Jackie Thomae: Brüder


Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Mick, dessen Leben eine einzige Party ist und der sich nicht festlegen möchte. Und der Architekt Gabriel, dessen Leben nach einem gut strukturierten Plan verläuft. Auf den ersten Blick verbindet sie nichts, außer ihrer Hautfarbe. Doch sie sind Kinder desselben Vaters, den sie nie kennengelernt haben.

Das Buch ist in zwei Hälften unterteilt, zwei Brüder, zwei Leben. Flankiert werden die beiden Geschichten durch Schilderungen zum gemeinsamen Vater, der das Bindeglied bildet wie ein Scharnier. Beide versuchen auf ganz unterschiedliche Art, ihren Weg im Leben zu finden. Die unterschiedlichen Lebenläufe, ihre Entwicklung und die Beziehungen auf diesem Weg sind das wesentliche Thema des Buches und von der Autorin gut in Szene gesetzt worden. Ich bin diesen Weg gerne mitgegangen, auch wenn ich mit dem zweiten Teil des Buches deutlich mehr anfangen konnte als mit der partylastigen ersten Hälfte. Die Grundidee und den Aufbau des Buches fand ich ebenfalls gut gelungen. Unterm Strich war mir aber keine der Figuren wirklich nahe gekommen, was wohl an dem distanzierten Erzählstil gelegen haben muss. Man beobachtet das Geschehen aus sicherer Entfernung, aber steckt nicht drin. Mit war auch der starke Kontrast der Brüder einen Tick zu viel, das war mir zu schwarz-weiß und wirkt dann fast wie eine Charakterschablone.
Ich denke auch, es hätte dem Buch besser getan, wenn es ein paar Seiten weniger gewesen wären.

Bewertung: 3 von 5.

Jackie Thomae: Brüder. München: Carl Hanser Verlag, 2019

Norbert Scheuer: Winterbienen


Januar 1944, Eifel. Während die alliierten Bomber über Deutschland kreisen und sich sämtliche wehrtaugliche Männer an der Front befinden, kämpft der Bienenzüchter Egidius Arimond an anderen Fronten. Wegen seiner Epilepsie ausgemustert, läuft er jeden Tag Gefahr, als Volksschädling deportiert zu werden. Lediglich sein Bruder, der dem Reich als Kampflieger dient, sichert sein Überleben. Und das ist gefährlich, denn in präparierten Bienenstöcken schmuggelt er Juden über die Grenze.

Das Grundthema des Buches hat mir wirklich gefallen, die Stimmung des letzten Kriegsjahres mit der immer größer werdenden Bedrohung durch die Luftangriffe der Alliierten, verbunden mit der Hoffnung auf Befreiung, war sehr gut eingefangen. Man erfährt viel über die Nöte des Alltags im Krieg und um den Umgang mit dem Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit in diesen Zeiten.
Leider fand ich die schriftstellerische Umsetzung nicht sehr gelungen, auf mich wirkte es über weite Strecken langatmig und in den raumgreifenden Schilderung über die Bienenzucht ermüdend. Die seitenlangen Ausführungen über das Imkerhandwerk mögen zwar an anderer Stelle interessant sein, waren mir hier aber zuviel des Guten, denn sie haben real oder gefühlt mindestens die Hälfte des Buches ausgemacht. Wenig anfangen konnte ich auch mit den lateinischen Übersetzungsarbeiten des Protagonisten zu einem frühen Verwandten, der im Kloster gelebt und die Tradition des Bienenzüchtens in die Familie gebracht hat. Hat für mich den Erzählfluss zusätzlich gestört.

Bewertung: 3 von 5.

Norbert Scheuer: Winterbienen. München: C.H. Beck Verlag, 2019

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi


Kintsugi ist das japanische Kunsthandwerk, zerbrochenes Porzellan mit Gold zu reparieren. Und um Brüche und um die Versuche, diese Brüche zu kitten, geht es in diesem Romandebüt.
Zwei Paare und ein gemeinsames Wochenende im Ferienhaus. Dass dieses Arrangement Stoff für Dramen jeglicher Art liefert, ist sicher keine Überraschung und auch kein neues literarisches Motiv. Das hat man schon gelesen und wahrscheinlich noch öfter im Fernsehen gesehen.
Aber sicher nicht in der Konstellation. Denn bei Paar Nr. 1 handelt es sich um Max und Reik, die seit zwanzig Jahren eine homosexuelle Vorzeigebeziehung führen. Vermeintlich, wie sich bald herausstellt. Paar Nr. 2 ist Reiks Jugendliebe Tonio und seine inzwischen 18jährige Tochter Pega. Um die Beziehungen untereinander, die feinen Brüche und das Ausloten von vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Möglichkeiten und Sehnsüchten handelt dieser Roman.

