Lesemonat Oktober

Mein Lesemonat OKTOBER war der produktivste seit langer, langer Zeit…
Nicht nur, dass ich dank der Herbstferien mal richtig viel zum Lesen gekommen bin, sondern vor allem wegen insgesamt vier Leserunden und einer Monatschallenge bei Instagram, an der ich teilnehmen durfte.

Monatshighlights mit fast der vollen Anzahl von fünf Sternen:
📚 Elif Shafak: Unerhörte Stimmen 🌟4,5
📚 Mieko Kawakami: Brüste und Eier 🌟 4,5
Letzteres werde ich im nächsten Monat als Neuerscheinung vorstellen.

Gut gefallen hat mir auch:
📚 Sayaka Murata: Die Ladenhüterin 🌟 4
📚 Volker Kutscher: Der nasse Fisch 🌟 4
📚 Volker Kutscher: Der stumme Tod 🌟 4
📚 Thomas Hettche: Herzfaden 🌟 4
📚 Sebastian Fitzek: Der Heimweg 🌟 4
Und mit einigen Abstrichen:
📚 Volker Kutscher: Goldstein🌟 3,5
📚 Deniz Ohde: Streulicht 🌟 3,5
📚 Chris Carter: Der Kruzifix Killer 🌟 3,5

Zwiegespalten war ich bei:
📚 Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand 🌟 3

Das Buch des Monats ist der erste Teil von Volker Kutschers Gedeon Rath – Serie, die Romanvorlage zu Babylon Berlin. Aktuell ist die dritte Staffel der Fernsehserie angelaufen, nächsten Monat erscheint bereits der achte Band der Erfolgsreihe.

📚 Volker Kutscher: Der nasse Fisch

Der Klassiker des Monats stammt von Agatha Christie, die wohl bekannteste Krimiautorin weltweit. Vor 100 Jahren erschein ihr erster Roman, voregstellt wird hier ihr erfolgreichstes Werk.

📚 Agatha Christie: Und dann gabs keines mehr

Agatha Christie: Und dann gabs keines mehr

Auf dem Bild sieht man noch eine alte Ausgabe mit dem problematischen Titel, mit dem er aber zu großer Bekanntheit gelangt ist – es ist Christies erfolgreichster Krimi. Erst 2003 wurde der Titel in Deutschland geändert.

Der Inhalt ist wahrscheinlich hinlänglich bekannt und wurde vielfach in neuen Adaptionen aufgegriffen. Das Grundmotiv: Zehn untereinander nicht bekannte Personen werden von einem Unbekannten an einen von der Außenwelt abgeschiedenen Ort geladen, von dem sie aus eigener Kraft nicht entkommen können. Dann stirbt einer nach dem anderen und einer von ihnen ist der Mörder…

Ich habe das Buch zum ersten Mal als Jugendliche gelesen und war absolut hin und weg, weil man überhaupt keinen Plan hat, wer der Mörder sein könnte. Die ganze Szenerie ist unheimlich gut gemacht und nicht umsonst hat dieser Krimi Kultstatus erreicht.

Aus heutiger Sicht halte ich es nach wie vor für einen guten Krimi, definitiv einer der besten von Christie. Allerdings gibt es zwischendurch auch einige Szenen, die wenig glaubwürdig sind. Da muss man schon beide Augen zudrücken, obwohl die Story grundsätzlich gut konstruiert ist.
Auch sind die Charaktere nicht besonders gut herausgerabeitet, muss man sagen. Das ist doch recht oberflächlich, aber vielleicht auch dem Format geschuldet. Das Buch hat noch nicht mal 200 Seiten, da ist nicht viel Platz für ausführliche Personenportraits. Dafür hat man es kurz und knackig, ohne großen Schnickschnack. Das hat auch seinen Reiz.

Bewertung: 4 von 5.

Agatha Christie: Zehn kleine Negerlein. München: Scherz Verlag, 1990 (Englisches Original 1951)

Elif Shafak: Unerhörte Stimmen

Die Erzählssituation ist einigermaßen ungewöhnlich, denn hier spricht jemand, der bereits gestorben ist. Ermordet und in eine Mülltonne geworfen erinnert sich die Prostituierte Leila an die wichtigen Stationen ihres Lebens und an ihre Freunde, die so wie sie am Rande der Gesellschaft leben.

