Ein klassisches Motiv: der Vater, die Mutter und ihr Liebhaber. Letztere planen einen Mord an dem im Wege stehenden Ehemann. Erzählt wird das Ganze aus der Perspektive des Sohnes. Nur ist dieser Sohn noch gar nicht geboren. Er befindet sich noch im Mutterleib und ist damit so nah dran am Geschehen, wie man nur sein kann.
„So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau. Ich warte, die Arme geduldig gekreuzt, warte und frage mich, in wem ich bin und worauf ich mich eingelassen habe.“ Das habe ich mich allerdings auch…
Ganz ehrlich, hätte ich vorher von der Erzählperspektive gewusst, wer weiß, ob ich das Buch gelesen hätte. Denn das klingt für mich schon aus der Entfernung betrachtet ziemlich albern. Das ist jetzt nicht so, dass ich mich nicht auch mal auf Gedankenexperimente und fantastische Geschichten einlassen würde. Es ist zugegebenermaßen auch eine originelle Idee, nur… ich konnte mit ihr so gar nichts anfange Wenn ein ungeborenes Kind im Mutterleib über philosophische Fragen und die politische Weltlage monologisiert oder sich über die verschiedenen Weinsorten auslässt, die die wenig fürsorgliche Mutter täglich in sich hineinschüttet, kann ich nur sagen: Sorry, da bin ich raus…
Falls sich einer fragt, woher der noch nicht mal Geborene seine ganze Weisheit hat, wo noch nicht mal die Mutter die Allerhellste ist…von den Podcasts, die sie hört! Na aber sicher… Natürlich kann McEwan auch weiterhin gut schreiben und die Story an sich ist auch nicht schlecht, hat aber in den mitunter seitenlangen Erörterungen des Ungeborenen ihre Längen und scheitert bei mir ganz klar an der Erzählperspektive. Schade, denn ich schätze den Autor ansonsten sehr.
⭐⭐⭐
Bewertung: 2.5 von 5.
Ian McEwan: Nussschale. Zürich: Diogenes Verlag, 2016 (Original 2012)
Spanien Ende der zwanziger Jahre. Sobald sich der Sommer ankündigt, treffen in dem stattlichen Herrenhaus am Meer seine wohlhabenden Besitzer ein, das junge Ehepaar Francesc und Rosamaria. Mit im Gepäck eine Gruppe von Freunden und Künstlern, mit denen sie den Müßiggang pflegen und ausgelassene Feste feiern. Beobachtet wird dieses Treiben mit all seinen großen und kleinen Dramen vom Gärtner des Hauses, der uns durch diese Geschichte führt. Die Sommeridylle wird jedoch nachhaltig gestört, als auf dem Nachbargrundstück ein weiteres junges Paar einzieht. Der Ehemann ist kein geringerer als Rosamarias alte Jugendliebe Eugeni…
Die erste Hälfte des Buches fand ich ausgesprochen angenehm zu lesen. Die ruhige, beobachtende Erzählperspektive des Gärtners hatte auf mich eine sehr entspannende Wirkung, wie gemütlich in einem bequemem Sessel sitzen und einen Film schauen. Da ging es mir ähnlich wie dem Erzähler: „Ich habe schon immer gerne erfahren, was den Leuten so alles passiert, und das nicht etwas, weil ich neugierig wäre…Eher, weil ich Menschen mag und die Besitzer dieses Hauses mochte ich sehr. (…) Wenn sie mit ihren Freunden zur Sommerfrische kamen, konnte ich mir die Filme im Excelsior sparen.“
Nur leider hat das nicht bis zum Ende getragen, die Geschichte begann mich in der zweiten Hälfte zu langweilen. Dramaturgisch wäre von der Story her da noch einiges drin gewesen, denn das Aufeinandertreffen der ehemals Liebenden liefert jede Menge Stoff für großes Kino. Leider wurde dieses Potential für meinen Geschmack gar nicht ausgeschöpft. Als würde eine große Party angekündigt, die sich am Ende als Skatrunde mit Dosenbier entpuppt. Alles plätschert weiter gemütlich vor sich hin und das war mir dann am Ende doch zu fad. Nachteilig war auch, dass man von wesentlichen Personen der Geschichte, insbesondere von Rosamaria, viel zu wenig erfahren hat. Das ist zwar der Erzählperspektive geschuldet, lässt die Hauptcharaktere aber zu blass erscheinen.
