Patrícia Melo: Gestapelte Frauen

Eine junge Anwältin begibt sich in die Amazonasprovinz Acre, um an Gerichtsverhandlungen zu verschiedenen Frauenmorden teilzunehmen. Besonders betroffen macht sie der grausame Tod einer erst 14jährigen Indigenen, die von drei Männern gefoltert, vergewaltigt und umgebracht wurde. Das Trio, Studenten aus gutem Hause und mit entsprechenden gesellschaftlichen Verbindungen, werden frei gesprochen.
Die Anwältin und ihre Kolleginnen können dieses Unrecht nicht akzeptieren und begeben sich dabei selbst in tötliche Gefahr…

Ein Buch wie ein Blitzeinschlag, das mich wirklich sehr mitgenommen hat. Denn auch wenn es sich um eine fiktive Geschichte handelt, hat sie ihre zahlreichen Entsprechungen in der Realität. Um das zu untermauern, setzt die Autorin reale Ereignisse und Zeitungsmeldungen an den Beginn ihrer Kapitel.
Aber in ihrem Buch geht es nicht nur um diese Extreme, sondern um Gewalt gegen Frauen als solches. In einem Interview sagt die Autorin:
„Wenn eine Frau von einem Mann ermordet wird, ist das nur die Spitze des Eisbergs. Dahinter liegt eine lange Geschichte des Missbrauchs. Ich muss sagen, dass mich noch nie eine Recherche für ein Buch so sehr mitgenommen hat. Ich habe mit Anwälten gesprochen, mit Sozialarbeitern, mit Überlebenden, habe an vielen Prozessen teilgenommen – und die Geschichten sind immer dieselben. Bevor die Frauen ermordet wurden, wurden sie bedroht, geschlagen, erniedrigt, vergewaltigt. Der Mord ist nur das letzte Kapitel.“

Dieses Buch ist eine schonungslose Anklage in einer zum Teil sehr derben Sprache und in seiner Direktheit auch nichts für zartbesaitete Gemüter. Aber vielleicht braucht es für dieses Thema auch genau diese Form von Hammerschlag, um dafür zu sensibilisieren.
Natürlich muss man immer aufpassen, hier nicht zu verallgemeinern und in diesem Kontext war mir das Ende schon fast zu viel des Guten. Denn natürlich gibt es auch andere Männer.
Ähnliches gilt für die Abschnitte zu den Amazonen, die der Anwältin immer wieder in Träumen oder drogenbedingten Visionen erscheinen. Diese sind ebenso blutrünstig wie die Taten, die hier in diesem Buch angeprangert werden. Da hätte ich mir einen positiveren Gegenentwurf gewünscht.

Trotz dieser Kritikpunkte ein wichtiges Buch über ein Thema, das jede erdenkliche Aufmerksamkeit verdient.

Bewertung: 4 von 5.

Patrícia Melo: Gestapelte Frauen. Zürich: Unionsverlag, 2019

Esther Becker: Wie die Gorillas

Zu viert müssen sie mich festhalten. Vielleicht auch zu fünft. Ob ein Paar der vielen Hände zu meinem Vater gehört, ist nicht sicher, meine Augen sind fest verschlossen.
Wer nach diesen ersten Sätzen Schlimmstes befürchtet, ist fast schon ein bisschen erleichtert nur wenige Zeilen später zu erfahren, dass es hier „nur'“ darum geht, einem kleinen Mädchen Augentropfen zu verabreichen, die sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt. Nur in Anführungszeichen, denn sie verliert diesen Kampf.
Jahre später wundert sich der Vater, warum sie sich so problemlos Kontaktlinsen einsetzen kann. Sie erklärt, „dass der entscheidende Unterschied zwischen den Augentropfen und den Kontaktlinsen darin besteht, dass ich es bin, die in mein Gesicht fasst.
Wobei wir direkt beim Thema wären, denn um weibliche Selbstfindung und die Selbstbestimmung über sich und den eigenen Körper geht es in diesem Buch.

