Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht

Anlässlich eine Fotoretrospektive treffen die drei alten Freundinnen Keto, Nene und Ira wieder aufeinander. Gezeigt werden Bilder aus ihrer gemeinsamen Zeit in Georgien – aufgenommen von der Vierten im Bunde, die nicht mehr bei ihnen sein kann.
Beim Betrachten reflektiert Keto die Geschichte hinter den Bildern und entwirft so ein Bild von einem Staat im Umbruch, der ersten großen Liebe und einer tiefen Freundschaft.

Spätestens seit ‚Das achte Leben‘ kennt man Haratischwili als Autorin monumentaler Geschichten mit großem Seitenumfang. Tatsächlich erschlägt es einen aber nur vorab, als Respekt vor der Aufgabe sozusagen. Denn erstmal angefangen, spürt man eigentlich nur noch an der Schwere des Buchs, dass es so viele Seiten sind. Denn Haratischwilis Sprache ist so schön, dass es eine Freude ist und sich kein bisschen wie Arbeit anfühlt.

Auch in diesem Roman schafft sie es, einem die Figuren sehr nahe zu bringen. Und das nicht nur die Hauptpersonen, sondern auch die Nebenfiguren erwachen in diesem Roman quasi zum Leben und das ist für mich die ganz große Stärke der Autorin: die gute Ausarbeitung der Charaktere.
Gleiches gilt für die Darstellung der gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrem Heimatland Georgien, das eng mit der eigenen Geschichte verknüpft ist. Ich denke, dass hier auch sehr viele eigene Erlebnisse eingeflossen sind und das macht diesen Roman so authentisch.

Auch wenn mich ‚Das mangelnde Licht‘ nicht ganz so berührt hat, wie ‚Das achte Leben‘, hat dieses Buch wieder bestätigt, dass Harataschwili für mich zu den besten deutschsprachigen Autorinnen gehört.

Bewertung: 4.5 von 5.

Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht. Frankfurt/Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 2022

Viveca Sten: Kalt und still

Nach einigen persönlichen Schicksalsschlägen sucht die Polizisten Hannah Ahlander Zuflucht im Ferienhaus ihrer Schwester im Norden von Schweden. Doch die gewohnte Ruhe in dem verschneiten Bergdorf ist in hektischen Aufruhr umgeschlagen. Bei minus 20 Grad ist eine Schülerin nach einer Party verschwunden und jede Minute zählt. Hannah beteiligt sich an den Suchaktionen und entdeckt schon bald mysteriöse Dinge in diesem so harmlos wirkenden Dorf…

Dieses Buch zu bewerten fällt mir echt schwer, denn wie das beschriebene Bergdorf hatte es für mich Höhen und Tiefen.
Ganz klar für das Buch spricht, dass es einen sehr angenehm flüssigen Schreibstil hat und es sich wirklich gut lesen lässt. Kombiniert mit den kurzen Kapiteln und den Perspektivenwechseln flutscht man nur so durch die Seiten und ich habe mich trotz der inhaltlichen Mängel gut unterhalten gefühlt. Auch wenn sich vieles schon angedeutet hat, war ich doch bis zum Schluss auf die Auflösung gespannt. Auch die Atmosphäre in diesem verschneiten Bergdorf hat mir gut gefallen. Soweit ein angenehm und gut zu lesender, solider Krimi und alles könnte so schön sein.

Nur leider gab es für mich auch einige handwerkliche und inhaltliche Stolpersteine, die meine Lesefreude etwas getrübt haben. Einige Charaktere waren für mich schon sehr klischeehaft und auch einzelne Szenen ziemlich plump entworfen, einschließlich der verschiedenen gelegten Fährten. Dass wir den Täter in der Leserunde eigentlich schon spätestens nach der Hälfte im Verdacht hatten, hat mich dabei gar nicht so gestört, sondern die vielen doch recht unwahrscheinlichen Ereignisse in diesem Krimi.
Immer wieder musste man sich fragen: Wer macht sowas? Wie wahrscheinlich ist das? Auch bei einem Krimi sollte es nicht allzu viele dieser Momente geben, finde ich.
Gerade zum Ende kam da einiges zusammen. Die dramatische Entwicklung rund um Hannah am Schluss war ja nochmal sehr spannend, aber die Auflösung…

Wie gesagt, für mich ein Krimi mit Höhen und Tiefen, aber im Großen und Ganzen habe ich mich gut unterhalten gefühlt.

Bewertung: 3.5 von 5.

