Frank Wedekind: Frühlings Erwachen

Wedekinds bekanntestes Drama, das den Untertitel ‚Eine Kindertragödie‘ trägt, handelt von den Nöten der Heranwachsenen im ausgehenden 19.Jh. und ist um die Jungen Moritz und Melchior, sowie dessen Freundin Wendla zentriert.
Während Moritz und Melchior zwischen Prüfungdruck und anderweitigem Druck aufgrund aufkeimender sexueller Regungen hin- und hergerissen werden, will nun auch Wendla endlich wissen, wo die Kinder herkommen. Ihre Mutter greift in ihrer Ratlosigkeit auf den guten alten Storch zurück. Melchior hat da schon mehr zu bieten und verfasst für seinen Freund eine selbstgeschriebene und bebilderte Aufklärungsschrift, die bei dem von Selbstzweifeln Geplagten nur noch größere Verwirrung auslöst.
Als Melchior und Wendla sich näher kommen und Moritz für sich den Freitod wählt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf…

Manche Autoren sind ihrer Zeit voraus. Wedekind war es definitiv, denn in Zeiten größter Prüderie und Doppelmoral Sex zum Thema eines Bühnenstücks zu machen, dazu gehört schon Mut. Wenn man sich dabei auch nicht scheut, über gleichgeschlechtliche Liebe und Masturbation zu schreiben, dann gebührt einem allergrößter Respekt. Natürlich ist den Biedermeiern solle Unmoral übel aufgestoßen und entsprechend verboten oder zensiert war dieses Stück eine geraume Zeit.

Ich finde dieses Drama ganz wunderbar geschrieben und in seiner Doppelmoral hervorragend herausgearbeitet. Trotz seines ernsten und leider auch sehr realitätsnahem Thema ist das Stück von einem grotesken Humor durchzogen, der mich des öfteren zum Lachen gebracht hat. Kein Wunder, dass hier Grabbe und Büchner im Geiste Pate gestanden haben.

Bewertung: 4.5 von 5.

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen. Stuttgart: Reclam, 1971 (Original 1890)

Max Frisch: Andorra

Der junge Andri, eigentlich das uneheliche Kind des Lehrers, wächst in dem Glauben auf, ein Jude zu sein, den der Lehrer als Kind vor den nicht näher definierten „Schwarzen“ gerettet und als Pflegekind aufgenommen hat. Überall in der Stadt schlägt ihm ein unterschwelliger Antisemitismus entgegen und Andri beginnt, diese negativen Zuschreibungen immer mehr zu verinnerlichen. Als eine Fremde (Andris leibliche Mutter) auf offener Straße erschlagen wird, beschuldigen die Dorfbewohner Andri des Mordes, obwohl er es nachweislich nicht gewesen sein konnte. Die Wahrheit soll die ‚Judenschau‘ bringen – durchgeführt von den „Schwarzen“, den neuen Besatzer des Dorfes. Andri wird „als Jude entlarvt“ und hingerichtet, die Dorfbewohner schauen tatenlos zu.

Frisch hat dieses Stück unter dem Eindruck der Kriegsverbrecherprozesse, insbesondere um Rudolph Eichmann geschrieben und das macht dieses Stück so besonders: die Verleugnung der eigenen Schuld.
Dafür treten die Dorfbewohner in Zwischenszenen einzeln an die Zeugenschranke:

DOKTOR: (…) Ich kann nur sagen, dass es nicht meine Schuld ist, einmal abgesehen davon, daß sein Benehmen (was man leider nicht verschweigen kann) mehr und mehr (sagen wir es offen) etwas Jüdisches hatte, obschon der junge Mann, mag sein, ein Andorraner war wie unsereiner. (…) Was meine Person betrifft, habe ich nie an Mißhandlungen teilgenommen oder irgend jemand dazu aufgefordert. (…) Ich bin nicht schuld, daß es dazu gekommen ist!“ (S. 96)