Man hört ja hier und da, dass im Moment des Todes nochmal das Leben an einem vorbeiziehen soll. Auch sind offenbar nach dem Herztod vereinzelt noch Gehirnaktivitäten messbar. Diese beiden Thesen greift der Roman auf geniale Weise auf. Jede Minute nach dem Tod eine Erinnerung an bedeutsame Momente auf ihrem Lebensweg, kombiniert mit einem für die Situation typischen Geruch. Das finde ich erzählerisch ausgesprochen gut gemacht.
Die Flucht vor einem entrechteten und fremdbestimmten Leben als Frau in der streng islamischen Dorfgemeinschaft trennt Leila schon früh von ihrer Familie und treibt sie in das Nachtleben Istanbuls. Dort trifft sie auf Weggefährten und Seelenverwandte und über all die Stationen auf diesem Weg berichtet dieser Roman.
Es ist eine Anklage an das Unrecht, dass den Frauen im Namen der Religion angetan wird, aber auch ein Appell, sich seinem Schicksal nicht zu ergeben.
Und es ist ein Buch über die Kraft der Freundschaft. Die Aktion ihrer Freunde rund um ihr Begräbnis war eins der vielen Highlights in diesem Buch, das Ende sehr bewegend und versöhnlich. Lediglich mit den letzten Seiten hatte ich so meine Probleme, da konnte ich dann nicht mehr so ganz mitgehen, obwohl es ein schönes und rundes Bild ergibt.

Schön ist, dass dieses Buch alles hat: von tiefer Traurigkeit bis zu ausgesprochen komischen Momenten ist alle dabei. Dass es nicht die volle Punktzahl von fünf Sternen bekommen hat, liegt daran, dass es bei mir eine nicht so starke emotionale Reaktionen ausgelöst hat. Das ist eine schmale Gratwanderung und trotz allem ein ganz großartiges Buch!

Bewertung: 4.5 von 5.

Elif Shafak: Unerhörte Stimmen. Berlin: Kein und Aber Verlag, 2019

Chris Carter: Der Kruzifix Killer

Detektiv Robert Hunter wird zum Schauplatz eines Mordes gerufen, der ihm nur allzu vertraut vorkommt. Das Opfer ist eine brutal gefolterte junge Frau, im Nacken ein Kreuz mit doppeltem Balken. Das Markenzeichen eines verurteilen Serienkillers. Nur wurde der vor Jahren von Hunter zur Strecke gebracht und hingerichtet. Wer ist der Killer, der mit Hunter ein Katz und Maus- Spiel beginnt? Wurde damals ein Unschuldiger verurteilt?

Erstmal vorab, ich fand meinen ersten Carter mega spannend, man kann wirklich schwer aufhören und das ist schon mal richtig viel wert bei einem Thriller. Da ist ganz viel Tempo und Dynamik drin. Also dafür mehrere dicke Pluspunkte mit Ausrufezeichen.

Aber ich hab auch einige Kritikpunkte und ich hab es selten so schade gefunden, das Buch nicht in einer Leserunde gelesen zu haben. Ich hatte beim Lesen echt einige Fragezeichen im Kopf.
Erstmal finde ich das Ermittlerduo für ein Buch ein bisschen dünn. Das sind Typen wie aus einer amerikanischen Serie, da passt es super, würde ich mir auch angucken. Aber für ein Buch finde ich das irgendwie zu flach, da wünsche ich mir eigentlich mehr Charakterdarstellung, die auch unter die Oberfläche geht.

Zu dem Fall: Die Auflösung war sehr überraschend, aber ich hab mich gefragt: macht das Sinn? Nicht alles, was unerwartet ist, ist auch gut. Ohne jetzt zu viel zu spoilern und an die Adresse derjenigen, die das Buch kennen…ist das wahrscheinlich, das jemand gerade bei diesen Opfern diese Form an Grausamkeit aufbringt. Trifft ja irgendwie die Falschen. Und gerade bei dem letzten Betroffenen, ist das in dieser Form überhaupt möglich, sowas durchzuführen?