Für mich ist ein klassisches Beispiel für einen Roman, der mich zwiespältig zurücklässt. Das genaue Ausleuchten der Beziehungen, die leicht melancholische Sprache und das Bild der zerbrochenen Teetasse, die verschiedenste Leute zu reparieren versuchen, hat mich sehr angesprochen. Zerstört, aber kunstvoll wieder zusammengesetzt – welch ein Bild. Und ein Ausblick, denn damit endet auch dieses Buch.

Und an den Stellen, wo die Risse waren, die Splitter, die Brüche, glänzt in verästelten Linien das Gold wie Adern aus Licht.“

Mir gefällt die fein beobachtende, poetische Sprache wirklich sehr und die japanischen Kapitelüberschriften sind sensationell gut. Ein Wort, eine ganze Geschichte. Nur leider, leider blieben mir die Charaktere bis zum Ende seltsam fremd und wie auf dem Reißbrett entworfen. Ich konnte keinen wirklichen Zugang zu diesem Buch finden.

Bewertung: 3 von 5.

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi. Frankfurt am Main: Fischer, 2019

Stephen King: Friedhof der Kuscheltiere


Louis Creed zieht mit seiner Frau und seinen beiden Kindern von Chicago nach Maine, in ein kleines Haus am Waldrand. Hinter ihrem Haus beginnt ein riesiges Waldgebiet, ehemaliger Stammesbesitz der Micmac-Indianer. Schon bald stellt die Familie fest, dass es im Wald hinter ihrem Haus einen Haustierfriedhof gibt, der von den Kindern des Dorfes genutzt wird, um ihre Haustiere zu beerdigen. Und Louis hört von dem Gebiet hinter dem Friedhof, hinter der Grenze, die nicht überschritten werden darf. Wer seine Toten dort begräbt, wird sie schon bald wiedersehen…

Mit den neueren Romanen von King konnte ich oft nicht so viel anfangen, aber diesen finde ich immer noch richtig gut.
King schafft es wie kaum ein anderer, einen in die Geschichte zu verwickeln und eine subtile Spannung zu erzeugen, auch wenn tatsächlich gar nicht so viel passiert. Wo andere Autoren mit viel Getöse arbeiten, kommt er mit ganz unterschwelligen Mitteln aus und selbst die zwischenzeitlichen Längen kommen einem bei ihm viel kürzer vor. Man kann von ihm halten, was man will, gruselige Geschichten erzählen kann er wie kaum ein zweiter.
Und das ist auch diese, gruselig, unheimlich und sehr spannend. Auch wenn ich so gar nicht auf Zombie, Splatter und Co stehe, hat mich dieses Buch auch beim zweiten Lesen gepackt. Für mich eines der Besten von King.

Bewertung: 4 von 5.

Stephen King: Friedhof der Kuscheltiere.

John Katzenbach: Der Patient


Am Abend seines 53. Geburtstages erhält der Psychiater Frederick Starks einen anonymen Brief, unterzeichnet mit dem Namen Rumpelstilzchen. Es ist die Einladung zu einem makaberen Spiel. 15 Tage hat er Zeit, Rumpelstilzchens wahren Namen herauszufinden. Gelingt ihm das nicht, werden seine Familienangehörigen sterben, einer nach dem anderen. Oder er gibt auf und opfert sein eigenes Leben.

Die Grundidee und die Anknüpfung an das Märchen der Gebrüder Grimm finde ich schon mal klasse. Die Geschichte ist ausgesprochen spannend und gut konstruiert. Die allmähliche Auflösung eines sicher geglaubten Lebens, in dem nichts mehr ist, wie es mal war und man niemanden mehr trauen kann, ist sehr überzeugend dargestellt und fesselt einen komplett an dieses Buch. Ich hätte jetzt gerne auch originell geschrieben, denn die Idee ist wirklich gut, nur leider kommen viele Elemente des Buches auch in dem Film ‚The Game‘ vor und das wirkt dann schon etwas abgekupfert. Nun hat der Autor die Geschichte in einen anderen Rahmen gestellt und im zweiten Teil auch etwas ganz Eigenes reingebracht, in dem das Opfer den Spieß umdreht und selbst zum Jäger wird. Und der Film ist einfach mal großartig, so dass es mich letztlich nicht so sehr gestört hat, dass Katzenbach sich hier an der einen oder anderen Stelle bedient hat. Er hat einen super Thriller draus gemacht.

