Alexander Osang: Die Leben der Elena Silber

Es handelt es sich um einen weiteren Kandidaten der Longlist des Deutschen Buchpreises, von denen ich im letzten Jahr einige gelesen habe und auch hier geht es um Spurensuche.
Osangs Alter Ego Konstantin ist Filmemacher und auf der Suche nach einem neuen Stoff. Die Geschichte seiner Familie zu erforschen und damit auch sich selbst besser zu verstehen, wird zum Motor seines Handels. Ausgangspunkt bildet das traumatische Erlebnis seiner Großmutter Jelena, die die grausame Ermordung ihres Vaters auf offener Straße miterleben muss. Dieser hat als stadtbekannter Revolutionär den Zorn der zarentreuen Kleinbürger auf sich gezogen. Aus Angst vor weiteren Anschlägen flieht Jelenas Mutter mit den beiden Kindern aus ihrem russischen Heimatdorf, der Auftakt für ein entwurzeltes Leben.
Unter neuen politischen Verhältnissen lernt sie den Fabrikanten Robert Silber kennen und bekommt mit ihm fünf Töchter, eine davon wird Konstantins Mutter sein. Sie folgt ihrem Mann nach Deutschland, fühlt sich aber nirgendwo wirklich zu Hause. Dies ist sehr treffend in der langsamen Auflösung Ihres Namens eingefangen, die auch ein Stück Identitätsvetlust widerspiegelt: aus Jelena wird Elena wird Lena, bis schließlich nur noch ‚Baba‘ übrigbleibt, die russische Bezeichnung für Großmutter.
Die autobiographische Spurensuche Osangs, die ihn bis nach Russland führt, hat mir in der Schilderung der historischen Ereignisse gut gefallen, auch die Charakterdarstellungen finde ich gelungen. Für mich krankt dieser Roman aber ganz erheblich an dem Erzählstrang der Gegenwart, der sich durch das gesamte Buch zieht. Dabei geht es um Konstantins Filmprojekt, seine Beziehung zu Mutter und Sohn, vor allem aber zu seinem dementen Vater, den er regelmäßig besucht. Genauso regelmäßig haben mich dieses Passagen aus dem Roman gekickt, ich fand sie ausgesprochen zäh und kraftlos. Das hat das Leseerlebnis doch merklich getrübt.

⭐⭐⭐

Alexander Osang: Die Leben der Elena Silber. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 2019

Vincent Kliesch / Sebastian Fitzek: Auris


Matthias Hegel arbeitet in Berlin als akustischer Profiler, denn er ist in der Lage, allein über die Analyse der Stimme detaillierte Aussagen über einen Täter zu machen. Eigentlich, denn gleich zu Beginn des Buches wird er wegen eines Mordes verhaftet, für den er sich selbst bezichtigt. Die Journalistin Jula Ansorge, selbst Opfer einer Gewalttat, glaubt nicht an seine Schuld und beginnt in der Sache zu recherchieren. Hegel versucht sie jedoch von diesem Vorhaben abzubringen und er ist nicht der Einzige. Schon bald befindet sich Jula in ernster Gefahr…

Fitzek im Gepäck lässt Großes hoffen, daher war ich vom Anfang schon einigermaßen ernüchtert, den ich ziemlich albern fand. Das machte das Auftreten der Hauptperson nicht wirklich besser, die es scheinbar eine gute Idee fand, sich nachts in kurzem Kleidchen in einer fremden Stadt auf einem Friedhof aufzuhalten, was selbst dann ziemlich blöd ist, wenn es sich um einen viel frequentierten Touristenfriedhof handelt.
Zwischendurch nahm die Geschichte dann an Fahrt auf und war über weite Strecken auch spannend, was mir doch noch Hoffnung auf einen guten Thriller gegeben hat. Aber…was Jula da zum Ende hin veranstaltet hat, das hatte schon Slapstickqualitäten und ich wusste nicht, ob ich jetzt lachen oder weinen soll. Auf jeden Fall mal beides nicht gut bei einem Thriller. Da ist jetzt nicht spoilern will, kann ich an der Stelle nicht weiter ins Detail gehen, aber das war für mich nicht mehr ernst zu nehmen.
Insgesamt fand ich das Ende gar nicht gelungen und obwohl man eigentlich den zweiten Teil lesen müsste, einfach um all die noch offenen Fragen zu klären, werden sie bei mir wahrscheinlich unbeantwortet bleiben.
Noch zum Abschluss ein Wort zu unserem akustischen Profiler, dem Namensgeber dieses Buches. Insgesamt ist mir seine eigentliche Tätigkeit, für die ja das Buch steht, viel zu kurz gekommen. Da es ja doch eine originelle Idee ist, hätte man seine besondere Eigenschaft mehr in Szene setzen können. So war zumindest die Leseerwartung.