Letztlich war es mir vom Ausmaß der Brutalität auch eindeutig zu viel des Guten und ich würde mich jetzt nicht direkt als Weichwurst bezeichnen. Aber da wird gefoltert, gekreuzigt, bei lebendigem Leibe gehäutet. Warum da jetzt noch ne Ladung Essig drüber muss, hab ich nicht verstanden. Ist für mich irgendwie drüber. Ist für mich viel zu viel auf Gewalt und Schockeffekt gesetzt, statt sich auf die Kraft der Story zu verlassen.

Mein Fazit: Ein sehr spannender, aber inhaltlich nur bedingt überzeigender Auftakt dieser Serie.

Bewertung: 3 von 5.

Chris Carter: Der Kruzifix Killer. Berlin: Ullstein Verlag, 2009

Volker Kutscher: Goldstein

Den Inhalt dieses dritten Bandes der Gedeon Rath-Reihe wiederzugeben ist gar nicht so einfach, denn das sind mehrere Stories in einer. Zum einen gibt es den US-Gangster Goldstein, der in Berlin sein Unwesen treibt und dem Rath auf den Fersen ist. Zum anderen ist da der Fall rund um die junge, obdachlose Kaudhausdiebin Alex, deren Komplize Benny Opfer eines skrupellosen Polizisten wird. Und nicht zu vergessen, die höchst konfliktträchtige Beziehung zwischen Rath und Charly…

Um es gleich vorab zu sagen, für mich war es der schwächste von den bisherigen Bänden. Was nicht heißt, dass er schlecht ist. Ich finde die Zeit und die Idee, auf dieser Kulisse Kriminalfälle zu konstruieren, nach wie vor extrem reizvoll und lese die Reihe wirklich gerne. Das liegt vor allem an dem genau recherchierten geschichtlichen Hintergrund, der ein sehr anschauliches Bild dieser Zeit entwirft.
Störend fand ich an diesem Band, dass zu viele Handlungsstränge zu lange nebeneinander herlaufen und in meinem Gefühl sehr schleppend vorankamen. Auch wenn die einzelnen Erzählstränge an sich nicht uninteressant waren, zog sich das zu sehr in die Länge. Ein paar Seiten weniger hätten diesem Band gut getan. Ich hätte einen roten Faden auch angenehmer gefunden als die vielen losen Enden. Das hat für mich den Lesefluss beeinträchtigt.

Bewertung: 3.5 von 5.

Volker Kutscher: Goldstein. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2011

Sebastian Fitzek: Der Heimweg

Dieses Buch war für mich eine echte Achterbahnfahrt mit vielen Höhen, aber auch Tiefen und einigermaßen durchgeschleudert bin ich da auch rausgekommen.
Zu den Höhen kann ich sagen, dass dieses Buch extrem fesselnd ist. Es hat so viele Wendungen und überraschende Momente, dass man einen konstanten Spannungslevel hat und unbedingt wissen will, wie es weitergeht. Also ein sehr dynamisches Buch, ein ganz großer Pluspunkt für einen Thriller. Auch das Spiel mit dem Motiv des Verfolgungswahns gefällt mir immer sehr, das ist hier gut eingesetzt. Man weiß über weite Strecken nicht, was der Realität oder der wahnhaften Welt der Protagonisten entspringt und das hat etwas sehr reizvolles. Darüberhinaus ist auch noch zwischendurch richtig schön gruselig, also der Thrillfaktor stimmt schon mal.
Das Ende war überraschend, aber in sich stimmig erklärt und hat mir auch ganz gut gefallen. Allerdings fand ich die Story an einigen Stellen auch etwas drüber (Stichwort Wasserbett, Weihnachtsmann oder die Fassadenkletterei) und zwischendurch auch ziemlich verworren bzw. überkonstruiert. Da muss man schon ganz schön konzentriert bleiben, um in dieser verschachtelten Geschichte den Überblick zu behalten.
Ziemlich abgestoßen war ich vom Ausmaß sadistischer Gewalt gegenüber Frauen, die da beschrieben wird. Mag ich in der Form nicht wirklich lesen, auch wenn es das in der Realität sicherlich gibt. Jetzt mag man mich dafür als Mimi beschimpfen und was ich denn erwarte, wenn ich Psychothriller lese. Genau, Psycho und Thrill. Nicht Splatter und Co. Ich mag solche Gewaltorgien einfach nicht. Deshalb schau ich ja auch keine Zombiefilme, obwohl ich gruselige Filme sehr mag. Das ist Geschmackssache und sollte auch unter den Thrillerfans so in Ordnung gehen, denke ich.
Etwas irritierend finde ich, dass in den sozialen Medien dieses Buch häufig als Beispiel für häusliche Gewalt zitiert wird. Ich denke, die Szenen im Hotel oder Parkhaus gehen weiter darüber hinaus, auch wenn es das in Einzelfällen geben mag. Das sollte man vielleicht nicht in einen Topf werfen