So war für mich der Garten über dem Meer ein ganz netter Ausflug, aber auch nicht mehr.
Abschließend noch ein großer Pluspunkt für die Gestaltung des Buchcovers. Ich finde es mit diesen warmen Farben sehr passend zum Grundton des Buches, es bildet diese ruhige, entspannte Erzählatmospäre sehr gut ab.
⭐⭐⭐⭐
Bewertung: 3.5 von 5.
Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer. Berlin: Berlin Verlag, 2016 (Deutsche Ersterscheinung 2014, Original 1967)
Seit sie denken kann, ist Alice mit ihrer Mutter auf der Flucht, nie hatte sie ein richtiges Zuhause. Das Unglück scheint ihnen stets dicht auf den Fersen. Als sie endlich in New York sesshaft werden, stirbt Alice‘ Großmutter, die mysteriöse Märchenerzählerin Althea Prospertine. Kurze Zeit später verschwindet Alice‘ Mutter unter rätselhaften Umständen. Alice versucht alles, um ihre Mutter zu retten. Ihr Weg führt sie nach Hazel Wood, dem sagenumwobenen Haus ihrer Großmutter, tief in den Wäldern verborgen. Ganz entgegen der ausdrücklichen Warnung ihrer Mutter: „Halt dich fern von Hazel Wood!“
Dieses Buch ist auf jeden Fall reizvoll in seiner Mischung aus Realität und Märchenwelt und gerade die düsteren Elemente darin fand ich sehr ansprechend. Das hatte sowas von Stephen King meets Narnia, also eine gute Grundlage für eine gelungene Fantasygeschichte mit Gruseleffekt. Trotzdem bin ich mit dem Buch nicht wirklich warm geworden. Vielleicht lag es daran, dass es für mich zu schleppend losgegangen ist und ich nicht richtig in die Geschichte reingekommen bin. Nach dem ersten Drittel wurde es dann etwas besser, aber trotz der groß angelegten Märchenszenerie hat mich die Geschichte nicht wirklich gepackt, ich fühlte mich die ganze Zeit etwas außen vor. Auch wenn ich das Buch nicht ungern gelesen habe, wirkte auf mich insgesamt zu zähflüssig. Auch zu den Figuren hab ich keinen richtigen Zugang gefunden, was wirklich schade ist, denn es klang sehr vielversprechend.
Aber…volle Punktzahl für das traumhaft schöne Cover, dass sich durch die 3D-Strukur auch noch richtig schön anfassen lässt.
In diesem autobiographisch gefärbten Roman berichtet Dickens vom Leben des David Copperfield. Als Halbwaise geboren ist seine Amme Pegotty sein einziger Halt, denn seine noch kindliche Mutter ist mit dem Nachwuchs völlig überfordert. Schnell heiratet sie erneut, doch David wird von seinem strengen Stiefvater und dessen Schwester Jane nicht akzeptiert und in das Internat Salem House verbannt. Dort freundet er sich mit James Steerforth und Tommy Traddles an, eine Freundschaft, die sein späteres Leben nachhaltig beeinflussen wird.
Er flieht aus dem Heim und muss sich alleine und völlig mittellos in London durchschlagen. Hier begegnet einem wieder das Motiv der Kinderarbeit und bitterster Armut, das Dickens am eigenen Leibe erlebt hat. Sein Weg führt in zu seiner Tante, die ihn zunächst widerwillig bei sich aufnimmt. Doch schnell bald lernt sie ihn schätzen, fördert seine weitere Entwicklung und ermöglicht ihm eine Ausbildung als Rechtsanwaltsgehilfe. Dass Copperfield sich in der Folge auch noch als Schriftsteller versucht, zeigt umso mehr, wie viel Dickens in diesem Roman steckt und macht ihn auch unter diesem Gesichtspunkt lesenswert.