Viveca Sten: Kalt und still. München: dtv, 2022

Anna Yeliz Schentke: Kangal

Dilek lebt mit ihrem Freund Tekin in Istanbul und leidet zunehmend unter den politischen Verhältnissen. Als ‚Kangal 1210‘ ist sie in den sozialen Medien aktiv und äußert sich kritisch über die Regierung. Doch die Repressionen gegenüber politischen Weggefährt:innen lösen große Ängste in ihr aus.

In Istanbul haben wir gelernt, anonym zu sein, anonym unter vielen und anonym im Netz. Aber das reicht nicht mehr, das habe ich begriffen. Sie können die Wohnung stürmen, dich festhalten, mitnehmen und du kannst noch nicht mal die Polizei rufen. Sie sind die Polizei.

Um dem zu entkommen und ohne ihren Freund einzuweihen, beschließt Dilek nach Deutschland zu fliegen – zu ihrer Cousine Ayla, mit der sie viele schöne Kindheitserinnerungen teilt, auch wenn sich ihre Mütter inzwischen verstritten haben.
Doch in Deutschland trifft sie auf treue Anhänger:innen besagter Regierung und eine Cousine, die mit der Türkei nur noch ein Urlaubsparadies verbindet…

Noch ein Buch der diesjährigen Longlist, was für meinen Geschmack zu wenig Beachtung erfahren hat. Denn das Thema, um das es hier geht, ist nach wie vor hochaktuell. Das macht für sich erstmal kein gutes Buch aus. Aber wie genau die Autorin die Problematik herausarbeitet, wie fokussiert sie die Konflikte beschreibt, wie vielschichtig sie dabei vorgeht – das ist für mich gute Literatur.
Ihre Schilderungen bewegen sich zwischen den Innenansichten Dileks, ihres Freundes und ihrer Cousine hin und her und auch wenn sich ihre Standpunkte unterscheiden, kann man doch vieles sehr gut nachvollziehen. Für mich war die Ausnahmesituation, in der sich Dilek befindet sehr greifbar, insbesondere das Gefühl einer permanenten Bedrohung ausgesetzt zu sein. Die zitierte Passage bringt es für mich sehr gut auf den Punkt.
Für mich ein Buch, dass trotz seiner Kürze einen großen Eindruck hinterlassen hat.

Bewertung: 4 von 5.

Anna Yeliz Schentke: Kangal. Frankfurt/Main: Fischer Verlag, 2022

Simone Scharbert: Rosa in grau

Hier kommen die Stimmen zu Wort, die jahrelang weggesperrt und fast vergessen wurden. Mit der Betonung auf fast, denn die Sammlung Prinzhorn gibt ihnen einen Ort, gesehen und gehört zu werden. Den künstlerischen Werken von Psychiatriepatient:innen.
Simone Scharbert erzählt in ihrem Roman aus der Perspektive einer jungen Mutter, die Anfang der 50er Jahre in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert wird.

Die kurze Lesung auf der Frankfurter Buchmesse hat mich so gefesselt, dass ich mir sofort dieses Buch kaufen musste. Gerade der enge Zusammenhang mit den Exponaten der Sammlung Prinzhorn war für mich besonders eindrücklich – ich hatte zuvor noch nichts von dieser Ausstellung gehört. Die Autorin hat eine Reihe dieser Künstlerinnen und ihre Werke in ihrem Roman verarbeitet, auch wenn sie tatsächlich in unterschiedlichen Einrichtungen entstanden sind.

Sowohl die Thematik selbst als auch ihre Umsetzung hat mich sehr berührt, wozu die gewählte Ich-Perspektive wesentlich beigetragen hat. Ein tiefer Blick in die Gedankenwelt eines psychisch kranken Menschen und das so punktgenau und authentisch beschrieben, dass man schwören könnte, die Autorin hat das genau so erlebt.

Das Wunderbare an diesem Buch ist auch die fast schon poetische Sprache, bei der es einen gar nicht wundert, dass die Autorin auch Lyrikerin ist. Denn das spürt man immer wieder in den ausdrucksstarken, sehr bildhaften Beschreibungen.

Bewertung: 4.5 von 5.