Dabei ging es Frisch nicht um die Schuld der Haupttäter, sondern die derjenigen, die all das möglich gemacht haben, wie er in einem Interview der ZEIT erklärt: „Das Stück handelt nicht von den Eichmanns, sondern von uns und unseren Freunden, von lauter Nichtkriegsverbrechern, von den Halbspaß-Antisemiten, d. h. von den Millionen, die es möglich machten, daß Hitler (um schematisch zu reden) nicht Maler werden musste.“ (Anmerkungen, S. 144)
Es geht hier um den alltäglichen, unterschwelligen Rassismus, der eine Gesellschaft durchzieht und macht dieses Stück fast 60 Jahre später noch so brandaktuell, dass ich Gänsehaut bekomme.
Für mich ein Meisterwerk und eines der besten Dramen überhaupt!

Bewertung: 5 von 5.

Max Frisch: Andorra. Suhrkamp Basis Bibliothek, 1999 (Original 1961)


Samuel Beckett: Warten auf Godot

Komm wir gehen.
Können wir nicht.
Warum nicht?
Wir warten auf Godot.
Ach ja.“

Der Klappentext sagt eigentlich schon aus, worum es in diesem Theaterstück von 1952 geht, mit dem der Dramatiker Samuel Beckett seinen Durchbruch schaffte.

Die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir warten auf den besagten Godot, von dem man nichts weiter weiß, außer dass er sich wage angekündigt und diesen Treffpunkt vereinbart hat. Doch so lange sie auch warten, Godot kommt nicht. Die Wartezeit wird ausgefüllt mit nur bedingt sinnvollen Aktionen und Gesprächen und zufälligen Begegnungen. Ihr Verhalten ist einigermaßen bizarr und ist als Prototyp des absurden Theaters in die Literaturgeschichte eingegangen.

Wahrscheinlich kann man in dieses Stück viel hineininterpretieren, was in der Vergangenheit auch gemacht wurde, denn dafür lässt es reichlich Raum und offene Fragen. Aber Beckett selbst hat sich jeglicher Interpretation enthalten und deshalb lasse ich es auch an dieser Stelle.

Allerdings gibt der Fatalismus der beiden Protagonisten, ihre sinnlosen Aktionen und ihr fehlendes Eingreifen in ihr vermeintliches Schicksal schon einen Hinweis, wohin die interpretatorische Reise geht. Hier wird einem defintiv der Spiegel vorgehalten.

Als Jugendliche habe ich dieses Stück zum ersten Mal gelesen und gefeiert, war es doch so etwas anderes, als die elend langweiligen klassischen Dramen, die uns bis dahin in der Schule verabreicht wurden. Beim erneuten Lesen war ich schon ein bisschen ernüchterter, da steckte für mich an einigen Stellen zu viel Redundanz drin. Das mag für den Inhalt des Stücks stimmig sein, für das Leseerlebnis war es etwas zäh. Aber Theaterstücke sind ja auch nicht zum Lesen gemacht.

Bewertung: 3 von 5.

Samuel Beckett: Warten auf Godot. Endspiel. Glückliche Tage. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2005 (Original 1952)

Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür

Dieses Dramen ist vielleicht nicht ganz so bekannt, da der Autor bereits 1947 mit nur 26 Jahren verstorben ist, zerbrochen am Krieg und seinen Folgen. Allein zwei Jahre blieben ihm, um sich seine Verzweiflung von der Seele zu schreiben und das Ergebnis ist hier zu lesen, Remarque in dramatischer Form…

Nach sieben Jahren Krieg und sibirischer Gefangenschaft kehrt Beckmann nach Hause zurück, mit steifem Bein und gezeichnet von den Schrecken des Krieges. Doch das Zuhause, von dem er im Schützengraben geträumt hat, gibt es nicht mehr. Seine Frau teilt ihr Bett inzwischen mit einem anderen, seine Eltern sind gestorben und in seinem Elternhaus wohnt eine fremde Familie. Wohin er sich auch wendet, stößt er auf Unverständnis und Abwehr. Der Krieg ist für die Menschen ein längst abgeschlossenes Kapitel, eine unbequeme Wahrheit, mir der man möglichst wenig zu tun haben möchte. Und Beckmann steht draußen, draußen vor der Tür.