Seit ich ‚Oliver Twist‘ gelesen habe, bin ich ja ein absoluter Dickensfan, weil er wie kein anderer die Stimmung und das menschliche Elend zur Zeit der beginnenden Industrialisierung in England beschreibt. Das klingt auch in diesem Roman wieder an und auch die Schilderung seiner leidvollen Kindheit ist sehr eindrucksvoll, so dass ich im ersten Drittel des Buches sehr gefesselt war. Auch gibt es im weiteren Verlauf das eine oder andere Highlight, beispielsweise ist die Szene, in der er das erste Mal betrunken ist, ausgesprochen komisch, ich habe sehr gelacht. Insgesamt leidet das Buch aber daran, dass es mit fast 1000 Seiten viel zu aufgebläht ist. Gerade im zweiten Teil ist es für meinen Geschmack zu langatmig und verliert sich in Nebensächlichkeiten, schrammt teilweise auch hart am Kitsch entlang. Das hat mich zwischenzeitlich ziemlich ermüdet, aber gute drei Sterne sind es in jedem Fall.
⭐⭐⭐⭐
Bewertung: 3.5 von 5.
Charles Dickens: David Copperfield. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 2008 (Original 1849/50)
„Die meisten Menschen glauben zu wissen, wie Verwesung riecht. Sie denken, der Geruch wäre markant, unverwechselbar, der faulige Gestank des Grabes.„
So beginnt Becketts neuster Thriller, der 6. Fall rund um den forensischen Anthropologen David Hunter. In gewohnter Weise mit sehr detailierten Schilderungen zu Verwesungprozessen und allem, was das Thema Forensik so zu bieten hat und was seine Leser so zu schätzen wissen. Ich übrigens auch! Schauplatz des Geschehens ist ein verlassenes Krankenhaus, in das sich nur noch Fledermäuse verirren. Vermeintlich, denn durch Zufall wird auf dem Dachboden des verfallenen Gebäudes eine stark verweste Frauenleiche gefunden, eingewickelt in eine Plastikhülle. Hunter wird zu dem Fall hinzugezogen, um Hinweise zur Identifizierung der Toten zu geben. Bei der Bergung der Leiche stürzt der Boden des baufälligen Gebäudes ein und enthüllt ein geheimes Krankenzimmer ohne Fenster und Türen, das auf den Plänen nicht eingezeichnet ist. In ihm finden sich zwei weitere Leichen, an ihren Betten gefesselt. Ganz offensichtlich wurden sie ledendig eingemauert. Bei ihrer Obduktion entdeckt Hunter eindeutige Folterspuren…
Klingt erstmal ganz gut, oder? Lost Places meets sadistischen Serienkiller, da geht doch was. Nur leider nicht hier. Eigentlich bin ich ja ein großer Beckett Fan, weil mir vor allem die ersten drei Teile dieser Serie extrem gut gefallen haben. Aber schon die letzten beiden Teile fand ich deutlich schwächer und dieser letzte Band ist für mich der sprichwörtliche Satz mit x, so leid es mir tut. Aber was soll man denn machen, wenn sich eine belanglose Szene an die andere reiht, ein nichtssagender Dialog dem nächsten folgt. Bis zur Hälfte des Buches dachte ich noch, dass geht aber schleppend los, nur nahm dieser Zustand leider kein Ende. Auf den letzten 100 Seiten konnte die Geschichte zwar ein bisschen an Fahrt aufnehmen, verpuffte aber schnell wieder an der wenig überraschenden Auflösung. Und das Ende fand ich schlichtweg ärgerlich. Warum präsentiert man dem Leser wie täglich grüßt das Murmeltier immer wieder das gleiche Motiv im neuen Gewand? Und nicht mal in einem besonders guten… Bleibt die abschließende Frage, was ist nur mit Beckett los? Schreibflaute? Erfolgsdruck? Oder die Nachlässigkeit des Erfolgreichen? Klar kann der Autor immernoch gut schreiben und den einen oder anderen spannenden Moment hat es auch hier gegeben, aber das ist definitiv nicht der Beckett, den man kennt und den man sich wünscht. Ich für meinen Teil hoffe auf bessere Zeiten…
⭐⭐⭐
Bewertung: 2.5 von 5.