Simone Scharbert: Rosa in grau. Dresden: Edition Azur, 2022

Volker Kutscher: Transatlantik

Viele lose Enden aus dem letztem Band werden hier wieder aufgegriffen und weitergesponnen. Raths Zeppelinabsturz, Fritz‘ Einweisung in die Nervenklinik und Charlottes Ausreisepläne. Und ein neuer Mordfall sorgt für Unruhe, denn der Tote ist ausgerechnet der Freund von Greta. Und die ist seitdem spurlos verschwunden…

Diese Krimi-Reihe und auch meine Begeisterung zieht sich ja über die Jahre durch meine Beiträge. Vieles was ich daran so mag, findet sich auch hier. Die gut ausgearbeiteten Charaktere und ein spannender Kriminalfall, der in den historischen Kontext eingebettet ist. Und gerade der zeitgeschichtliche Hintergrund macht für mich diese Reihe so besonders. Sie ist ausgesprochen gut erzählt und recherchiert, mit viel Liebe fürs Detail.
Der neunte Band spielt im Jahr 1937, in dem die Hauptstadt bereits auf einen bevorstehenden Krieg vorbereitet wird. Auch schreitet der Bau von Konzentrationslagern und die Verhaftung politisch Andersdenkender immer weiter voran.

Mir hat auch der neue Kutscher wieder sehr gut gefallen, auch wenn ich ihn nicht ganz so stark finde, wie den letzten Band. Er fängt doch recht schleppend an und vieles aus ‚Olympia‘ wird hier nochmal aufgegriffen, zum Teil auch ausführlich betrachtet. Das ist stellenweise direkt irritierend, weil man (zu recht) denkt, das hat man doch schon mal gelesen. Das fand ich nicht ganz so glücklich.
Spätestens in der zweiten Hälfte nimmt das Buch aber deutlich an Fahrt auf und hat dann auch wieder das gewohnt hohe Level an Spannung und Dynamik.

Bewertung: 4 von 5.

Volker Kutscher: Transatlantik. München: Piper Verlag, 2022

Benedict Wells: Hard Land

Grady ist eine kleine Stadt in Missouri, in der herzlich wenig passiert – vor allem in den Sommerferien. Um der Langeweile und den häuslichen Problemen zu entkommen, nimmt Sam einen Ferienjob in einem alten Kino an. Und trifft dort auf drei künftige Freunde, die sein Leben verändern werden. Alle drei werden zwar im Herbst die Stadt verlassen. Aber es bleibt ihnen dieser gemeinsame Sommer, in dem sich Sam so fühlt, wie er sich schon sein ganzes Leben lang fühlen wollte: „übermütig und wach und mittendrin und unsterblich.“

Als das Buch im letzten Jahr erschien, hat es hier einen derartigen Hype ausgelöst, dass ich erstmal Abstand genommen habe. Vor allem auch deshalb, weil ich nicht noch einen Coming-of-Age Roman lesen wollte. Ein Jahr später sah das schon etwas anders aus und ich muß sagen: da hätte ich richtig was verpasst. Denn hier ist mal wieder ein Beispiel, wo ein Hype auch absolut berechtigt ist. Was für ein wunderbares Buch.

Auch wenn das Grundmotiv nicht neu ist, hat es in der Wellschen Version eine ganz besondere Kraft. Die Magie dieses Sommers überträgt sich komplett – zumindest war das bei mir der Fall.

Was ich bei Wells so mag, ist die Art der Sprache. Ich empfinde sie als sehr echt und unverstellt und dadurch kommt sie einem auch sehr nah. Entsprechend dem meist jungen Alter der Protagonist:innen (wie auch in diesem Roman), ist die Sprache recht einfach gehalten, aber immer wieder von einer großen Tiefe durchzogen. Dadurch entstehen immer wieder sehr berührende Momente. Gerade die Liebesgeschichte fand ich hier ausgesprochen herzerwärmend.
Und auch wenn das Buch mit einigen Problemthemen daherkommt, hat es einen sehr positiven Grundton und ein ausgesprochen schönes Ende. Und vor allem, kein bisschen kitschig oder toterzählt.

Für mich ganz klar mein bester Wells.

Bewertung: 4.5 von 5.

Benedict Wells: Hard Land. Zürich: Diogenes Verlag, 2021

Thomas Ziebula: Der rote Judas

Im ersten Teil der Krimiserie ist Kommissar Stainer gerade erst aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Psychisch schwer angeschlagen, steht er nicht nur privat vor einem Scherbenhaufen. Auch politisch sind die Verhältnisse im Jahre 1920 alles andere als stabil. Und beruflich steht direkt die erste Herausforderung an: in der Villa eines Fabrikanten wurden mehrere Menschen erschossen. Was auf den ersten Blick wie ein Raubmord aussieht, entpuppt sich als Teil einer geheimen Aktion, der ‚Operation Judas’…

Ich habe ja schon an anderer Stelle über diese Krimiserie geschrieben, hatte allerdings den ersten Teil hier noch nicht vorgestellt. Und da die Reihe hier ihren Anfang nimmt, wollte ich euch das nicht vorenthalten. Denn dafür ist die Reihe einfach zu gut und von daher kann ein bisschen zusätzliche Aufmerksamkeit nicht schaden.