Und das habe ich wirklich gerne gelesen, denn es hat eine sehr angenehm leichte Sprache ohne den analytisch-erklärenden oder auch anklagenden Tonfall, den Bücher aus diesem Themenspektrum gerne mal haben. Vielmehr waren die Schilderungen wie die Plauderei einer guten Freundin über die alltäglichen Dramen des Erwachsenwerdens und den mitunter steinigen Weg der Entwicklung vom kleinen Mädchen zur Frau.
Nur leider war dieser angenehme Monolog in Buchform nach gut 150 Seiten auch schon wieder zu Ende, was für mich auch der wesentliche Kritikpunkt an diesem Roman ist. Die Geschichte ist für mich schlichtweg nicht zu Ende erzählt, als wäre der Autorin auf halber Strecke die Puste bzw. der Erzählstoff ausgegangen. Gefühlt bricht die Story mitten in der Handlung ab.
Konsequenterweise endet das Buch auch sprachlich mit einem Cut, dem Ende einer Filmszene. „Schnitt, sage ich.
So bleibt ein Kurzfilm, aber ein guter.

Bewertung: 3.5 von 5.

Esther Becker: Wie die Gorillas. Berlin: Verbrecher Verlag, 2021

Mely Kiyak: Frausein


Eines Morgens wachte ich auf und sah die Welt verschwinden.“ Wer hinter diesem ersten Satz den Auftakt einer mystischen Erzählung vermutet, muss leider enttäuscht werden, denn hinter der verschwommenen Wahrnehmung steckt eine vergleichsweise profane Augenerkrankung. Die steht allerdings symbolisch Pate für das eigentliche Thema dieses Buches, nämlich den Blick zu schärfen auf die zentrale Frage: Wie kann ich als Tochter kurdischer Einwanderer einen Platz in dieser Gesellschaft finden, jenseits aller Erwartungen und nur in Übereinstimmung mit sich selbst?
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Diesen Prozess der Selbstverortung darf der Leser auf 128 Seiten begleiten. Thematisch erinnert es an Deniz Ohdes Streulicht, denn auch hier geht es um eine Bildungsaufsteigerin kurdischer bzw. türkischer Abstammung, wenn auch unter anderen familiären Bedingungen. Um es gleich vorab zu sagen, mir hat Kiyaks Version der Geschichte deutlich besser gefallen. Die Schilderungen waren für mich kraftvoller, die Widersprüche genauer herausgearbeitet.
Beispielsweise der Wunsch der Eltern, dass die Tochter in der Gesellschaft Fuß fasst, eine gute Ausbildung bekommt und beruflich erfolgreich ist. Gleichzeitig bedeutet das aber auch eine Entfremdung von der Familie, denn die Tochter taucht damit in eine Welt ein, zu der die anderen Familienmitglieder keinen Zugang haben. Das ist oft schmerzlich, für beide Seiten.
Trotz aller Aufbruchsstimmung hat mir die Verbundenheit mit den eigenen kulturellen Wurzeln sehr gefallen. Die Schilderung der kurdischen Großfamilie mit ihren ganzen Tanten und Cousinen, die sich lebhaft in alles einmischen, hatte etwas sehr liebevolles.

Trotz vieler lohnenswerter Themen konnte mich das Buch nicht wirklich überzeugen, was eindeutig dem Schreibstil geschuldet ist. Dieser stakkatohafte Stil, in dem ein kurzer Hauptsatz nach dem anderen abgefeuert wird, und der analytische Unterton halten den Leser auf Abstand. Man schaut stattdessen von außen drauf, nickt ein paarmal zustimmend mit dem Kopf, aber eine wirkliche Verbindung entsteht so nicht.

Bewertung: 3.5 von 5.

Mely Kiyak: Frausein. München: Hanser, 2020

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

Eines Tages benimmt sich die junge Mutter Kim ausgesprochen seltsam. Sie verhält sich, als wäre sie ihre eigene Mutter und erschreckt und beschämt damit gleichermaßen ihren Mann. Im Rückblick wird über ihr Leben vor ihrer Mutterschaft berichtet und was es bedeutet, in Südkorea als Frau geboren zu sein.