Simon Beckett: Die ewigen Toten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 2019
Florent-Claude ist mit sich und der Welt unzufrieden, angefangen von seinem als schwuchtelig empfunden Namen, dass er im Hotelzimmer nicht rauchen darf, mit den umweltbewussten Pariser ‚Bobos‘, die ihm seinen alten Dieselmercedes verbieten wollen und insbesondere seiner Freundin Yuzu, die es auch schon mal mit mehreren Männern gleichzeitig oder Dobermännern treibt. Letzteres findet er dann doch zu eklig, verwirft aber den Plan, sie einfach aus dem Fenster zu schmeißen und beschließt, unterzutauchen. Er kündigt seinen Job, mietet sich in einem Hotel ein und leidet weiter an sich und der Welt, begleitet vom Antidepressivum Captorix, das helfen soll, Serotonin auszuschütten, dem Botenstoff im Gehirn, der zu innerer Gelassenheit und Zufriedenheit führt.
Eine überdurchschnittliche Portion Serotonin ist bei diesem Buch auch nötig, denn was man da an rassistischem, frauenfeindlichem oder einfach nur dummem Geschwätz ertragen muss, ist wirklich kaum auszuhalten. Und es ist mir an der Stelle auch egal, ob man die Ausführungen des Protagonisten jetzt mit Houellebecqs Ansichten gleichsetzten kann oder nicht, ich will solche rechtslastigen Parolen weder hören noch lesen. Auch möchte ich nicht über Frauen wahlweise als fettärschige oder geile Schlampen lesen oder über die Vorteile einer Verbindung mit einer devoten Osteuropäerin: „Sie steht um fünf morgens zum Melken auf, danach weckt sie dich mit einem Blowjob und das Frühstück ist auch schon fertig.„
Sorry, aber sowas braucht kein Mensch. Auch nicht von Houellebecq.
⭐
Bewertung: 1 von 5.
Michel Houellebecq: Serotonin. Köln: DuMont Buchverlag, 2019
Das ist der Schauplatz dieses Debütromans, der uns in eine surreale Parallelwelt entführt. Ruth ist nach dem Unfalltod ihrer Eltern auf der Suche nach Groß-Einland, deren Geburtsort, an dem sie nach ihrem letzten Wunsch auch beerdigt werden möchten. Doch dieser Ort ist nirgends verzeichnet, es scheint ihn gar nicht zu geben. Ohne Karte und Navigation macht sich Ruth auf die Suche, geleitet von Erinnerungen an Erzählungen über diesen Ort und trifft auf ihrer tagelangen Reise schließlich auf zwei Männer, die genau dorthin wollen: nach Groß-Einland. Über Stock und Stein, tief in den Wald führt der Weg und man fühlt sich ein bisschen wie bei Alice im Wunderland, denn dies ist wahrlich kein gewöhnlicher Ort. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, über der mittelalterlich anmutenden Stadt herrscht eine Gräfin, die alle Fäden des gesellschaftlichen und politischen Lebens in der Hand hält. Sie ist die uneingeschränkte Herrscherin der auf den ersten Blick idyllisch anmutenden kleinen Gemeinde.
Doch der Schein trügt. Beim
genaueren Hinsehen stellt man fest: Der Kirchturm steht schief, Straßen und Plätze
senken sich ab und tiefe Risse zeichnen die Häuser, notdürftig verborgen durch
die Reparaturversuche der Bewohner, die dem fortschreitenden Verfall der Stadt
nicht wirklich Herr werden. Denn die Ursache sitzt viel tiefer.