Ähnlich wie bei Kutscher begeistert mich neben dem eigentlichen Kriminalfall vor allem der zeitgeschichtliche Hintergrund. Während Kutscher überwiegend in den 30er Jahren unterwegs ist, widmet sich Ziebula der Zeit nach dem 1. Weltkrieg und die ist ähnlich
interessant und ereignisreich.

Auch der Fall selbst ist gut durchdacht, passt sehr gut in den zeitgeschichtlichen Kontext und ist spannend geschrieben. Die Figuren sind ebenfalls gut gezeichnet und authentisch. Auch wenn es nicht ganz mit Kutscher mithalten kann, kommt es dem zumindest recht nahe und das ist doch auch schon mal viel wert.

Auf jeden Fall eine Krimireihe, die man im Auge behalten sollte.

Bewertung: 4.5 von 5.

Thomas Ziebula: Der rote Judas. Hamburg: Rowohlt Verlag, 2020

Paul Auster: 4321

Auf 1258 Seiten breitet Auster das Leben des Archie Ferguson aus und bei so viel Text drängt sich der Gedanke auf, dass der aber ganz schön viel erlebt haben muss. Hat er auch, aber ganz anders, als man denkt. Denn die markanten Lebensabschnitt gibt es gleich viermal. Vier Varianten eines Lebens, wie es sich abgespielt haben könnte. Mit unterschiedlichen Lebenswegen der Eltern, finanziellen Bedingungen, schulischen und beruflichen Entscheidungen, sexuellen Orientierungen und Lebensgefährt:innen…

Die Anlage des Romans finde ich extrem reizvoll. Den Gedanken, wie das Leben verlaufen wäre, wenn die Familie einen anderen sozialen Hintergrund gehabt hätte, man andere Lebensentscheidungen getroffen hätte. Es spricht für die Originalität und auch den Mut des Autor, dieses Gedankenspiel in einem Buch aufzugreifen, denn das ist schon ein recht komplexes Vorhaben. Und das ist umso faszinierender, da der Autor jede Menge biografischer Details in Archies Lebensgeschichten verarbeitet hat.

Aber nicht nur inhaltlich hat dieser Roman einiges zu bieten, denn Auster ist nicht umsonst eine Ikone der amerikanischen Literatur. Er kann einfach wahnsinnig gut schreiben und Figuren zum Leben erwachen lassen.
Allerdings beginne ich an dieser Stelle mit der ersten Einschränkung: die Sätze waren an einigen Stellen eindeutig zu lang. Ich glaube, einer ging über zwei Seiten. Das ist mir dann doch zu viel des Guten und macht das Lesen unnötig anstrengend.

Größtes Manko an dem Buch war für mich, dass es zeitweise recht aufgebläht wirkte. Das liegt natürlich an der Mehrfachanlage der Geschichte, die in ihren einzelnen Faszetten zwar unterschiedlich ist, aber durchaus auch Gemeinsamkeiten hat. Das hat zeitweilig einen Murmeltier-Effekt. Dazu kommt, dass der Autor bei einigen Themen sehr ins Detail geht, wo es nicht unbedingt nötig wäre. Baseball und Co fand ich jetzt nur bedingt interessant. Das machte es mir bei dem Umfang des Buches manchmal schwer, am Ball zu bleiben.

Bewertung: 3.5 von 5.

Paul Auster: 4321. Hamburg: Rowohlt Verlag, 2017

Sam Lloyd: Der Mädchenwald

Abgeschirmt von der Außenwelt lebt der junge Elijah mit seinen Eltern in einer Hütte im Wald. Er kennt weder Handys noch Internet und auch mit den üblichen Aktivitäten der Gleichaltrigen hat er keine Berührungspunkte. Die schulische Ausbildung haben die Eltern und deren Freundin übernommen, die ebenfalls abgeschieden in den Wäldern lebt.