Das eine oder andere wusste ich schon zu dem Thema, aber das dann nochmal in so geballter Form zu lesen, dass war schon erschreckend. Das die Benachteiligung der Frauen in Südkorea solche Ausmaße hat, war mir nicht bewusst. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses und ich bin dankbar, dem Hype in diesem Fall gefolgt zu sein. Zu Recht wurde das Buch hier so oft in die Kamera gehalten.
Gut finde ich auch, dass hier viel Inhalt in sehr konzentrierter Form präsentiert wird – das Buch hat gerade mal 200 Seiten. Dadurch bekommt das Gesagte nochmal eine besondere Wirkkraft.
Den Stil fand ich anfangs etwas unpersönlich und unbeholfen, fast schon wie ein Schüleraufsatz. Am Ende erklärt sich dann, warum dieser Stil gewählt wurde, das hat nämlich durchaus einen Sinn und ist in dem Kontext sehr gut gemacht.

Von meiner Seite eine klare Leseempfehlung!

Bewertung: 4 von 5.

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982. Köln: Kipenheuer & Witsch, 2021

Laetitia Colombani: Der Zopf


Wie die drei Strähnen eines geflochtenen Zopfes werden hier die Geschichten dreier Frauen erzählt und wie dieser Zopf sind ihre Schicksale durch eben dieses Band miteinander verknüpft.
Es ist die Geschichte von Smita, einer Unberührbaren in Indien, die mit der Hoffnung auf ein besseres Leben im Tempel von Tirupati ihre Haare opfert.
Die Geschichte von Giulia, die versucht, das Unternehmen ihres Vaters, die letzte Perückenfabrik Palermos, vor dem Ruin zu retten.
Und die Geschichte von Sarah, der erfolgreichen Anwältin in Montreal, die plötzlich an Krebs erkrankt und ihre Haare verliert.
Über hunderte von Kilometern entfernt und mit Lebenswegen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, verbindet sie doch das gleiche Schicksal. Als Frau um seine Stellung in der Gesellschaft kämpfen zu müssen. Und das tun sie. Mit aller Macht.

Bereits bei der Inhaltsbeschreibung merkt man, wie genial diese Konstruktion ist, das Bild des Zopfes mit dem Schicksal dieser Frauen und dem Motiv des Haares zu verbinden, das für jede dieser Frauen eine ganz eigene, aber auch sehr existentielle Bedeutung hat.
Jeder dieser Frauen bin ich mit großer Anteilnahme gefolgt, wenn mich auch das Schicksal der Unberührbaren Smita am meisten berührt hat, weil es einfach so furchtbar ist, in welchem Elend diese Menschen auch heute noch leben müssen. Das sie trotzdem einen Schatz mit sich trägt, der der reichen Amerikanerin im fernen Montreal neuen Lebensmut schenkt, das war schon sehr bewegend und der Epilog hat mich wirklich zu Tränen gerührt.
Ein wahres Herzensbuch.

Bewertung: 5 von 5.

Laetitia Colombani: Der Zopf. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 2018

Elif Shafak: Unerhörte Stimmen

Die Erzählssituation ist einigermaßen ungewöhnlich, denn hier spricht jemand, der bereits gestorben ist. Ermordet und in eine Mülltonne geworfen erinnert sich die Prostituierte Leila an die wichtigen Stationen ihres Lebens und an ihre Freunde, die so wie sie am Rande der Gesellschaft leben.

Man hört ja hier und da, dass im Moment des Todes nochmal das Leben an einem vorbeiziehen soll. Auch sind offenbar nach dem Herztod vereinzelt noch Gehirnaktivitäten messbar. Diese beiden Thesen greift der Roman auf geniale Weise auf. Jede Minute nach dem Tod eine Erinnerung an bedeutsame Momente auf ihrem Lebensweg, kombiniert mit einem für die Situation typischen Geruch. Das finde ich erzählerisch ausgesprochen gut gemacht.
Die Flucht vor einem entrechteten und fremdbestimmten Leben als Frau in der streng islamischen Dorfgemeinschaft trennt Leila schon früh von ihrer Familie und treibt sie in das Nachtleben Istanbuls. Dort trifft sie auf Weggefährten und Seelenverwandte und über all die Stationen auf diesem Weg berichtet dieser Roman.
Es ist eine Anklage an das Unrecht, dass den Frauen im Namen der Religion angetan wird, aber auch ein Appell, sich seinem Schicksal nicht zu ergeben.
Und es ist ein Buch über die Kraft der Freundschaft. Die Aktion ihrer Freunde rund um ihr Begräbnis war eins der vielen Highlights in diesem Buch, das Ende sehr bewegend und versöhnlich. Lediglich mit den letzten Seiten hatte ich so meine Probleme, da konnte ich dann nicht mehr so ganz mitgehen, obwohl es ein schönes und rundes Bild ergibt.