Unter dem Ort befindet sich ein
gigantischer Hohlraum, die weit verzweigten Überreste eines Bergwerks, in dem jahrhundertelang
Rohstoffe abgebaut und unfachmännisch ausgeführte Grabungen vorgenommen wurden,
die die Statik des Ortes nachhaltig beeinträchtigt haben. Die Erde bricht
zunehmend auf, wird unterspült, das Land verflüssigt sich und ganz Groß-Einland
droht im Loch zu versinken.
Die Gräfin sieht in der Physikerin Ruth die Retterin für den drohenden Untergang des Dorfes: sie soll einen Füllstoff entwickeln, der das Loch verschließt. Sie bietet Ruth eine Arbeit im Schloss und eine Unterkunft an, dass sich als Haus ihrer Großeltern entpuppt. Ruth nimmt das Angebot an und taucht ein in diesen unwirklichen Ort, in das bizarre Leben seiner Bewohner, aber auch in seine Vergangenheit. Sie beginnt, in der Geschichte des Ortes und ihrer Vorfahren zu recherchieren und entdeckt, dass sich in Groß-Einland während des Zweiten Weltkriegs eine Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen befand und dass viele Zwangsarbeiter dort ums Leben kamen. Und wie konnte sich die selbsternannte Gräfin nach dem Krieg in den Besitz der gesamten Kleinstadt bringen?
Anfänglich hatte ich Mühe, in das
Buch reinzukommen. Gerade die ersten Seiten fand ich sprachlich holperig, die
Namensgebung im Dorf übertrieben albern (Ingenieur Heinzelmann…) und das
Verhalten der offenbar medikamentenabhängigen Protagonisten schlichtweg
unverständlich. So weiß man letztlich auch nicht, ob die gesamte Geschichte
nicht einem eskalierten Drogenrausch entsprungen ist. Wer fährt schon los zu
einem Ort, den es gar nicht gibt und schmeißt auch noch unterwegs sein Handy
weg?
Aber als sich erstmal
herauskristalliert hat, worum es da eigentlich geht, nämlich um eine Parabel
über ein ganz dunkles Kapitel in der Geschichte Österreichs, da war ich wach.
Und zunehmend begeistert über die Genialität dieser Konstruktion.
Das fiktive Groß-Einland als Sinnbild für den immer noch tabuisierten
Umgang Österreichs mit der eigenen Vergangenheit. Bis heute wird die Mitverantwortung
an den Verbrechen der NS-Zeit geleugnet oder verharmlost, die Schuldfrage an die
deutsche Wehrmacht weitergereicht. So wie in Groß-Einland betrieb das
Konzentrationslager Mauthausen im Zweiten Weltkriegs 40 Außenstellen in
unterirdischen Anlagen.
Hier begegnet uns dieser schwarze Fleck in der Vergangenheit in der Form des
schwarzen Lochs wieder, dass die mühsam aufrechterhaltene Fassade der heilen
Welt in die Tiefe zu reißen droht. So
wie die Bewohner versuchen, die Risse und Löcher in ihren Häusern zuzuspachteln
und den drohenden Untergang ihres Dorfes zu ignorieren, so funktioniert noch
heute bei vielen Österreichern die kollektive Verdrängung. Der wunden Stelle in
der Vergangenheit, auf die Edelbauers Protagonistin ganz direkt verweist:
„Ein letztes Teilrätsel bestand in der Frage, wie zehn Wachmänner
das Töten von achthundert Menschen zustande gebracht hatten. Ich vermutete
längst, dass man dem Wachpersonal geholfen haben musste, doch auch das wurde
unter einer formelhaften, pittoresk bedauernden Standardversion der Dinge
verborgen: Die Wehrmacht hatte das getan, die Wehrmacht, die Wehrmacht, die
Wehrmacht hatte alles beschlagnahmt.“ (S.189)
Das Loch wird zur Metapher
für das Begraben der eigenen Schuld, an der sich alle Dorfbewohner beteiligen.