Bewertung: 4.5 von 5.

John Katzenbach: Der Patient. München: Knaur Taschenbuch Verlag, 2016 (Amerikanisches Original 2012)

Ian McEwan: Nussschale

Ein klassisches Motiv: der Vater, die Mutter und ihr Liebhaber. Letztere planen einen Mord an dem im Wege stehenden Ehemann. Erzählt wird das Ganze aus der Perspektive des Sohnes. Nur ist dieser Sohn noch gar nicht geboren. Er befindet sich noch im Mutterleib und ist damit so nah dran am Geschehen, wie man nur sein kann.

So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau. Ich warte, die Arme geduldig gekreuzt, warte und frage mich, in wem ich bin und worauf ich mich eingelassen habe.
Das habe ich mich allerdings auch…


Ganz ehrlich, hätte ich vorher von der Erzählperspektive gewusst, wer weiß, ob ich das Buch gelesen hätte. Denn das klingt für mich schon aus der Entfernung betrachtet ziemlich albern. Das ist jetzt nicht so, dass ich mich nicht auch mal auf Gedankenexperimente und fantastische Geschichten einlassen würde. Es ist zugegebenermaßen auch eine originelle Idee, nur… ich konnte mit ihr so gar nichts anfange
Wenn ein ungeborenes Kind im Mutterleib über philosophische Fragen und die politische Weltlage monologisiert oder sich über die verschiedenen Weinsorten auslässt, die die wenig fürsorgliche Mutter täglich in sich hineinschüttet, kann ich nur sagen: Sorry, da bin ich raus…

Falls sich einer fragt, woher der noch nicht mal Geborene seine ganze Weisheit hat, wo noch nicht mal die Mutter die Allerhellste ist…von den Podcasts, die sie hört! Na aber sicher…
Natürlich kann McEwan auch weiterhin gut schreiben und die Story an sich ist auch nicht schlecht, hat aber in den mitunter seitenlangen Erörterungen des Ungeborenen ihre Längen und scheitert bei mir ganz klar an der Erzählperspektive.
Schade, denn ich schätze den Autor ansonsten sehr.

Bewertung: 2.5 von 5.

Ian McEwan: Nussschale. Zürich: Diogenes Verlag, 2016 (Original 2012)

Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer


Spanien Ende der zwanziger Jahre. Sobald sich der Sommer ankündigt, treffen in dem stattlichen Herrenhaus am Meer seine wohlhabenden Besitzer ein, das junge Ehepaar Francesc und Rosamaria. Mit im Gepäck eine Gruppe von Freunden und Künstlern, mit denen sie den Müßiggang pflegen und ausgelassene Feste feiern. Beobachtet wird dieses Treiben mit all seinen großen und kleinen Dramen vom Gärtner des Hauses, der uns durch diese Geschichte führt. Die Sommeridylle wird jedoch nachhaltig gestört, als auf dem Nachbargrundstück ein weiteres junges Paar einzieht. Der Ehemann ist kein geringerer als Rosamarias alte Jugendliebe Eugeni…

Die erste Hälfte des Buches fand ich ausgesprochen angenehm zu lesen. Die ruhige, beobachtende Erzählperspektive des Gärtners hatte auf mich eine sehr entspannende Wirkung, wie gemütlich in einem bequemem Sessel sitzen und einen Film schauen. Da ging es mir ähnlich wie dem Erzähler: „Ich habe schon immer gerne erfahren, was den Leuten so alles passiert, und das nicht etwas, weil ich neugierig wäre…Eher, weil ich Menschen mag und die Besitzer dieses Hauses mochte ich sehr. (…) Wenn sie mit ihren Freunden zur Sommerfrische kamen, konnte ich mir die Filme im Excelsior sparen.“


Nur leider hat das nicht bis zum Ende getragen, die Geschichte begann mich in der zweiten Hälfte zu langweilen. Dramaturgisch wäre von der Story her da noch einiges drin gewesen, denn das Aufeinandertreffen der ehemals Liebenden liefert jede Menge Stoff für großes Kino. Leider wurde dieses Potential für meinen Geschmack gar nicht ausgeschöpft. Als würde eine große Party angekündigt, die sich am Ende als Skatrunde mit Dosenbier entpuppt. Alles plätschert weiter gemütlich vor sich hin und das war mir dann am Ende doch zu fad. Nachteilig war auch, dass man von wesentlichen Personen der Geschichte, insbesondere von Rosamaria, viel zu wenig erfahren hat. Das ist zwar der Erzählperspektive geschuldet, lässt die Hauptcharaktere aber zu blass erscheinen.

