Christian Kracht: Eurotrash

25 Jahre nach Faserland ist der bereits bekannte Ich-Erzähler zu Besuch bei seiner Mutter in Zürich. Diese ist inzwischen geschieden, gesundheitlich angeschlagen und dem Alkohol recht zugetan, gerne auch in Kombination mit diversen Psychopharmaka, was den einen oder anderen Unfall mit anschließendem Krankenhausaufenthalt nach sich zieht.
Spontan beschließt ihr Sohn, mit ihr eine Reise zu unternehmen. Nur führt diese nicht ihrem Wunsch entsprechend nach Afrika, sondern geradewegs in eine Hippiekommune…

Fortsetzungen sind ja nicht immer gut, vor allem nach einem erfolgreichen Auftakt liegt die Messlatte entsprechend hoch. Aber locker drübergesprungen, würde ich sagen!

Dieser Kracht gefällt mir sogar noch viel besser, denn hier gibt es nicht nur die kritische Distanz zur Welt des großen Geldes und der High Society, sondern auch zur eigenen Rolle in dem Szenario.
Das wirkt viel reifer und reflektierter und gefällt mir in dieser Form deutlich besser, insbesondere die Aufarbeitung der Familiengeschichte – unabhängig davon, wie viel von den realen Personen darin steckt.
Es ist ein sehr gelungenes Bild der inneren Leere und seelischen Abgründe, die hinter der glänzenden Fassade des Erfolges versteckt sind. Gleichzeitig auch ein Stück Zeitgeschichte, die zeigt, wie nationalsozialistisches Gedankengut und alte Seilschaften nach dem Krieg weiterlebten.
Dazu hat das Buch noch jede Menge Witz und Ironie im Gepäck und das gibt eine ausgesprochen lesenswerte Mischung.

Bewertung: 4 von 5.

Christian Kracht: Eurotrash. Köln: Kiepenheuer und Witsch, 2021

Tom Voss: Hundstage für Beck

Kommissar Beck lässt sich nach einem traumatischen Polizeieinsatz in ein kleines Dorf in Norddeutschland versetzen und kämpft mit seinem Alkoholproblem.
Nach etlichen Gläsern zuviel überfährt er im Rausch eine Frau. Doch die Verletzungen der Frau und die Spuren am Auto deuten auf eine andere Todesursache hin…

Also vom Klappentext und Aufmachung her hat es mich spontan an Tatort erinnert und ein bisschen hat es auch davon. Aber von einer wirklich guten Folge.
Ich war ja zunächst bei dem Titel etwas skeptisch, ich finde ihn nicht so glücklich gewählt.
Aber vom Inhalt war ich sehr positiv überrascht.

Das ist ein gut entwickelter, solider Krimi, der durchweg ein Spannngslevel hält, ohne sich in ständigen überraschenden Wendung oder Gewaltorgien zu verlieren. Das ist jetzt nicht alles spektakulär, aber mir ist eine ruhig entwickelte und gut erzählte Geschichte oft lieber als dieser hektische Aktionismus, den man in vielen Thrillern findet.
Besonders gut gefallen hat mir das Ermittlerteam. Beide sehr authentisch und sympathisch. Vor allem Beck mochte ich in seiner unkonventionellen Art, was wahrscheinlich daran liegt, dass er einige Ähnlichkeit mit Nesbøs Harry Hole aufweist. Den mag ich auch.

Auch wenn das Rad hier nicht neu erfunden wird – es hat Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen. Einfach entspannte unaufgeregte Unterhaltung, wie bei einem guten Tatort eben.

Bei Teil 2 bin ich wieder mit dabei, das klingt vielversprechend…

Bewertung: 4 von 5.

Tom Voss: Hundstage für Beck. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 2021

Jack London: Der Seewolf

Der wohlhabende Schöngeist Humprey van Weyden wird nach einem Schiffsunglück von dem Robbenschoner ‚Ghost‘ aufgenommen. Das Schiff segelt unter dem Kommando des gewalttätigen und skrupellosen Kapitäns Wolf Larsen, der die Mannschaft terrorisiert und in Angst und Schrecken hält.
Auch für van Weyden ist der Müssiggang vorbei. Er wird als Küchenjunge eingesetzt und muss lernen, sich gegenüber der rohen Gewalt an Deck zu behaupten…