In der Nacht kommen sie aus ihren Häusern, man hört den Aufprall von Gegenständen,
die in das Loch geworfen werden. „Was man in
das Loch warf, waren Dinge, für die man sich schuldig fühlte.“ (S.
315).
Ein wichtiges Buch gegen das Verdrängen und Vergessen und völlig zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.
⭐⭐⭐⭐⭐
Bewertung: 4.5 von 5.
Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land. Stuttgart: Klett-Cotta, 2019
Vor über einem Jahr habe ich meinen Bücherblog auf Instagram mit diesem Buch begonnen und ich denke, es ist angemessen, auch hier damit zu starten.
Mit dem Buch, das nun schon seit so vielen Jahren mein
unangefochtenes Lieblingsbuch ist.
Ich ging noch zur Schule, als mir das Buch zum ersten Mal in
die Hände fiel. Seitdem habe ich viele Bücher gelesen, auch viele gute und einige
haben an seinem Thron gekratzt, doch keines hat mich so nachhaltig und immer
wieder aus Neue beeindruckt wie Patrick Süskinds Das Parfum.
„Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Er hieß Jean-Baptiste Grenouille, und wenn sein Name im Gegensatz zu den Namen anderer Scheusale, wie etwa de Sades, Saint-Justs, Fouchés, Bonapartes usw., heute in Vergessenheit geraten ist, so sicher nicht deshalb, weil Grenouille diesen berühmteren Finstermännern an Selbstüberhebung, Menschenverachtung, Immoralität, kurz an Gottlosigkeit nachgestanden hätte, sondern weil sich sein Ehrgeiz auf ein Gebiet beschränkte, welches in der Geschichte keine Spuren hinterlässt: auf das flüchtige Reich der Gerüche.“
Mit diesem gleichermaßen genialen ersten Absatz beginnt
dieses Buch und katapultiert einen bereits auf der ersten Seite ins Paris des
18. Jahrhunderts, an den übelriechensten Ort der Stadt, auf den Fischmarkt.
Dort erblickt Grenouille gerade das Licht der Welt. Und fortan weichen wir ihm
nicht mehr von der Seite, begleiten ihn auf seinem Weg und lernen schon bald
seinen entscheidenden Makel kennen: er hat keinen Geruch. Dafür übertrifft sein
eigener Geruchssinn den eines normalen Menschen um ein Vielfaches. Und so entsteht
eine grausame Phantasie in seinem Kopf: Ein Parfum aus den schönsten Frauen der
Stadt herzustellen.
Warum liebe ich dieses Buch so?
Zunächst mal ist die Idee und Anlage der Geschichte
natürlich sensationell gut. Ein ausgesprochen reizvolles Thema, in sich stimmig
und in dieser Form noch nicht dagewesen. Wenn so eine gute Grundidee dann auch
noch erzählerisch auf höchstem Niveau ausgearbeitet wird, dann ist das schon
mal mehr als die halbe Miete für einen ganz großen Roman. Aber hier ist noch
mehr passiert.
Süskind gelingt es, durch seine Erzählweise eine so dichte
Atmosphäre zu erschaffen, dass man förmlich aus der Zeit fällt. Man sitzt nicht
mehr zu Hause gemütlich mit einem Buch auf dem Sofa, man geht durch die
stinkenden Straßen von Paris. Ich hab das Buch jetzt mittlerweile viermal
gelesen und trotzdem kann ich mich der Sogkraft dieser Geschichte nicht
entziehen. Man wird förmlich in die Geschichte eingesaugt und erlebt nicht nur
die Welt an der Seite des Protagonisten, man erriecht sie. All die Gerüche des
Grenouille, es werden deine!
Und wenn Wörter Gerüche in einem entstehen lassen, wenn man plötzlich Gerüche wahrnimmt, wo vorher keine waren, dann hat der Autor alles richtig gemacht. Für mich ein absolutes Meisterwerk.
⭐⭐⭐⭐⭐
Bewertung: 5 von 5.
Patrick Süskind: Das Parfum. Zürich: Diogenes, 1985