Aber vielleicht kommt davon mehr im zweiten Teil, dann wäre es vielleicht doch noch was für mich…

Dass es letztendlich doch noch gute zwei Sterne geworden sind, hat das Buch dem wirklich spannenden Mittelteil zu verdanken.

⭐⭐⭐

Vincent Kliesch / Sebastian Fitzek: Auris. München: Doemer Knaur, 2019

Drei Bücher für die Insel

Auf Instagram wurde mir die Frage gestellt, welche drei Bücher ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde. Eine schwierige Frage…


1) Ganz klar nehme ich meinen all time favourite Das Parfum mit. Ich hab es zwar schon mindestens fünfmal gelesen, aber ich kann es wahrscheinlich noch weitere fünfmal lesen und wenn man keine Lust mehr auf einsame Insel hat… ab ins Paris des 18. Jahrhunderts. Dieses Buch katapultiert mich regelmäßig in eine andere Welt.

2) Ähnlich klar für mich ist Das achte Leben und dass nicht nur, weil man mit über 1200 Seiten ordentlich was zu lesen hat. In diesem Buch stecken so viele Geschichten, so viele große Momente, das ich es immer wieder lesen könnte.

3) Das letzte Buch war wie gesagt eine schwere Geburt. Erst hatte ich an ES von Stephen King gedacht, auch ein dickes Buch mit vielen Erzählsträngen und wahnsinnig spannend. Ich habe mich dann aber für Sophies Welt entschieden, das wohl ältesteste Buch auf meinem SuB. Hier geht es um philosophische Fragen, ganz Grundsätzliches und wo hätte man mehr Zeit, um genau über diese Dinge nachzudenken, als auf einer einsamen Insel?
Wahrscheinlich habe ich es auch genau aus dem Grund noch nicht gelesen, mir fehlt die einsame Insel …

Sebastian Fitzek: Die Therapie

Josy, die Tochter des bekannten Psychiaters Viktor Larenz, verschwindet unter mysteriösen Umständen. Es gibt weder Zeugen noch Spuren, eine Leiche wurde nie gefunden. Als sich der trauernde Viktor vier Jahre später in sein Ferienhaus am Meer zurückzieht, wird er dort von einer geheimnisvollen Fremden aufgesucht. Sie scheint etwas über das Verschwinden des kleinen Mädchens zu wissen…

Eigentlich wollte ich in dieses Buch nur kurz reinlesen, weil ich an dem Tag eigentlich andere Pläne hatte. Ist gaaaanz schlecht bei diesem Buch….denn einmal angefangen, kann man nicht mehr aufhören.
Es ist unfassbar spannend und flüssig geschrieben, ich hab es förmlich eingeatmet und war entsprechend schnell durch – Tagesplanung ade…

Besonders gelungen und auch die Quelle der Spannung war für mich das Spiel mit Wahn und Wirklichkeit, bei dem man sich bis zum Schluss nicht sicher ist, wie das Ganze zusammenhängt. Die Auflösung fand ich stimmig und gut durchdacht, obwohl mir ein Detail am Ende nicht ganz so gefallen hat. Die Geschichte hätte auch ohne funktioniert und vielleicht sogar noch besser. Insgesamt aber ein sehr lesenswerter Thriller.

⭐⭐⭐⭐⭐

Sebastian Fitzek: Die Therapie. München: Knaur Taschenbuch, 2006

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün, fast schwarz

Rafael und Moritz kennen sich seit Kindertagen, dann bricht plötzlich die elternlose Jo in diese Zweisamkeit ein und es entwickelt sich zwischen den inzwischen Jugendlichen eine fatale Dreiecksbeziehung. In deren Zentrum steht der charismatische Rafael, der hinter seinem einnehmenden Lächeln ein zerstörerisches Wesen verbirgt. Nach 16 Jahren treffen sie wieder aufeinander und mit ihnen die alte Erinnerungen und Verletzungen.

Bei manchen Büchern merkt man gleich auf den ersten Seiten, das wird mein Freund werden, weil sie einem sofort seltsam vertraut vorkommen. Nicht, weil man Ähnliches schon mal erlebt hätte, sondern weil es eine Übereinstimmung gibt in der Art zu denken und Gefühle zu beschreiben. Und genau so ging es mir mit diesem Roman.
Immer wieder bin ich auf Textstellen gestoßen, die mich innehalten ließen, weil sie so glasklar und zugleich einfühlsam das zugrundeliegende Gefühl getroffen haben. Hab mir direkt auch einige Passagen rausgeschrieben…
Auch stilistisch überzeugt das Buch durch verschiedene Erzählperspektiven und Zeitebenen, nach und nach entsteht für den Leser ein immer klareres Bild über die Struktur dieser fatalen Dreiecksbeziehung. Und der Hintergrund des Buchtitels ist natürlich sensationell gut.
Ein wenig hab ich mit dem Ende gehadert, aber trotz allem ein ganz wunderbares Buch.