Das Buch ist ja vor über hundert Jahren geschrieben worden, aber die Gedanken, die hier entwickelt werden, sind auch heute noch interessant – wenn vielleicht auch nicht mehr so aktuell wie damals im Vorfeld zweier Kriege.
Kapitän Larsen ist nämlich kein dummer Schläger, sondern ein durchaus belesener Zeitgenosse und hat sich daraus eine darwinistische Philosophie zurechtgelegt. In ihr herrscht das Recht des Stärkeren. Mitgefühl und Altruismus ist ein Luxus, den sich nur der leisten kann, der nicht um sein Überleben kämpfen muss.
Dem steht van Weyden mit seiner humanistischen Gesinnung gegenüber und im Laufe des Buches gibt es immer wieder Gespräche zwischen den beiden, in denen diese Gegensätze aufeinander prallen.
Das hat mir gut gefallen. Auch das Szenario als solches und die Beschreibung des Lebens auf hoher See war gut eingefangen. Also eine rundum solide Seefahrergeschichte mit Tiefgang.
Ein bisschen anstrengend waren für mich die zahlreichen Fachbegriffe. Die sind für die genaue Beschreibung des Lebens auf einem Schiff wohl auch nötig, aber da muss man als Mensch vom Lande schon des öfteren mal recherchieren, was hier eigentlich gemeint ist. Ganz übel und völlig unnötig war für mich das Ende. Kitsch der übelsten Sorte…
Aber wenn man das mal ausblenden, kann man in den alten Seewolf ruhig mal reinschauen…

Bewertung: 3 von 5.

Jack London: Der Seewolf (1904)

Mariana Leky: Erste Hilfe

Wer ein Fan von ‚Was man von hier aus sehen kann‘ ist, wird auch dieses Buch lieben, denn auch hier begegnet einem ein einigermaßen skurriles Figurenensemble. Angefangen von der Ich-Erzählerin, die in einem Kleintierladen arbeitet, statt ihre Magisterarbeit zu schreiben und mit dem Frauenschwarm Sylvester zusammenlebt, der sich überwiegend vor seinen Verehrerinnen verleugnen lässt. Beide stehen plötzlich vor der Aufgabe, sich um Matilda zu kümmern – eine Stammkundin des Kleintierladens. Sie möchte bei ihnen einziehen, weil sie Angst hat, den Verstand zu verlieren…

Ich habe ja schon ‚Was man von hier aus sehen kann‘ ausgesprochen gerne gelesen und dieser Debütroman kann hier nahtlos anknüpfen. Vielleicht hat er nicht ganz die tiefen melancholischen Momente, aber viele gute Elemente des späteren Erfolgsromans findet man bereits in diesem Erstlingswerk. Allem voran die absolut liebenswert-schrägen Figuren, die man sofort ins Herz geschlossen hat und deren Eigenarten man mit Spannung verfolgt. Gepaart mit einem lockeren Erzählton voller Situationskomik, der einen beim Lesen immer wieder schmunzeln lassen. Es war mir eine absolute Freude dieses Buch zu lesen. Gerne mehr davon.

Bewertung: 4.5 von 5.

Mariana Leky: Erste Hilfe. Köln: Dumont Buchverlag, 2004

Christian Kracht: Faserland

Es geht in diesem Roman um eine Welt, die den meisten von uns wohl verschlossen bleiben wird – die der Reichen und manchmal auch Schönen. Hier wird von Sylt nach Zürich gejetsetet, locker mit dem Geld gewedelt und überwiegend gesoffen, wie unser ziemlich unsympathischer Erzähler. Oder anderweitige Drogen konsumiert, wie ein großer Teil seiner Umgebung.
Wenn man sich nun fragt, warum eine eher inhaltsarme Story zum modernen Klassiker avanciert ist, wie zumindest der Klappentext feststellt, dann wohl deshalb, weil dieser von vielen so angestrebte Lifestyle hier in seine Einzelteile zerlegt wird.
Kracht hat in diesem Roman die Oberflächlichkeit und innere Leere dieses speziellen Mikrokosmos sehr anschaulich auf den Punkt gebracht. Und dass ihre Protagonisten alles mögliche sind, nur nicht glücklich.

Ich muss sagen, ich war bei diesem Buch hin und hergerissen. Auf der einen Seite mochte ich diesen Ich-Erzähler in der Figur des Millionärssöhnchens, der kein Blatt vor den Mund nimmt und einfach macht, wonach ihm der Sinn steht. Unangepasste Typen mag ich, eigentlich. Nur leider ist dieser etwas aus der Art Geschlagene ein asozialer Unsympath allererster Güte, den man auf keinen Fall kennenlernen möchte und man hofft, dass möglichst wenig Kracht in dieser Figur steckt.

Aber wenn es darum geht, diese Welt zu entzaubern und ihre eigentliche Armseligkeit zu entlarven, dann ist das Projekt absolut gelungen.
Innerliches Kopfschütteln mit Programm, Mission geglückt.