Nicht unerwähnt sollte noch bleiben, dass der neue Fitzek zu den schönsten Büchern gehört, die ich seit langem in der Hand gehalten habe. Optisch und haptisch ein absolutes Schmuckstück.

Bewertung: 3.5 von 5.

Sebastian Fitzek: Der Heimweg. München: Droemer Verlag, 2020

Thomas Hettche: Herzfaden

Hettche erzählt in diesem Roman die Geschichte der Augsburger Puppenkiste. Entstanden in den Kriegsruinen verbindet der Gründer Walter Oehmichen damit einen Neuanfang: „Das ist unser Theater. Diese Kiste. Sie ist alles, was uns geblieben ist. Sie steht in den Ruinen. In sie sperren wir alles ein, was war. Verwandelt wird es wieder herauskommen.“ (S. 161)
Und so werden die alten Hakenkreuzfahnen zu Vorhängen verarbeitet und etwas Neues beginnt.
Oehmichens bahnbrechendes Theaterprojekt ist in seinen Kriegserlebnissen begründet. Schon dort baute er für seine Kameraden ein Marionettentheater und ließ sie für eine kurze Zeit die Schrecken des Krieges vergessen. Seinen Mitabeitern erklärt er die Motivation seines Vorhabens folgendermaßen: „Viele würden ihn fragen, beginnt er, weshalb er kein richtiges Theater machen wolle. Aber ihm sei klar geworden, dass Puppentheater noch mehr Theater sei als Menschentheater. Marionetten seien die ehrlicheren Schauspieler. Sie ließen sich nicht verführen, und die Freude an ihnen sei eine wahre, unschuldige Freude.“ (S. 158)
Und er beendet seine Rede mit den Worten: „Als der Krieg vorbei war, sagte ich mir: Je stärker ich die Menschen aus dem Elend führen kann, desto mehr helfe ich ihnen.“ (S. 158)


Das Puppentheater wird ein Familienprojekt, an dem vor allem seine Tochter Hannelore, genannt Hatü, maßgeblich beteiligt ist. Ihr Sohn wird später ihr Werk fortsetzen,was er bis zum heutigen Tage tut.
Eingebettet wird die Geschichte in eine fiktive Rahmenhandlung: ein zwölfjähriges Mädchen gelangt nach einer Vorstellung auf einen alten Dachboden und trifft dort auf die bereits verstorbene Hatü und ihre Marionetten…

Mir hat die Geschichte der Augsburger Puppenkiste sehr gefallen, vor allem der Beweggrund ihres Entstehens. Der Wunsch, dem Kriegselend und der Naziideologie etwas entgegenzusetzen, ist hier gekonnt herausgearbeitet worden.
Der Ehrgeiz, als erfolgreicher Schauspieler diesen ungewöhnlichen Weg zu gehen und daraus ein Familienprojekt zu machen, war sehr beeindruckend und hat den Aufbruchswillen in dieser schwierigen Zeit gut zum Ausdruck gebracht. Da steckt ganz viel Hoffnung drin und das ist schön zu lesen.
Sehr bezeichnend ist auch der Titel des Buches, denn das ist in der Tat etwas, was das Marionetenspiel vermag: das Herz zu bewegen.

