Kategorie: Buch des Monats

Im neuen Jahr gibt es eine kleine Veränderung auf meinem Blog…

Bisher hatte ich ja versucht, neben dem Buch des Monats auch monatlich einen Klassiker vorzustellen. In Zukunft sind die beiden Kategorien zusammengefügt.

Was sind nun die Kriterien für die Wahl zum Buch des Monats?

📚 Ein Buch, das bei mir einen besonders nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat (Backlist-Titel)
📚 Ein thematisch besonders passendes Buch
📚 Ein herausragender Titel unter den Neuerscheinungen
📚 Ein Klassiker, den man gelesen haben sollte


Ausgelesen: Januar 2021

Für mich war der Januar mit zehn Büchern sehr umfangreich und voller Highlights – welch ein schöner Start in dieses Jahr!

Zu den Lesehighlights gehören:

📚 Hallie Rubenhold: The Five
📚 Young-Ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders
📚 Elif Shafak: Ehre
📚 Takis Würger: Der Club
📚 Volker Kutscher: Märzgefallene
📚 Volker Kutscher: Lunapark
📚 Püstow & Schachner: Jack the Ripper

Mit einigen Abstrichen ganz gut gefallen hat mir:
📚 Marc Raabe: Schlüssel 17

Zwiegespalten war ich bei:
📚 W.G. Sebald: Austerlitz

Gar nicht überzeugen konnte mich:
📚 Taylor Adams: No Mercy

Das Buch des Monats ist diesmal ein aktuelles, dem der Verdienst zukommt, einen neuen und ganz anderen Blick auf ein bekanntes Thema geworfen zu haben. Den Opfern Jack the Rippers einen letzten Dienst zu erweisen und aus der Vergessenheit herauszuholen, hat eine besondere Anerkennung verdient.
📚 Hallie Rubenhold: The Five

Der Klassiker des Monats ist ein Kriminalroman eines Autors, der eigentlich als Dramatiker bekannt geworden ist. Aber auch seine Romane um den Kommissar Bärlach sind lesenswert und so gehaltvoll, dass sie sogar zur verbreiteten Schullektüre geworden sind.
📚 Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker

Peter Grandl: Turmschatten

Schauplatz des Geschehens ist ein alter Turm, ein ehemaliger Kriegsbunker. Ein älterer, jüdischer Mann hat ihn als Wohnhaus umbauen lassen und lebt dort mit seiner Haushälterin. Eines Tages dringen drei Neonazis in den Turm ein. Der zunächst als Einschüchterung geplante Überfall läuft jedoch aus dem Ruder, die Gewalt eskaliert. Womit die Eindringling nicht gerechnet haben: bei ihrem Opfer handelt es sich keinesfalls um einen wehrlosen alten Mann, sondern einen Ex-Agenten des Mossad. Einen Überlebenden des Holocaust, der nichts mehr zu verlieren hat. Und mehr als bereit ist, ein Exempel zu statuieren.
Er nimmt die drei als Geisel und fordert die Öffentlichkeit zum Online-Voting auf: Freilassung oder Hinrichtung?
Während die Polizei fieberhaft versucht, die Geiseln zu befreien, wittern die Medien einen Quotenhit und inszenieren die Geiselnahme als gigantische Reality-Show.

Ein neuer Autor ist ja wie eine Wundertüte: man weiß nie, was drin ist. Und gerade so ein sensibles Thema kann ja völlig in die Hose gehen.
Oder durch Mark und Bein, wenn es einem gelingt, solch eine extreme Story gekonnt umzusetzen. Und er kann, was für ein Debüt!

Am Anfang dachte ich noch, hier werden aber einige Klischees bedient. Aber nein, es gibt sie ja, die gewaltbereiten Ultrarechten und Holocaustleugner, die Hakenkreuzträger. Das sind die traurigen Originale. Und auch alles andere ist denkbar, inklusive der skrupellosen TV-Sender, die für die Quote bereit sind, jegliche Grenze von Moral und Anstand zu überschreiten.
Besonders gut gefallen hat mir, dass der Autor die einzelnen Charaktere sehr genau beleuchtet, jenseits jeglicher Schwarzweiß-Malerei. So verurteilenswürdig die Taten auch sind, erhält man hier gleichzeitig einen Blick hinter die Nazifassade und sieht dahinter den Menschen, der an einer entscheidenden Stelle seines Weges falsch abgebogen ist. Und das macht dieses Buch für mich so wertvoll. Nicht das spektakuläre Thema, sondern der differenzierte Blick auf die Figuren.

Die tiefgründige und differenzierte Ausarbeitung der Charaktere hat mich in seiner ruhigen und unaufgeregten Art an Adler-Olsen erinnert, der für mich einer der niveauvollsten Thrillerautoren ist, gerade aufgrund seines psychogischen Blicks auf die Figuren. Darüber hinaus ist das Thema als solches natürlich auch eins, das lange nachhallt, denn es wirft Fragen auf, ohne einfache Antworten zu liefern. Nach Gut und Böse, Recht und Unrecht und der Legitimation, Rache zu üben.

Beim Ende war ich mir nicht ganz sicher, ob der Autor nicht auf den letzten Metern Angst vor der eigenen Courage bekommen hat. Aber in jedem Fall ein Buch, dass einen starken Eindruck hinterlässt und das mich noch länger beschäftigen wird.

Bewertung: 4.5 von 5.

Peter Grandl: Turmschatten. Berlin: Eulenspiegel Verlagsgruppe / Das Neue Berlin, 2020