Bewertung: 3.5 von 5.

Christian Kracht: Faserland. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 2015 (Original 1995)

Helga Schubert: Vom Aufstehen

Der Untertitel ‚Ein Leben in Geschichten‘ ist Programm, denn es geht hier um 80 Jahre Leben, verpackt in 29 kurze Erzählungen. Schlaglichter über das Leben als Flüchtlingskind und das Heranwachsen in der ehemaligen DDR, später das der Schriftstellerin unter Stasi-Beobachtung. Es sind aber auch Geschichten einer Annäherung in einer problematischen Mutter-Tochter-Beziehung, die bis ins hohe Alter ein dominierendes Thema bleibt.

Von allen Nominierten hat mich dieses Buch am meisten gereizt und tatsächlich ist die Kombination von persönlichem Background und historischer Kulisse gut umgesetzt. Durch die kurzen Erzählsequenzen entsteht aus beiden Ebenen ein stimmiges und lesenswertes Ganzes. Mir hat vor allem die ruhige, abgeklärte Erzählweise gefallen. Ähnlich wie beim Buch von Judith Hermann hat das für mich etwas von einer meditativen Rückschau, die selbst an Stellen nachwirkt, in denen noch Fragen offen sind. Auf mich hatte es eine sehr beruhigende Wirkung.
Allerdings muss ich gestehen, dass mich das Buch trotz der interessanten Thematik nicht richtig packen konnte. Es blieb mir bis zum Schluss irgendwie äußerlich und ich kann noch nicht mal sagen, woran das eigentlich lag. Die Emotion kam einfach nicht bei mir an. Es bleibt eine Distanz.
Ich gehe aber davon aus, dass es viele LeserInnen findet, bei denen das Buch bestens funktioniert.

Bewertung: 3 von 5.

Helga Schubert: Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten. München: dtv, 2021

Judith Hermann: Daheim

Gestern wurde der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Im Vorfeld hatte ich mir drei der sechs nominierten Titel gekauft, die mich näher interessiert haben. Der Siegertitel war nicht dabei. Dafür stelle ich euch heute eine Mitbewerberin vor…

In diesem Buch begleiten wir die Ich-Erzählerin auf ihren Schritten in ein neues Leben. Fernab des hektischen Stadtlebens sucht sie einen Neubeginn in einem kleinen Ort an der nordischen Küste und mietet sich ein kleines Haus. Sie kellnert in der Kneipe ihres Bruders und knüpft Kontakte zu den etwas eigenwilligen Dorfbewohner. Und blickt zurück auf ein halbes gelebtes Leben, auf glückliche, aber auch verpasste Augenblicke und Lebensentwürfe, die an der Realität scheitern.

Man ahnt, dieses Buch hat etwas Melancholisches. Spätestens, wenn die Erzählerin im Gespräch mit ihrer unternehmungslustigen Tochter resümiert: „Pläne machen, nicht daran denken, wie diese Pläne scheitern können, dass sie scheitern werden, fast alles im Leben scheitert…
Trotzdem hat mich das in keinster Weise runtergezogen, denn diese Rückschau, auch auf Momente des Scheiterns, ist kein depressives Gejammer, sondern hat etwas sehr Erwachsenes. Das hatte für mich so eine besonnene Abgeklärtheit, die man so vielleicht auf dem Sterbebett vermutet. Nur dass der Weg hier direkt weitergeht, in etwas ganz Neues.
Mir hat vor allem die innere Ruhe gefallen, die dieser Roman ausstrahlt. Das hat sich beim Lesen direkt übertragen und war für mich fast ein bisschen meditativ, hat aber auch viele Gedankenimpulse ausgelöst.
Nachdem mich Sommerhaus, später damals nicht nachhaltig begeistern konnte, gehen hier beide Daumen hoch.

Bewertung: 4 von 5.

Judith Hermann: Daheim. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 2021

Preis der Leipziger Buchmesse 2021

Die Leipziger Buchmesse 2021 ist ja in ihrer ursprünglichen Form abgesagt worden. Trotzdem gibt es auch in diesem Jahr Veranstaltungen und Online-Events, sowie die traditionelle Preisverleihung.

Nominiert in der Kategorie Belletristik sind in diesem Jahr:

📚 Christian Kracht: Eurotrash
📚 Helga Schubert: Vom Aufstehen
📚 Judith Hermann: Daheim
📚 Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. ans fenster trete
📚 Iris Hanika: Echos Kammern

Davon konnten die ersten drei Titel mein Interesse wecken, Judith Hermann werde ich später noch vorstellen.