So war für mich der Garten über dem Meer ein ganz netter Ausflug, aber auch nicht mehr.

Abschließend noch ein großer Pluspunkt für die Gestaltung des Buchcovers. Ich finde es mit diesen warmen Farben sehr passend zum Grundton des Buches, es bildet diese ruhige, entspannte Erzählatmospäre sehr gut ab.

Bewertung: 3.5 von 5.

Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer. Berlin: Berlin Verlag, 2016 (Deutsche Ersterscheinung 2014, Original 1967)

Melissa Albert: Hazel Wood


Seit sie denken kann, ist Alice mit ihrer Mutter auf der Flucht, nie hatte sie ein richtiges Zuhause. Das Unglück scheint ihnen stets dicht auf den Fersen. Als sie endlich in New York sesshaft werden, stirbt Alice‘ Großmutter, die mysteriöse Märchenerzählerin Althea Prospertine. Kurze Zeit später verschwindet Alice‘ Mutter unter rätselhaften Umständen. Alice versucht alles, um ihre Mutter zu retten. Ihr Weg führt sie nach Hazel Wood, dem sagenumwobenen Haus ihrer Großmutter, tief in den Wäldern verborgen. Ganz entgegen der ausdrücklichen Warnung ihrer Mutter: „Halt dich fern von Hazel Wood!“

Dieses Buch ist auf jeden Fall reizvoll in seiner Mischung aus Realität und Märchenwelt und gerade die düsteren Elemente darin fand ich sehr ansprechend. Das hatte sowas von Stephen King meets Narnia, also eine gute Grundlage für eine gelungene Fantasygeschichte mit Gruseleffekt. Trotzdem bin ich mit dem Buch nicht wirklich warm geworden. Vielleicht lag es daran, dass es für mich zu schleppend losgegangen ist und ich nicht richtig in die Geschichte reingekommen bin. Nach dem ersten Drittel wurde es dann etwas besser, aber trotz der groß angelegten Märchenszenerie hat mich die Geschichte nicht wirklich gepackt, ich fühlte mich die ganze Zeit etwas außen vor. Auch wenn ich das Buch nicht ungern gelesen habe, wirkte auf mich insgesamt zu zähflüssig. Auch zu den Figuren hab ich keinen richtigen Zugang gefunden, was wirklich schade ist, denn es klang sehr vielversprechend.

Aber…volle Punktzahl für das traumhaft schöne Cover, dass sich durch die 3D-Strukur auch noch richtig schön anfassen lässt.

Bewertung: 3 von 5.

Melissa Albert: Hazel Wood. Hamburg: Dressler Verlag, 2018

Charles Dickens: David Copperfield


In diesem autobiographisch gefärbten Roman berichtet Dickens vom Leben des David Copperfield. Als Halbwaise geboren ist seine Amme Pegotty sein einziger Halt, denn seine noch kindliche Mutter ist mit dem Nachwuchs völlig überfordert. Schnell heiratet sie erneut, doch David wird von seinem strengen Stiefvater und dessen Schwester Jane nicht akzeptiert und in das Internat Salem House verbannt. Dort freundet er sich mit James Steerforth und Tommy Traddles an, eine Freundschaft, die sein späteres Leben nachhaltig beeinflussen wird.

Er flieht aus dem Heim und muss sich alleine und völlig mittellos in London durchschlagen. Hier begegnet einem wieder das Motiv der Kinderarbeit und bitterster Armut, das Dickens am eigenen Leibe erlebt hat. Sein Weg führt in zu seiner Tante, die ihn zunächst widerwillig bei sich aufnimmt. Doch schnell bald lernt sie ihn schätzen, fördert seine weitere Entwicklung und ermöglicht ihm eine Ausbildung als Rechtsanwaltsgehilfe. Dass Copperfield sich in der Folge auch noch als Schriftsteller versucht, zeigt umso mehr, wie viel Dickens in diesem Roman steckt und macht ihn auch unter diesem Gesichtspunkt lesenswert.

