Fabrice Le Hénanff: Wannsee

Im Januar jährte sich zum 80. Mal ein Tag, der als Jahrestag eines beispiellosen Verbrechens in die Geschichte eingegangen ist.
Am 20. Januar 1942 trafen sich in einer Villa am Wannsee 15 ranghohe Vertreter der NSDAP, um die systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung zu beschließen. Der Startschuss für einen bürokratisch strukturierten Völkermord, der bereits in vollem Gange war.

Das ist meine erste Graphic Novel überhaupt und wahrscheinlich hätte ich ohne eine Genre-Challenge auf Instagram auch die nächsten Jahre keine gelesen. Nach einem ersten Blick auf die aktuellen Graphic Novels auf dem Markt war dieses Buch konkurrenzlos – auch wenn ich mich zu diesem Zeitpunkt schon gefragt habe, ob es das richtige Thema für eine Graphic Novel ist.

Diese Frage stelle ich mir auch nach dem Lesen. Ich bin ja wenig geübt mit Graphic Novels und bei mir ruft es aufgrund der Form erstmal die typische Assoziation zum Comic auf – für dieses Thema denkbar unpassend.
Allerdings passiert hier etwas, dass es dann doch sehr passend macht. Durch die verknappte Sprache und die eindrücklichen Bilder bekommen die geschilderten Ereignisse nochmal eine andere Kraft. Da ist jede Seite wie ein Hammerschlag und hat mich tief betroffen gemacht. Nicht nur, wie kaltschnäutzig bei einem Arbeitstreffen (mit anschließendem Frühstück) über die systematische Vernichtung von Millionen Menschen diskutiert wird, sondern dass tatsächlich einige von ihnen damit davongekommen sind.

Otto Hofmann, Chef des Rasse- und Siedlungshauptamtes – von 25 Jahren Haft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nur 9 Jahre verbüßt.
Gerhard Klopfer, einer der einflussreichsten NS-Parteibürokraten, zuständig für Rasse- und Volkstumsfragen – 1949 als minderbelastet aus der Haft entlassen.
Wilhelm Stuckart, Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze – 1952 als Mitläufer entnazifiziert.
Und schließlich: Georg Leibbrandt, in leitender Funktion im Ministerium für die besetzten Ostgebiete an der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung beteiligt – wird 1949 aus der Haft entlassen und arbeitete später als politischer Berater der Bundesregierung.

Das Ende des Buches skizziert den späteren Werdegang der einzelnen Konferenzteilnehmer und die geschilderten Beispiele haben mich zusätzlich zu alle den anderen Ungeheuerlichkeiten wirklich sprachlos gemacht. Und wenn ein Buch solch einen tiefen Eindruck hinterlässt, ist es vielleicht auch egal, ob es wirklich die richtige Form ist. Dann hat es seinen Zweck erfüllt. Abschließend will ich nicht unerwähnt lassen, dass die Novel wirklich sensationell gut gezeichnet ist. Ästhetisch sehr ansprechend. Und auch das… nicht ganz unproblematisch…

Fabrice Le Hénanff: Wannsee. München: Knesebeck Verlag, 2019 (Franz. Original 2018)