Gert Loschütz: Besichtigung eines Unglücks

Im Zentrum dieses Roman steht ein Unfall: das schwerste Zugunglück der deutschen Geschichte im Bahnhof von Genthin 1939, bei dem zwei Züge frontal gegeneinander prallten. Es gibt zahlreiche Tote und noch mehr schwer Verletzte. Eine von ihnen ist Carla, verlobt mit dem Juden Richard aus Neuss. Doch nicht er begleitet sie auf dieser schicksalhafen Reise, sondern der Italiener Guiseppe Buonomo, der bei dem Unfall stirbt. Und als dessen Frau sich Carla kurz nach dem Unfall ausgibt…

Schon dieser kurz umrissene Inhalt war es, der mich auf dieses Buch unter den zwanzig nominierten Titeln des Buchpreises aufmerksam machte. Die historische Kulisse des Unglücks in der Zeit des Nationalsozialismus und beginnenden zweiten Weltkrieges und das Thema der Judenverfolgung war für mich sehr vielversprechend und entsprechend motiviert bin ich an das Buch herangegangen. Nur leider bekam diese positive Grundeinstellung einen derben Dämpfer.

Das gesamte erste Drittel des Buches beschäftigt sich in chronistischer Weise mit der Rekonstruktion des Unfalls in sämtlichen Details. Das mag vielleicht für Eisenbahner und ihre Fans interessant sein, bestimmt auch für ErmittlerInnen, RechtsanwältInnen oder VersicherungsbeamtInnen und den persönlich betroffenen Autor, aber sicherlich nicht für die durchschnittlichen LeserInnen. Für die ist das ausgesprochen dröge. Nun hatte ich auf die mysteriöse (Liebes)Beziehung zwischen Carla und dem Italiener gehofft, da sie in der Anlage ja das Potential für eine richtig gute Geschichte bietet. Nur leider begann sie in ähnlich trockener Schreibe als wäre sie aus Aktennotizen zum Unfallhergang zusammengeschustert. Ich habe dabei jegliche Dynamik, Spannung und Tiefgang vermisst.

Vielleicht kommt das noch im zweiten Teil des Buches, was dramaturgisch auch sehr unglücklich wäre, da man zu dem Zeitpunkt schon einen Großteil der LeserInnen abgehängt hat. Wie zum Beispiel mich.

Bewertung: 1.5 von 5.

Gerd Loschütz: Besichtigung eines Unglücks. Frankfurt amMain: Schöffling und Co, 2021

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