Elijah ist ein Einzelgänger (geworden) und hat sich mit dem einsamen Leben arrangiert. Nicht abfinden kann er sich jedoch mit den jungen Mädchen, die im Keller eines verlassenen Hauses im Wald gefangengehalten werden. Er spürt, dass daran etwas nicht in Ordnung ist und dass er niemand von seiner Entdeckung erzählen darf. Denn dann, so ahnt er, wird sein bisheriges Leben aus den Fugen geraten…

Irgendwie faszinieren mich ja Thriller mit so einem Plot. Vielleicht weil es mich an die alten Märchen erinnert, in denen es im finsteren Wald auch immer furchteinflößend zur Sache geht. Das hat für mich nochmal einen besonderen Gruselfaktor. Auch wenn ich mir in diesem Fall beim Klappentxt schon gedacht habe, dass das auch schwer in die Hose gehen kann. Nämlich immer dann, wenn das ganze Konstrukt auf allerlei Unwahrscheinlichkeiten basiert.

Nun ist es zwar reizvoll, in dieser Kulisse allerlei gruselige Untaten zu entwerfen und wenn man als Leserin:in hin und wieder ein Auge zudrückt, wenn es mit der Logik nicht ganz so hinhaut, kann das auch eine spannende und unterhaltsame Angelegenheit werden. Von daher denke ich, dass viele mit diesem Buch auch gut bedient sein werden. Nur ich kann es nicht. Mich katapultieren unlogische und unwahrscheinliche Szenarien direkt aus der Geschichte und dann ist die Faszination und Spannung der Geschichte direkt dahin. Leider gab es in diesem Buch für mich auch das eine oder andere wichtoge Detail, das für mich nicht wirklich Sinn ergeben und die Geschichte ad absurdum geführt hat. Da ich nicht spoilern will, gehe ich hier nicht weiter ins Detail, nur so viel: die Erklärung rund um Elijah selbst haben bei mir doch heftiges Stirnrunzeln ausgelöst.

Rein vom Schreibstil und dem Spannungsaufbau hat mir der Thriller ganz gut gefallen und daher denke ich, dass er durchaus Begeisterung auslösen kann, wenn man die Dinge nicht weiter hinterfragt. Gerade die Ausführungen rund um Elijahs Geisteszustand fand ich sehr gut und hatte schon gehofft, dass sich die Geschichte in die dabei entworfene Richtung entwickeln könnte. Das hätte dem Ganzen nochmal eine interessante Wendung gegeben. Auch war mir die Geschichte unterm Strich dann doch zu reißerisch. Daher, trotz guter Ansätze war’s meins am Ende nicht, aber das ist wie alles Geschmackssache.

Bewertung: 2.5 von 5.

Sam Lloyd: Der Mädchenwald. Hamburg: Rowohlt, 2021

Margaret Atwood: Penelope und die zwölf Mägde

Die Geschichte des heldenhaften Odysseus ist allgemein bekannt. Am Rande taucht darin seine Ehefrau Penelope auf – treu liebende Ehefrau und Mutter, die ergeben in ihr Schicksal jahrzehntelang auf die Rückkehr ihres Mannes wartet.
Das die Ereignisse möglicherweise ein klein bisschen anders waren, berichtet Penelope hier selbst und das ziemlich unverblümt. Schließlich muss sie auf niemanden mehr Rücksicht nehmen, denn sie spricht direkt aus dem Hades zu uns. Und so redet sie Klartext über die Eskapaden ihrer schönen Cousine Helena, den Skandalen am Hof und dem nicht immer rühmlichen Verhalten ihres Ehegatten. Für seinen Mord an ihren zwölf Mägden fordert sie nun Gerechtigkeit…

Dieses Buch zu lesen macht einfach nur Spaß und wer denkt, klassische Sagenstoffe sind irgendwie dröge, der wird hier eines Besseren belehrt. Denn hier bekommt die Geschichte nicht nur einen komplett anderen Blickwinkel, sondern auch eine andere Sprache. Penelope redet hier, wie ihr der Schnabel gewachsen ist und das ist ausgesprochen unterhaltsam, teilweise sogar richtig lustig. Ihre schnoddrige Art steht in komplettem Gegensatz zur Anlage der Figur in der Literatur, was ich besonders gelungen finde. Auch dass die Mägde im Stil des antiken Chors immer wieder zu Wort kommen und ihr Recht fordern, finde ich ein gut eingesetztes Stilmittel.

Dieses Buch hat mich mal wieder daran erinnert, mehr Atwood zu lesen. Eine tolle Autorin und ein sehr empfehlenswertes Buch!

Bewertung: 4.5 von 5.

Margaret Atwood: Penelope und die zwölf Mägde. München: Wunderraum / Goldmann Verlag, 2022 (Original 2005)