Die Rahmenhandlung fand ich im Kontrast eher schwach. Die Idee ist gut, aber mir war das mit den vielen agierenden Marionetten zu überfrachtet. Als alter Freund der Augsburger Puppenkiste, insbesondere auch von Jim Knopf, war es zwar schön, die bekannten Figuren wieder auftauschen zu sehen. Das weckt wohlige Kindheitserinnerungen. Aber für den erzählerischen Zweck wäre Hatü und ihre (unbelebten) Marionetten völlig ausreichend gewesen. Dass diese dann ein Eigenleben entwickeln, war für mich eher befremdlich, insbesondere die Figur des bösen Kaspers.
In diesem Fall wäre weniger mehr gewesen.

Bewertung: 4 von 5.

Thomas Hettche: Herzfaden. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2020

Sayaka Murata: Die Ladenhüterin

Keiko ist schon seit ihrer Kindheit anders als die anderen. Unfähig, sich in andere einzufühlen und gesellschaftliche Normen nachzuvollziehen, wird sie zur Außenseiterin. In ihrem Wunsch, sich anzupassen und möglichst nicht unangenehm aufzufallen, nimmt sie einen Aushilfsjob in einem Supermarkt an. Diese Arbeit wird für sie zur Berufung, denn sie gibt ihr die Orientierung und Struktur, die für ihr Leben existentiell wichtig ist.
Doch ihre überschaubare Welt wird radikal auf den Kopf gestellt, als ein neuer Mitarbeiter im Laden auftaucht…
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Auf jeden Fall mal das Buch für jeden Supermarktmitarbeiter, denn es zeigt – zumindest aus der Perspektive von Keiko, dass man sich dort sehr aufgehoben fühlen kann.
Und auf jeden Fall ein Buch, das gesellschaftliche Zuschreibungen und Bewertungen problematisiert, denn was für die Mehrheit der Menschen ein wenig angesehener Übergangsjob ist, kann für einen anderen ein wesentlicher Lebensinhalt sein. Denn Keiko leidet nicht an ihrem Aushilfsjob, den sie schon 18 Jahre lang macht. Sie leidet an der mangelnden Akzeptanz, an dem Gefühl, ohne Mann und Kind bzw einen hochangesehenen Job eine gesellschaftliche Außenseiterin zu sein.
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Ich mochte diesen schmalen Roman, der auf wenigen Seiten und mit einer Leichtigkeit das Drama beschreibt, als Mensch mit offensichtlich autistischen Zügen keine Akzeptanz zu finden in der Gesellschaft. Aber einen Platz, den hat sie gefunden: in ihrem Konbini.
So tragisch das bei genauerem Hinsehen ist, fand ich den Roman vor allem im ersten Drittel sehr komisch, beispielsweise als sie in Ihrem emotionslosen Pragmatismus zwei prügelnden Jungs eine Schaufel über den Kopf zieht. Die anderen Kinder wollten doch, dass die beiden aufhören. Was soll daran falsch sein?
Im Verlauf des Buches schlägt dann die Heiterkeit in Entrüstung um, als sie ihren komplett unsympathischen und schmarotzenden Arbeitskollegen als Untermieter bei sich aufnimmt.

Gerne hätte ich ja noch erlebt, wie sie ihn hochkannt raus wirft, was ich die ganze Zeit am liebsten gemacht hätte, nur leider endet das Buch relativ unvermittelt und für meinen Geschmack auch zu früh. Da hätte ich gerne noch ein bisschen mehr erfahren. Sehr interessant fand ich auch die Reaktion ihrer Umgebung auf ihren vermeintlich Partner. Selbst ein absoluter Unsymphat und Nichtsnutz scheint immer noch besser zu sein als gar kein Mann. Für mich ein sehr gelungenes Bild der gesellschaftlichen Zwänge und immer noch prägenden patriarchalischen Strukturen im heutigen Japan.

Bewertung: 4 von 5.