⭐⭐⭐⭐⭐

Mareike Fallwickl: Dunkelgrün, fast schwarz. Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 2018

T.C. Boyle: Das Licht

In diesem Buch geht es im Wesentlichen um die diversen Experimente mit LSD, die der exzentrische Psychologieprofessor Timothy Leary in den sechziger Jahren mit einer Gruppe gleichgesinnter Anhänger durchgeführt hat. Im Mittelpunkt des Geschehens steht Learys wissenschaftlicher Assistent Fitz, der sich mit Frau und Kind Learys Kommune anschließt und das Ideal einer von Zwängen befreiten Gesellschaft sucht.

Zu diesem Buch habe ich in erster Linie gegriffen, weil ich Boyle als Autor sehr schätze, thematisch hat es mich eher weniger angesprochen. Leider sind meine schlimmen Erwartungen in diesem Fall auch bestätigt worden, denn die endlose Aneinanderreihung von LSD Trips und Drogenparties fand ich wenig romantauglich und schlichtweg ermüdend. Der revolutionäre Spirit der 60er Jahre schwingt zwar immer wieder mit und es war sicher auch eine sehr aufregende Zeit mit viel Aufbruchsstimmung, aber bei mir konnte da kein Funke überspringen. Aus der Distanz betrachtet wirkt das Ganze wie die Zelebrierung einer einzigen großen Luftblase unter viel Getöse. Hier und da stellt der Autor die Ideologie und Lebensweise der Kommune zwar in Frage, bleibt insgesamt für meinen Geschmack aber viel zu kritiklos, das wirkt zeitweise wie eine Werbeveranstaltung. Die Fragen, die sich im Laufe des Buches zu dieser Ideologie anhäufen, werden von ihm aufgegriffen, aber gerade auch durch das Ende wieder relativiert. Möglicherweise liest sich das Buch für Zeitzeugen anders, möglicherweise verbindet Leary damit auch gute Erinnerungen. Aber aus der Rückschau auf die Geschichte wirkt vieles schlichtweg hohl und ideologisch verblendet, ich konnte damit gar nichts anfangen.


Allein der guten Schreibe des Autors ist es zu verdanken, dass die Sternebewertung nicht gänzlich im Keller ist. Und natürlich das sensationell gut gemachte Cover, für das man wirklich keine Drogen braucht.

⭐⭐

T.C. Boyle: Das Licht. München: Hanser Verlag, 2019

Jan Peter Bremer: Der junge Doktorand

Schon seit zwei Jahren wartet das Ehepaar Greilach in ihrer abgelegen Mühle auf die Ankunft des jungen Doktoranden, der dem alternden Maler zu neuem Ruhm verhelfen soll. Doch immer wieder wird der Besuch verschoben und die Erwartungen an den lang ersehnten Gast steigern sich ins Unermessliche. Als er dann endlich eintrifft, präsentiert er sich jedoch in einem gänzlich anderen Licht. „Was war denn das für ein Doktorand! Damit hatten sie einfach nicht rechnen können. Das ließ sich doch keinem erklären…“
Und auch der Doktorand hat nicht mit diesem Ehepaar gerechnet…

Wem bei der Kurzbeschreibung spontan Becketts Warten auf Godot in den Sinn kommt… nein, nicht wirklich, denn der Doktorand taucht schon zu Beginn des Buches auf. Und mit diesem Aufeinandertreffen entspinnt sich ein Feuerwerk an Situationskomik loriotschen Ausmaßes, das ich wirklich lustig fand. Diese Karikatur des oberflächlich-kleinbürgerlichen Lebens in all seiner Beschränktheit und das hilflose Agieren des einigermaßen verplanten Doktoranden war für mich ausgesprochen unterhaltsam, jedenfalls in der ersten Hälfte des Buches. Danach nutzt sich das Motiv etwas ab und der Autor verliert sich in der Person des Malers gelegentlich in Monolgen, was das Unterhaltungsbarometer etwas nach unten getrieben hat. Aber zum Glück ist das Buch recht schmal und ist dann auch zu Ende, bevor sich das zu einem echten Problem auswächst.

