Es ist jetzt nicht so, dass es mir gar nicht gefallen hat, aber ein Highlight war es definitiv nicht.

Bewertung: 3 von 5.

Rebecca Makkai: Die Optimisten. München: Eisele Verlag, 2020

Frank Goldammer: Der Angstmann

Dresden 1944/45: Der letzte Kriegswinter plagt die Bevökerung mit Kälte und Entbehrung und an der Front hört man Gerüchte von schweren Verlusten. Als wenn das noch nicht genug wäre, setzt eine Reihe brutaler Morde die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Mehrere junge Frauen werden in den Ruinen grausamer verstümmelt aufgefunden. Das besonders Unheimliche daran: Immer wieder wurde von Anwohnern im Umfeld der Tatorte von einem verrücktes Lachen und Geheule berichtet, dass die Bevölkerung besonders beunruhigt. Über die Altersgrenzen hinweg wird schnell ein Spitznahme gefunden: Der Angstmann geht um!

Kriminalinspektor Max Heller ermittelt fieberhaft, als die Stadt im Februar 1945 im Bombenhagel versinkt. Doch die erste Annahme, dass der Mörder dabei ums Leben gekommen ist, erweist sich als Trugschluss…

Der Auftakt dieser Krimiserie um den Kommisar Max Heller beginnt historisch spektakulär, denn die Bombennacht in Dresden 1945 gehört zu einem der verheerensten Kriegsereignisse auf deutschem Boden. Allein die historische Schilderung könnte schon einen Roman abgegen und entsprechend fesselnd ist die historische Kulisse dieses ersten Krimibandes. Sowohl die Entbehrungen des Kriegswinters, als auch die Bombardierung selbst hat Goldammer sehr plastisch beschrieben, so dass man sich gut in die Zeit hineinversetzen kann und in ihrem ganzen Schrecken miterlebt. Das ist auf jeden Fall aufwühlend und bindet an die Lektüre.

Erhöht wird dieser Spannungsfaktor durch die bizarren Mordfälle, die durch die unheimliche Täterpersönlichkeit und die Ruinenkulisse eine sehr gruselige Atmospäre erzeugen. Das ist auf jeden Fall im ersten Teil des Buches sehr gut gemacht und ein großer Pluspunkt. Denn leider verliert sich das Ganze im zweiten Teil merklich und die spannende Atmospäre entwickelt sich zu zunehmendem überkonstruiertem Aktionismus. Die ermittelten Fakten der Morde werden für meinen Geschmack immer abstruser und auch die Auflösung ist in ihrer Motivation alles andere als originell, sondern eher ein Griff in die Klischeekiste.

Auch die Mordserie an sich finde ich unnötig brutal. Da wird mit viel Getöse um Aufmerksamkeit gebuhlt, die es an dieser Stelle gar nicht gebraucht hätte. In Bezug auf den Kriminalfall hätte von allem etwas weniger diesem Roman gut getan.

Abschließend noch ein Wort zur Figur des Ermittlers, der hier ja neu eingeführt wird. Natürlich muss sich diese neue Serie durch ihre Anlage mit Volker Kutschers Babylon Berlin Romanen messen, auch wenn es zeitlich etwas verschoben ist. An die Qualität von Kutscher kommt das natürlich in keiner Weise heran und das gilt auch für den Ermittler. Ich finde ihn zwar insgesamt recht sympathisch, aber im Vergleich zu Gereon Rath deutlich blasser.

Trotz der Mängel zum Ende hin ist es für mich eine Serie, die ich erstmal näher verfolgen möchte…

Bewertung: 3 von 5.

Frank Goldammer: Der Angstmann. München: dtv, 2016