Allein der Titel des Dramas steckt schon so voller Aussage über das Leid der Kriegsheimkehrer, die für eine Ideologie und ein Land in den Krieg gezogen sind, das hinterher nichts mehr von ihnen wissen wollte und sie allein gelassen hat mit ihrer Schuld, ihrer Enttäuschung und dem Grauen in ihren Köpfen.
Hier schreibt jemand, der sich nicht erst im stillen Kämmerlein eine Geschichte ausdenken muss, weil er Schriftsteller werden will, sondern der schreibt, weil die Geschichten aus ihm herausschreien und der aus dem tiefsten Grunde seines Herzens etwas mitzuteilen hat. Weil es seine eigene Geschichte ist und die erschüttert bis ins Mark, denn die Verzweiflung steckt hier in jedem einzelnen Wort.
Dieses Drama gehört für mich zu den besten, die je geschrieben wurden. Emotionaler, authentischer und eindringlicher geht es kaum.
Ein Meisterwerk der dramatischen Literatur.

Bewertung: 4.5 von 5.

Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1986 (Original 1947)

Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter


Noch während sich der Fabrikant Jakob Biedermann über die zunehmende Brandstifterei in der Stadt ereifert, bittet der ehemalige Ringer Josef Schmitz um ein Quartier in seinem Haus und mietet sich auf dem feuergefährlichen Dachboden ein. Seiner buchstäblich raumgreifenden Art hat das Ehepaar wenig entgegenzusetzen, auch nicht, als er weitere Freunde ins Haus einlädt und diese offensichtliche Vorbereitungen für eine Brandlegung treffen. Biedermann verschließt bis zum Schluss die Augen vor der drohenden Gefahr.
Wem dieses Szenario aus der Geschichte bekannt vorkommt, liegt richtig, denn selten sind die Mechanismen der faschistischen Machtübernahme so auf den Punkt gebracht worden, wie in diesem Drama. Ein politische Parabel über Manipulation, Leichtgläubigkeit und Opportunismus, heute so aktuell wie damals, denn geistige Brandstifter gibt es auch heute noch mehr als genug. Und ebenso viele, die sie nicht Ernst nehmen.
Für mich eines der besten und bedeutensten Dramen überhaupt, in seiner Art zeitlos und immer wieder aktuell. Die Parallelen zu den historischen Ereignissen sind so perfekt auf den Punkt gebracht und in dem Bild des Brandstifters eingefangen, dass man es eigentlich nicht besser machen kann. Ebenso wie die Charakterdarstellung des dümmlich-spießigen Biedermann, der die Wahrheit selbst dann nicht erkennt, wenn er mit der Nase draufgestoßen wird und die Katastrophe dadurch ihren Lauf nimmt.

Natürlich bietet sich bei dem historischen Kontext dieses Drama als Schullektüre an und möglicherweise ist schon der eine oder andere auf diese Weise damit in Berührung gekommen. Nicht immer löst solche Pflichtlektüre große Begeisterung aus, denn das ist oft Lesen unter erschwerten Bedingungen. Aber keines hat so uneingeschränkte Begeisterung verdient wie dieser Klassiker, ein Meisterwerk.

Nach dieser Anmoderation verwundert die Sterne-Bewertung wahrscheinlich nicht, aber ist so zwangsläufig auch wieder nicht. Denn Dramen haben es in Textform wirklich nicht einfach. Sie sind zum Spielen gemacht, nicht zum Lesen. In dieser Form erscheinen sie oft sperrig und mühsam zu lesen, sind manchmal sogar harte Arbeit. Aber all das konnte diesem Werk nichts anhaben, es hat die volle Punktzahl zutiefst verdient.

Bewertung: 5 von 5.

Max Frisch: Biedermann und Brandstifter. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996 (Original 1958)