⭐⭐⭐⭐

Jan Peter Bremer: Der junge Doktorand. Berlin: Berlin Verlag, 2019

Daniel Kehlmann: Tyll

Richtig, hier geht es um Till Eulenspiegel, den man zumindest vom Namen nach kennt oder sogar von den überlieferten mittelalterlichen Schwanksammlungen. Als fahrender Gaukler mit anarchistischem Potential zog er übers Land und hielt den Leuten ungeachtet ihres Standes einen Spiegel vor. Also eine durchaus interessante Persönlickeit, von der man nicht so genau weiß, ob sie tatsächlich gelebt hat, obwohl es dazu einige Hinweise geben soll. Aber das ist in diesem Zusammenhang auch nicht so wichtig, denn Till ist eigentlich nur der Aufhänger für eine anschaulich-drastische Geschichte über die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Das ist zwar rund 300 Jahre später als der Eulenspiegel-Figur zuzuordnen, aber alle wesentlichen Merkmale des Mittelalters zeigen sich auch hier: Hunger, Elend, Gewalt, Krieg, Kindersterblickeit, Aberglauben, Hexenverbrennung oder auch das einigermaßen befremdliche Machtgeschacher der Adligen. Und dass die Gaukler vielleicht nicht aus einer fröhlichen Eingebung heraus übers Land gezogen sind, lässt sich irgendwie auch vermuten.

Tyll wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Sohn eines Müllers geboren, der schon bald in einen Konflikt mit der Kirche gerät und hingerichtet wird. Tyll muss fliehen, begleitet von der Bäckerstochter Nele. Auf seinem Weg durch das von Religionskriegen durchzogene Land begegnen sie den unterschiedlichsten Leuten: angefangen von Pirmin, dem Jongleur über den fanatischen Jesuiten Tesimond bis hin zum Könispaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen, die für den Ausbruch des Krieges maßgeblich verantwortlich sind. Ihre Geschichten verbinden sich zu einem Spiegel der Zeit, dessen Wahnsinn uns die Figur des Eulenspiel meisterhaft vor Augen führt.

Das war mein erster Kehlmann und bestimmt auch nicht mein letzter, denn das Buch hat mich wirklich gut unterhalten. Ein schöner Schreibstil, sehr plastisch, inhaltlich facettenreich und mit ausdrucksstarken Charakteren. Auf kurzweilige Art bekommt man einen vielschichtigen Einblick in das Leben in dieser Zeit und kann sich in seinem warmen Kämmerlein freuen, dass man ein paar Jahrhunderte später geboren ist. Auch den Einstieg ins Buch fand ich extrem gelungen.
Für mich krankte das Buch etwas daran, dass es vor allem in der zweiten Hälfte einige Längen hat. Da gerät doch der eine oder andere Protagonist ins monologisieren und das hat zwischendurch die Spannung rausgenommen. Aber trotz allem eine ganz klare Leseempfehlung.

⭐⭐⭐⭐

Daniel Kehlmann: Tyll. Hamburg: Rowohlt, 2017

Jo Nesbo: Der Schneemann

Im siebten Teil der Harry Hole-Serie geht es um einen Serienmörder mit einem speziellen Markenzeichen: am Tatort hinterlässt er einen Schneemann. Vier Frauen sind ihm bereits zum Opfer gefallen, alle brutal ermordet. Als sich Harry Hole des Falles annimmt, entdeckt er zwischen den Frauen einige Gemeinsamkeiten: alle waren verheiratet, hatten Kinder und nahmen es offenbar mit der Treue nicht so genau. Und zwei von ihnen besuchten den gleichen Arzt, einen Spezialisten für Erbkrankheiten…

Für mich eines der besten Bücher aus dieser Serie, die ich an sich schon gelungen finde, einfach weil ich die Figur des Harry Hole sehr authentisch und sympathisch finde. Ich seh da so ein bisschen Nesbo vor mir und ein Teil von ihm steckt da sicher auch mit drin.

Diesen siebte Teil finde ich schon mal vom Motiv des Schneemanns her bestechend, da das so eine latenten Gruseleffekt erzeugt. Ähnlich wie der bedrohliche Horrorclown, der plötzlich auftaucht. Zusätzlich besticht dieser Teil durch eine wirklich gute Story – originell, genau durchdacht und spannend umgesetzt. Vor allem die Wendung in der zweiten Hälfte des Buches, in der der Täter in Erscheinung tritt, gibt dem Ganzen nochmal einen Kick und legt dramaturgisch nochmal eine Schippe drauf.

Wie viele andere Thriller kommt Nesbo auch hier nicht mit dem klassischen Showdown aus und manchmal ist mir das einen Tick zu viel, aber hier geht es gerade noch so durch.

⭐⭐⭐⭐⭐

Jo Nesbo: Der Schneemann. Berlin: Ullstein Verlag, 2009 (Norwegisches Original 2007)