Seit ich ‚Oliver Twist‘ gelesen habe, bin ich ja ein absoluter Dickensfan, weil er wie kein anderer die Stimmung und das menschliche Elend zur Zeit der beginnenden Industrialisierung in England beschreibt. Das klingt auch in diesem Roman wieder an und auch die Schilderung seiner leidvollen Kindheit ist sehr eindrucksvoll, so dass ich im ersten Drittel des Buches sehr gefesselt war. Auch gibt es im weiteren Verlauf das eine oder andere Highlight, beispielsweise ist die Szene, in der er das erste Mal betrunken ist, ausgesprochen komisch, ich habe sehr gelacht.
Insgesamt leidet das Buch aber daran, dass es mit fast 1000 Seiten viel zu aufgebläht ist. Gerade im zweiten Teil ist es für meinen Geschmack zu langatmig und verliert sich in Nebensächlichkeiten, schrammt teilweise auch hart am Kitsch entlang. Das hat mich zwischenzeitlich ziemlich ermüdet, aber gute drei Sterne sind es in jedem Fall.

Bewertung: 3.5 von 5.

Charles Dickens: David Copperfield. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 2008 (Original 1849/50)

Simon Beckett: Die ewigen Toten

Die meisten Menschen glauben zu wissen, wie Verwesung riecht. Sie denken, der Geruch wäre markant, unverwechselbar, der faulige Gestank des Grabes.

So beginnt Becketts neuster Thriller, der 6. Fall rund um den forensischen Anthropologen David Hunter. In gewohnter Weise mit sehr detailierten Schilderungen zu Verwesungprozessen und allem, was das Thema Forensik so zu bieten hat und was seine Leser so zu schätzen wissen. Ich übrigens auch!
Schauplatz des Geschehens ist ein verlassenes Krankenhaus, in das sich nur noch Fledermäuse verirren. Vermeintlich, denn durch Zufall wird auf dem Dachboden des verfallenen Gebäudes eine stark verweste Frauenleiche gefunden, eingewickelt in eine Plastikhülle. Hunter wird zu dem Fall hinzugezogen, um Hinweise zur Identifizierung der Toten zu geben. Bei der Bergung der Leiche stürzt der Boden des baufälligen Gebäudes ein und enthüllt ein geheimes Krankenzimmer ohne Fenster und Türen, das auf den Plänen nicht eingezeichnet ist. In ihm finden sich zwei weitere Leichen, an ihren Betten gefesselt. Ganz offensichtlich wurden sie ledendig eingemauert. Bei ihrer Obduktion entdeckt Hunter eindeutige Folterspuren…

Klingt erstmal ganz gut, oder? Lost Places meets sadistischen Serienkiller, da geht doch was. Nur leider nicht hier.
Eigentlich bin ich ja ein großer Beckett Fan, weil mir vor allem die ersten drei Teile dieser Serie extrem gut gefallen haben. Aber schon die letzten beiden Teile fand ich deutlich schwächer und dieser letzte Band ist für mich der sprichwörtliche Satz mit x, so leid es mir tut.
Aber was soll man denn machen, wenn sich eine belanglose Szene an die andere reiht, ein nichtssagender Dialog dem nächsten folgt. Bis zur Hälfte des Buches dachte ich noch, dass geht aber schleppend los, nur nahm dieser Zustand leider kein Ende. Auf den letzten 100 Seiten konnte die Geschichte zwar ein bisschen an Fahrt aufnehmen, verpuffte aber schnell wieder an der wenig überraschenden Auflösung. Und das Ende fand ich schlichtweg ärgerlich. Warum präsentiert man dem Leser wie täglich grüßt das Murmeltier immer wieder das gleiche Motiv im neuen Gewand? Und nicht mal in einem besonders guten…
Bleibt die abschließende Frage, was ist nur mit Beckett los? Schreibflaute? Erfolgsdruck? Oder die Nachlässigkeit des Erfolgreichen? Klar kann der Autor immernoch gut schreiben und den einen oder anderen spannenden Moment hat es auch hier gegeben, aber das ist definitiv nicht der Beckett, den man kennt und den man sich wünscht.
Ich für meinen Teil hoffe auf bessere Zeiten…

Bewertung: 2.5 von 5.

Simon Beckett: Die ewigen Toten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2019