Schön ist, dass dieses Buch alles hat: von tiefer Traurigkeit bis zu ausgesprochen komischen Momenten ist alle dabei. Dass es nicht die volle Punktzahl von fünf Sternen bekommen hat, liegt daran, dass es bei mir eine nicht so starke emotionale Reaktionen ausgelöst hat. Das ist eine schmale Gratwanderung und trotz allem ein ganz großartiges Buch!

Bewertung: 4.5 von 5.

Elif Shafak: Unerhörte Stimmen. Berlin: Kein und Aber Verlag, 2019

Karen Köhler: Miroloi

Eine namenslose Insel, wie aus der Zeit gefallen. In dieser archaisch-patriarchalischen Dorfgemeinschaft herrschen eigene Traditionen und Gesetze, eine eigene Religion. Die Errungenschaften der modernen Gesellschaft finden zwar gelegentlich den Weg übers Meer, werden aber vom Ältestenrat abgelehnt, man wähnt sich im Mittelalter. Frauen haben hier keine Stimme, sie sind in erster Linie fürs Arbeiten zuständig. Lesen und Schreiben lernen ist den Männern vorbehalten. Wer aufbegehrt, kommt an den Pfahl. Von dieser Insel entkommt man nicht.

Hier erzählt uns die Außenseiterin des Dorfes ihre Geschichte. Als Findelkind vom Bethausvater, dem religiösen Oberhaupt der Gemeinde, aufgezogen, wird sie von den Dorfbewohnern geächtet, den Kindern verspottet und für Schicksalschläge jeglicher Art verantwortlich gemacht. Ohne Familie ist sie nicht in den Stammbüchern verzeichnet, hat keinerlei Rechte und noch nicht einmal einen Namen, denn dazu müsste man nach den Gesetzen des Dorfes die Eltern kennen. Sie wächst in dem Bewusstsein auf, dass niemand sich für ihr Leben interessiert und dass niemand ihr nach dem Tod ein Miroloi singen wird, das traditionelle Totenlied der griechisch-orthodoxen Kirche, dass das Leben des Verstorbenen zusammenfasst. Und so singt sie es selbst, ein Totenlied für sich selbst, in 128 Strophen.

Über ihr Leben als Ausgestoßene, aber auch über erste Schritte hinaus aus der Unmündigkeit, denn heimlich lernt sie lesen und schreiben. Und sie lernt mit dem Bethausschüler Yael die Liebe kennen, die ungeahnte Kräft freisetzt.

Als ich die Kritiken über dieses Buch gelesen habe, dachte ich einen kurzen Moment, das Buch wäre noch gar nicht zu Ende, denn interessanterweise stammten die negativsten Statements ausnahmslos von Männern. Und tatsächlich ist das ein Buch, dass man nicht nur mit dem Kopf lesen kann. Auf dieses Buch muss man sich auch gefühlsmäßig einlassen, sonst findet man keinen Zugang. Dieses Buch muss man fühlen. Und wer das tut, dem eröffnet sich eine ganze Welt.

Mich hat das Buch von der ersten bis zur letzten Seite gehabt.  Gerade die einfache, zum Teil etwas infantile Sprache, die ja vielfach kritisiert wurde, macht das Buch für mich so authentisch. So spricht ein 15jähriges Mädchen in einer geschlossenen Gesellschaft, das von jeglichem Weltwissen abgeschnitten ist. Alles andere wäre falsch gewesen.

Ich habe mit der namenlosen Erzählerin mitgelebt, mitgefühlt und mitgekämpft und es hat mich sehr, sehr berührt. Ein Buch voller Traurigkeit, aber gleichzeitig voller Mut und Würde. Es ist keine Übertreibung wenn ich sage, dass es zu den besten Büchern gehört, die ich bisher gelesen habe.

Bewertung: 5 von 5.

Karen Köhler: Miroloi. München: Hanser Verlag, 2019