Sayata Murata: Die Ladenhüterin. Berlin: Aufbau Verlag, 2018 (Japanisches Original 2016)

Volker Kutscher: Der stumme Tod

Band 2 der Romanvorlage zur TV-Serie Babylon Berlin:

1930: Kommissar Gedeon Rath ermittelt in diesem zweiten Band in der Filmbranche, die sich zu dieser Zeit im Umbruch befindet. Der Stummfilm wird zunehmend vom Tonfilm abgelöst und gefährdet Produzenten, Kinobesitzer und Stummfilmstars.
Der Tod einer gefeierten Schauspielerin führt Rath in die Welt des Glamours mit all seinen Schattenseiten.

Mich hat das Buch sofort auf den ersten Seiten gepackt, da ich das Thema der sich entwickelnden Filmindustrie extrem spannend finde. Dem Autor gelingt es, die Atmosphäre des Auf- und Umbruchs mit all seinen Hoffnungen, aber auch Risiken gut auf den Punkt zu bringen. Eine perfekte Kulisse für eine Mordermittlung! Hat mich teilweise an Agatha Christie erinnert und die mag ich sehr. Die Story war intelligent konstruiert und gerade zum Ende hin mit viel Dynamik.
Diese hat mir leider zwischendurch ein bisschen gefehlt, da gab es doch einige Längen. Auch gibt es im Buch einen zusätzlichen Erzählstrang, in dem es um einen Erpressungsfall geht, der keinen geringeren als Konrad Adenauer betrifft. Den hätte es für meinen Geschmack nicht gebraucht. Das Ganze plätschert so am Rande vor sich hin, ohne dass es zusätzliche Spannungsmomente reinbringt. Ich fand es sogar eher störend, weil es von der eigentlichen Geschichte ablenkt.
Aber eine gelungene Fortsetzung eines ebenso gelungenen Auftakts. Gerne mehr davon.

Bewertung: 4 von 5.

Volker Kutscher: Der stumme Tod. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2010


Volker Kutscher: Der nasse Fisch

Der Auftakt der Romanvorlage zur bekannten TV-Serie Babylon Berlin, die im Berlin der 30er Jahre spielt. Bisher sind sieben Bände dieser Reihe erschienen, der achte Band erscheint nächsten Monat.

1929: Der junge Kommissar Gedeon Rath wird von Köln nach Berlin versetzt, zunächst ins Sittendezernat. Doch er hat höhere Ziele und schaltet sich auf eigene Faust in die Ermittlung im Fall eines unbekannten Toten ein, der grausame Folterspuren aufweist. Schon bald entpuppt sich der Tote als Opfer in einem hochbrisanten Konflikt, in dem offenbar Exilrussen, Paramilitärs und sogar das organisierte Verbrechen ihre Finger mit im Spiel haben…

Ein gelungener Auftakt dieser Reihe, in dem das Lebensgefühl im Berlin der späten zwanziger Jahre sehr authentisch wiedergegeben ist. Als Berlinerin hatte es für mich nochmal den besonderen Reiz, die vielen bekannten Plätze aus historischer Perspektive zu betrachten.
Besonders gut gefallen hat mir die genaue Ausarbeitung der politischen Zusammenhänge und Konflikte. Dass Kutscher studierter Historiker ist, merkt man diesem Buch im positivsten Sinne an.
Gleichzeitig ist diese kleine Geschichtsstunde in einen spannenden Kriminalfall verpackt, mit gut konstruierter Story und authentischen Charakteren. Sowohl der Ermittler Gedeon Rath als auch seine Kollegin und Freundin sind ausdrucks- und willensstarke Persönlichkeiten, ihre Beziehung entsprechend dynamisch – mit allen Höhen und Tiefen.
Einziger Kritikpunkt sind die doch recht komplexen Verwicklungen zwischen den vielen Personen. Da fällt es schwer, den Überblick zu behalten und erschwert den Lesefluss. Das wird im Film sicher einfacher sein, von daher: perfekte Filmvorlage.

Bewertung: 4 von 5.

Volker Kutscher: Der nasse Fisch. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2008