Nun hat die Preisverleihung bereits gestern stattgefunden und von meiner Auswahl ist es leider keins geworden. Gewonnen hat in diesem Jahr Echos Kammern. Ich gratuliere, werde es aber wahrscheinlich nicht lesen.

Verena Güntner: Power

Obwohl noch ein junges Mädchen, hat Kerze sich bereits den Ruf erworben, Verlorenes wiederzufinden und dabei einen unbeugsamen Willen an den Tag zu legen. Und so kommt es, dass sie von ihrer alten Nachbarin beauftragt wird, ihren verschwundenen Hund Power wiederzufinden. Kerze nimmt sich der Aufgabe mit vollem Eifer an und beginnt zur besseren Einfühlung in das Tier zu bellen und zu knurren und folgt seiner Fährte in den Wald. Schon bald schließen sich die Kinder des Dorfes der Suche an und beschließen, im Wald zu bleiben, bis das Tier gefunden ist…

Klingt doch erstmal gut und nach den ganzen positiven Rezis hier kann man eigentlich nichts falsch machen, dachte ich. Vor dem Lesen.

Nach dem Lesen muss ich leider feststellen, dass das nicht mein Buch ist.
Klar muss man sich auf dieses Buch einlassen, denn das Verhalten der Kinder ist ins Extreme übersteigt. Auch spielt die Autorin mit übersinnlichen Elementen, beispielsweise wenn abends die Geister an Kerzes Bett treten. Mich hat vieles an den Rattenfänger von Hameln erinnert, ein bisschen Sage ist also auch mit dabei.
Das Ganze soll gesellschaftskritisch sein und ist es wohl auch, nur hat sie mich in dieser Form überhaupt nicht erreicht.
Das lag vielleicht auch daran, dass mir hier jegliche Sympathieträger fehlten. Normalerweise hab ich ja eine Schwäche für starke, eigenwillige und auch etwas verschrobene Frauenfiguren, aber mit dieser Kerze bin ich gar nicht warm geworden.
Wie schon der plakative Name der Protagonistin war mir hier alles zu dick aufgetragen und hätte für mich in subtileren Tönen besser funktioniert.

So schwimme ich hier mal gegen den Strom der begeisterten Rezis und habe zur Abwechslung mal kein schlechtes Gewissen. Bei so vielen Fans.

Bewertung: 1.5 von 5.

Verena Güntner: Power. Köln. Dumont, 2020

Stephen Chbosky: Der unsichtbare Freund

Auf der Flucht vor ihrem Exfreund zieht die alleinerziehende Kate mit ihrem siebenjährigen Sohn Christopher nach Mill Grove, eine Kleinstadt in Pennsylvania. Direkt am Waldrand beziehen sie ein kleines Haus. Doch kurz nach dem Umzug sieht Christopher seltsame Zeichen und hört Stimmen, die ihn in den Wald locken…

Nun ja, schon die Erwähnung der lächelnden Wolke auf dem Klappentext hätte mir verdächtig vorkommen müssen. Aber da im Buch neben den Motiven des Übersinnlichen auch mit denen der Geisteskrankheit gespielt wird, hätte das noch so durchgehen können. Wie so vieles zu Beginn des Buches.
Denn es geht erstmal recht spannend und atmosphärisch los und hat auch einige gruselige Momente, die Lust auf mehr machen.
Aber schon recht bald schleichen sich unlogische bis völlig lächerliche Sequenzen und Handlungsstränge ein, die man beim besten Willen nicht mehr ernst nehmen kann. Nun kann ja in einem fiktiven Roman mit übersinnlichen Elementen schon mal einiges etwas abwegig oder unlogisch sein, nur sollte man damit sehr sparsam umgehen. So versucht man bei Christophers Gespräch mit der Plastiktüte noch zähneknirschend beide Augen zuzudrücken, nur gibt es in diesem Buch gefühlte hundert Plastiktütenmomente…

Für mich ein gutes Beispiel, wie ein Autor das Maß überhaupt nicht findet und die Geschichte zu Tode eskaliert. Für mich war das Maß auf jeden Fall nach gut der Hälfte voll und ich habe mich für vorzeitigen Abbruch entschieden.
Weise Entscheidung, denn meine Lesepartnerin hat noch ein bisschen ins Ende reingelesen und das wurde ja noch viel schlimmer als erwartet und das heißt schon einiges…

Dieses Buch wird ja damit beworben, dass es an Stephen King erinnert. So kann man es auch ausdrücken, wenn jemand einfach munter abschreibt. Das ist an so vielen Stellen so dreist von ES abgekupfert, dass es mich echt geärgert hat.

Bewertung: 1.5 von 5.

Stephen Chbosky: Der unsichtbare Freund. München: Heyne Verlag, 2019